Abgesagtes MDR-Interview: Althaus und Tillich müssen auf Merkels Wahlkampfhilfe verzichten

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Die CDU schwächelt in Thüringen und Sachsen, die Kanzlerin hätte gerne mediale Hilfe geleistet: Doch der Mitteldeutsche Rundfunk musste am Donnerstag ein kurzfristig ins Programm gehievtes Merkel-Interview abblasen - nach dem Protest von SPD und Linke. Der Sender ist blamiert.

Merkel bei Sommerinterview: Im MDR wird sie vor der Landtagswahl nicht zu sehen sein Zur Großansicht
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Merkel bei Sommerinterview: Im MDR wird sie vor der Landtagswahl nicht zu sehen sein

Berlin/Leipzig - In diesen Tagen verlangt der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) von seinen Zuschauern besondere Aufmerksamkeit: Wer am Donnerstag in das TV-Programm einer Zeitung zwischen Harz und Thüringer Wald schaute, fand für 20.15 Uhr überraschend folgenden MDR-Eintrag: "Wie weiter im Osten, Frau Merkel?" Das dürfte insbesondere die Freunde der Sendung "Escher - der MDR-Ratgeber" verwirrt haben, die sonst zu diesem Termin zu sehen ist, zumal in den Wochen-Fernsehzeitschriften vom Merkel-Auftritt noch keine Rede war.

Die Fans von Quoten-König Peter Escher hatten sich also auf den um eine Viertelstunde nach hinten verschobenen Beginn ihrer Lieblingssendung eingestellt, während die mitteldeutschen Merkel-Fans 15 Minuten mit der Kanzlerin entgegenfieberten; auch ein Blick in das Fernsehprogramm auf der Internetseite des MDR ließ am Donnerstag noch um die Mittagszeit den geliebten Ratgeber auf die beliebte Kanzlerin folgen. Aber schon am frühen Nachmittag war auf der MDR-Seite wieder alles beim Alten: keine Merkel, Escher zur gewohnten Zeit.

Spannender als beide zusammen ist möglicherweise das Gezerre, das dem Programm-Chaos vorausgegangen war.

Ein Rückblick: Am Dienstag verschickt der MDR eine Presseerklärung, in der er Merkels Donnerstagabendtermin und ein entsprechendes Interview mit SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier für den 10. September bekanntgibt. Es dauert offenbar einen Tag, bis man in der SPD auf diese Planung aufmerksam wird.

Am Mittwoch zeigen sich die ersten Sozialdemokraten darüber empört, dass die Kanzlerin drei Tage vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen für die CDU werben soll - zur Primetime. Auch in der Berliner Parteizentrale wittert man Wettbewerbsverzerrung. Vor allem die Thüringer Sozialdemokraten sind sauer, weil sie an eine Aufholjagd gegen die CDU von Ministerpräsident Dieter Althaus glauben, der zuletzt in einer TV-Runde mit SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie und Linke-Vorkämpfer Bodo Ramelow blass geblieben war. Mancher Sozialdemokrat in Erfurt fühlt sich an die Zeiten der Aktuellen Kamera erinnert, in der DDR Hauptnachrichtensendung und Propagandainstrument der SED.

Wie nah sind sich CDU und MDR?

Der MDR als CDU-Staatssender? "Althaus schafft es nicht allein, jetzt muss Mutti ins Rennen", heißt es aus der Thüringer SPD. Über mögliche Drähte zwischen dem MDR und Merkels Umfeld wird eifrig spekuliert: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm arbeitete früher beim Bayerischen Rundfunk, wo auch der Chefredakteur des MDR-Fernsehens Wolfgang Kenntemich angestellt war. Uwe Spindeldreier, heute Leiter der zentralen Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bundespresseamt, war zuletzt Thüringer Regierungssprecher von Ministerpräsident Althaus und dessen Vorgänger Bernhard Vogel - und davor leitender Redakteur beim MDR.

Auch die Linke protestiert. Im Osten sieht man sich als Volkspartei, liegt in Thüringen und Sachsen in den Umfragen deutlich vor der SPD - von der Linken wurde allerdings kein Zugpferd ins mitteldeutsche Fernsehen eingeladen. "Eindeutiger kann der MDR nicht zeigen, auf wessen Seite im Wahlkampf er steht", sagt der Linke-Medienexperte Heiko Hilker am Mittwoch. In Sachsen, wo CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich Umfragen zufolge ebenfalls mit Verlusten rechnen muss, fühlen sich SPD und Linke vom MDR im Wahlkampf ohnehin benachteiligt: Eine gemeinsame TV-Runde Tillichs mit den Spitzenkandidaten Thomas Jurk und André Hahn kam offenbar auf Bestreben der Staatskanzlei nicht zustande.

Für die SPD ist am Mittwoch klar: Wenn Merkel vor dem Wahlsonntag 15 Minuten zur besten Sendezeit bekommt, muss das gleiche für Steinmeier gelten. Das Willy-Brandt-Haus nimmt deshalb Kontakt mit dem MDR-Hauptsitz in Leipzig auf, man will einen Termin für "Wie weiter im Osten, Herr Steinmeier?" am Freitagabend.

In Leipzig ist inzwischen offenbar auch Intendant Udo Reiter bewusst geworden, dass sein Sender auf dem Weg zur offenen CDU-Wahlkampfhilfe ist. Die erste Reaktion des MDR: Die Landesfunkhäuser in Erfurt und Dresden bieten am Mittwochabend den in den beiden Landtagen vertretenen Parteien ein zusätzliches Podium an. Alle Spitzenkandidaten sollen in getrennten Aufzeichnungen zu landesspezifischen Themen befragt werden, Sendetermin Freitagabend. Entsprechende Lücken in den Terminplänen der Spitzenleute - 72 Stunden vor dem Wahlsonntag - sind eng, aber die Büros machen sich an die Arbeit.

Am Donnerstagmorgen wird alles gecancelt

Sachsens SPD-Spitzenkandidat Jurk will es so schnell wie möglich hinter sich bringen, er ist am Donnerstagmorgen im Dresdner Landtag schon mitten in der Aufzeichnung, als um kurz vor 9 Uhr das Handy bei der betreuenden Redakteurin klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls der MDR: Man könne die Kameras wieder abbauen, das Sonderformat für Freitagabend sei gecancelt, genauso wie der Auftritt Merkels.

Erst gegen Mittag ist der Sender allerdings sprachfähig: "Der MDR zieht die mit Bundeskanzlerin Merkel und Kanzlerkandidat Steinmeier vor der Bundestagswahl geplanten Interviews zur Lage in Ostdeutschland zurück", heißt es um kurz nach 12 Uhr in einer Presseerklärung. "Dies hat MDR-Intendant Udo Reiter entschieden." Die Terminwahl des Senders, lässt Reiter zerknirscht mitteilen, "sei unglücklich gewesen". Merkel vor, Steinmeier nach den Landtagswahlen - "dadurch wäre eine einseitige Beeinflussung der Wahlkämpfe in den beiden MDR-Ländern nicht auszuschließen gewesen". Und deshalb, so heißt es weiter: "Um den Grundsatz der Chancengleichheit nicht zu gefährden, verzichtet der MDR auf die Interviews."

Zu Recht, jedenfalls nach Meinung von Gregor Gysi. Am späten Donnerstagmorgen, als von der erneuten Programmänderung der MDR noch kaum einer außerhalb der Leipziger Zentrale weiß, nennt der Fraktionschef der Linken im Bundestag das geplante Merkel-Interview "ein starkes Stück". Zu SPIEGEL ONLINE sagt Gysi: "Der MDR ist ein CDU-abhängiger Sender - darüber muss man mal nachdenken."

Die SPD sieht ihre Vermutungen nach der Entscheidung des MDR-Intendanten bestätigt. "Die Trickserei ist offenbar schiefgegangen", heißt es aus dem Willy-Brandt-Haus. Thüringens SPD-Landesgeschäftsführer Jochen Staschewski sagt: "Dem MDR ist offenbar klargeworden, dass es keine gute Idee war, Merkel für Althaus die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen."

Die CDU hat für die Absage kein Verständnis

Im Konrad-Adenauer-Haus dagegen kann man die Aufregung um den Merkel-Auftritt nicht verstehen. "Wir nehmen das mit Befremden zu Kenntnis", sagt CDU-Sprecher Matthias Barner zur MDR-Absage. Der Termin auf Einladung des Senders sei seit längerem vereinbart gewesen, "für diese überstürzte Absage fehlt uns jegliches Verständnis".

Politisches Verständnis scheint jedenfalls dem einen oder anderen MDR-Verantwortlichen abzugehen. Selbst wenn man dem Sender nicht unterstellen will, den Merkel-Termin kurzfristig vor die Landtagswahl gezogen zu haben: Warum musste erst der Intendant eingreifen, bevor die mögliche Beeinflussung der Landtagswahlen gestoppt wurde? Einem Termin, bei dem es einen Monat vor der Bundestagswahl um sehr viel geht.

Vielleicht hilft ihnen Peter Escher: Am Donnerstagabend liefert er in seiner Sendung Tipps zum Thema Wahlrecht und für die Stimmabgabe.

Mitarbeit: Christian Teevs

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