Sarrazins durchgehende Attitüde lautet: "Man wird in Deutschland doch noch sagen dürfen, dass..." Bekannt sind seine Ausführungen über "übelriechende Beamte" oder die Quote der Trainingsanzüge auf der Straße, anhand derer man den sozialen Zustand eines Viertels erkennen könne.
Wie einst Ronald Barnabas Schill in Hamburg wähnt sich Sarrazin im Kampf gegen die Mauern der politischen Korrektheit. Das ist ein einsamer Kampf gegen virtuelle Rede- und Denkverbote. Einerseits poltert Thilo Sarrazin aus der Position der gehobenen Mittelschicht, aber er benutzt auch rechtsradikale Denkfiguren, wenn er zum Beispiel sagt, die Türken eroberten Deutschland wie die Kosovaren das Kosovo durch eine hohe Geburtenrate.
Nein, hier ist kein mutiger Mahner am Werk, der Missstände anspricht, die angeblich unter der Decke gehalten werden, und der für Zivilcourage gelobt werden müsste. Hier geht es eher um Hochmut.
Sarrazin zitiert am Anfang seines Buches Ferdinand Lassalle: "Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist." Aber die Probleme der Integration - und manche Alltagsbeobachtung stimmt ja wirklich - werden in Deutschland gerade nicht verschwiegen - im Gegenteil: Sie sind Gegenstand täglicher Medienberichterstattung und Diskussion in allen Parteien, Parlamenten, aber auch in Vereinen, am Arbeitsplatz und in den Familien.
Sarrazins Behauptung, offenkundige Tatsachen würden verleugnet, ist falsch. Polemische Anklagen, die Vertreter des Multikulti-Feuilletons würden die Meinungshoheit haben, in Wirklichkeit aber Trauer tragen, dass sie überhaupt erst deutsch geboren würden, hört man sonst eher von NPD-Funktionären.
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