Integration zu beschreiben, funktioniert jedenfalls nicht so, wie Thilo Sarrazin sich das vorstellt. In seinem berüchtigten Interview im "lettre international" formulierte Sarrazin das so:
"Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bewohner von Berlin."
Sarrazin macht eine Scheinalternative auf. Harmoniesauce oder Verachtung pur - beides ist nicht richtig. Der politische Diskurs in Deutschland ist längst weiter. Integration kann nur als Zweibahnstraße gedacht werden, die sowohl die ausgestreckte Hand der einheimischen Bevölkerung, mit Bildungsangeboten, mit Integrationsförderung, mit Toleranz und Weltoffenheit beinhaltet, als auch die eingeforderte Verpflichtung, die Normen unseres Grundgesetzes zu akzeptieren.
Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gewaltmonopol des Staates, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Unantastbarkeit der Würde des Menschen, all diese Grundrechte gelten für alle Menschen in Deutschland - Deutsche wie Zuwanderer. Thilo Sarrazin sagt, dass Integration zu 80 Prozent eine Bringschuld sei, aber das stimmt nicht. Im Hamburger Grundsatzprogramm der SPD heißt es zu Recht, Integration bedingt eine gemeinsame Anstrengung von deutscher Bevölkerung und Migranten.
Auf Sarrazins "piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb"-Karikatur der deutschen Zuwanderungspolitik kann man nur kommen, wenn man seinen Banker-Schreibtisch zu selten verlässt. Die Aussage, in Deutschland arbeite ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen und Politologen und Verbandsvertretern sowie eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand intensiv an der Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung, ist das Gegenteil dessen, was Integrationspolitik ausmacht.
Es ist eine Beleidigung all jener, die sich anders als der selbsternannte Integrationsinquisitor Sarrazin den Mühen der täglichen Integrationsarbeit vor Ort unterziehen, um die unzweifelhaft vorhandenen Probleme zu überwinden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Thilo Sarrazin | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH