SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. August 2010, 13:35 Uhr

Abrechnung mit dem Provokateur

Sarrazins böse Welt

Thilo Sarrazin gefällt sich in der Rolle des Unbequemen, der Klartext spricht - in Wahrheit aber argumentiert er völlig falsch, analysiert Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner. Der prominente Sozialdemokrat sieht im neuen Buch des Bundesbankers eine pure Provokation. Eine Abrechnung in fünf Schritten.

Wenn man sich durch dieses Buch hindurchgequält hat, dann hat man eine Fülle von Statistiken, Zitaten und Alltagsbeobachtungen gelesen.

So behauptet der intellektuelle Scharfrichter Thilo Sarrazin unter Berufung auf Darwin und Mendel, dass 50 bis 80 Prozent der Intelligenz vererbt werde. Wir erfahren manches über Fertilität und dass Deutschland immer kleiner und dümmer wird. Er gibt drastische Beschreibungen einer "Unterschicht" zum besten, die ungebildet, mit motorischen Mängeln, hemmungslosem Konsum von Trash-TV und miserabler Zahnpflege zur intellektuellen Ausdünnung des Landes beiträgt.

Da werden Überfremdungsängste wortgewaltig überpointiert und das Motiv zur Einwanderung im Wesentlichen auf die Attraktivität staatlicher Transferleistungen reduziert. Wenn schon Zuwanderung, dann lieber von gebildeten DDR-Vietnamesen als von Türken und Arabern. Zuzug bitte nur noch für Hochqualifizierte - und keinerlei Transferleistungen für Einwanderer mehr.

Wir finden eine wirre Mischung aus Ökonomismus, Eugenik und kokettem Borderline-Rassismus, wie es der Journalist Jörg Lau einmal ausgedrückt hat.

Sarrazins Buch fällt weit hinter den Stand der Integrationspolitik und -forschung zurück. Seine Behauptung, dass gebärfreudige Migrantinnen aus islamischen Ländern eine Bedrohung für das zivilisatorische Gleichgewicht seien, führt ihn zu Rezepten vom Arbeitszwang bis zur rigorosen Bestrafung von - beispielsweise - Unpünktlichkeit.

Immerhin: Einen Gebärstopp à la China fordert der rhetorische Kraftmeier noch nicht.

Arme Migranten? Selbst schuld, sagt Sarrazin

Es geht ihm um Verwertbarkeit menschlicher Eigenschaften der Migranten, die mehr Kosten verursachten als sie Nutzen bringen. Arme sind an ihrer Armut weitgehend selber schuld. Die geistige und moralische Armut ist das eigentliche Problem, so Sarrazin. Aus der Sicht von wirklich Armen seien die deutschen Armen viel näher an der illusionären Millionärswelt als den Slums von Mumbai oder Jakarta. Eine weitere Belastung der Besserverdienenden erhöhe die Gefahr, dass diese sich unserer Gesellschaft weiter entfremdeten. Dauerarbeitslose seien eine Negativauslese.

Sarrazin schlägt vor, die soziale Grundsicherung deutlich abzusenken und nennt das konsequent radikal und von sympathischer Frische. Schließlich wünscht er sich eine Bevölkerungspolitik, die dazu führe, dass mehr Kinder von den Klugen geboren werden, bevor es zu spät sei.

Da ist sein Vorschlag einer Prämie für Akademikergeburten nur konsequent.

Sprachlich provokativ, aber auch sachlich richtig?

Nun ist nicht alles falsch, was Thilo Sarrazin schreibt. Seine Ablehnung eines leistungslosen Grundeinkommens ist richtig. In der Tat würde damit die Motivation für Menschen, Anerkennung zu finden, gebraucht zu werden, sich beweisen zu können, Aufstieg zu schaffen, völlig untergraben.

Sarrazin wirbt auch zu recht für Ganztagsbetreuung. Doch er benutzt Statistiken, Zitate und Wissenschaft nicht für einen fundierten Diskurs. Alles steht im Dienst der Provokation. Wie Sarrazin dazu kommt, zu unterstellen, dass die Mehrheit der Türken und Araber den deutschen Staat ablehnen, möchte man gerne belegt wissen. Viele von diesen Einwanderern sind Steuerzahler und unterstützen das deutsche Gemeinwesen.

Auch die Behauptung, türkische Einwanderer hätten keinerlei produktive Funktion, lässt sich schon mit dem Hinweis darauf, dass es deutschlandweit etwa 70.000 türkischstämmige Unternehmer gibt, die für ungefähr 330.000 Jobs sorgen, leicht widerlegen.

Nein, das, was Sarrazin schildert, ist nicht unser Land.

Sarrazin, der von sich sagt, er spreche nur unangenehme Wahrheiten aus, vertritt in Wirklichkeit eine falsche inhaltliche Position. Seine Behauptung, nicht Kinder produzieren Armut, sondern Transferempfänger produzieren Kinder, ist schon eine krasse Verkehrung der Umstände in einem Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Sarrazins Plädoyer gegen steigende Löhne von Niedrigverdienern und für eine Absenkung von Sozialleistungen, um das sogenannte Lohnabstandsgebot zu untermauern, entspricht der Methode Westerwelle, Geringverdiener und Transferempfänger gegeneinander auszuspielen. Das bleibt neoliberaler Unfug.

Kuriositäten und Geschmacklosigkeiten

Sarrazin versteigt sich zu den Thesen, Fortbildung von Unterschichtsangehörigen lohne sich nicht, und behauptet sogar, das Bildungswesen sortiere unerbittlicher, je chancengerechter die Bildung erfolge. Das ist laienpädagogischer Mumpitz. Eine fortschrittliche Bildungspolitik setzt auf längeres gemeinsames Lernen und die Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Sie gibt auch denen Chancen, die nicht aus privilegierter Herkunft kommen.

Sarrazin vergleicht in seinem Bildungskapitel beim Thema Führung, Leistungsforderung, Disziplin und Zuwendung die Bildung von Kindern mit dem Verhältnis zwischen Jäger und Hund oder Reiter und Pferd - und kommt zu der Schlussfolgerung, individuelle Begabungsunterschiede seien wesentlich wichtiger als die Qualität von Schulen.

Sarrazin schreibt:

Der absolute Wahrheitsanspruch, der dem wörtlichen Text der Suren des Koran beigemessen wird, kann je nach Vorverständnis und Textauswahl zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen fuhren. Auch zur Rechtfertigung terroristischer Aktivitäten gibt es genügend passende Suren.

Auch das ist absurd. Die Behauptung, der Islam könne nicht gedacht werden ohne Islamismus und Terrorismus, auch wenn 95 Prozent der Gläubigen friedensliebend seien, ist unverhüllte Hetze.

Daneben finden sich auch andere Kuriositäten und manche Geschmacklosigkeit. So fabuliert Sarrazin über die Tradition der Inzucht in türkischen Clans und deren mögliche Folgen für die Unterschicht der Zugewanderten. Ist es wahr, dass Zugewanderte pauschal integrationsunwillig sind? Nein! 2005 wurden in Deutschland die Integrationskurse eingeführt. Und seither haben über 600.000 Migranten daran teilgenommen.

Selbstinszenierung als "Klartextsprecher"

Sarrazins durchgehende Attitüde lautet: "Man wird in Deutschland doch noch sagen dürfen, dass..." Bekannt sind seine Ausführungen über "übelriechende Beamte" oder die Quote der Trainingsanzüge auf der Straße, anhand derer man den sozialen Zustand eines Viertels erkennen könne.

Wie einst Ronald Barnabas Schill in Hamburg wähnt sich Sarrazin im Kampf gegen die Mauern der politischen Korrektheit. Das ist ein einsamer Kampf gegen virtuelle Rede- und Denkverbote. Einerseits poltert Thilo Sarrazin aus der Position der gehobenen Mittelschicht, aber er benutzt auch rechtsradikale Denkfiguren, wenn er zum Beispiel sagt, die Türken eroberten Deutschland wie die Kosovaren das Kosovo durch eine hohe Geburtenrate.

Nein, hier ist kein mutiger Mahner am Werk, der Missstände anspricht, die angeblich unter der Decke gehalten werden, und der für Zivilcourage gelobt werden müsste. Hier geht es eher um Hochmut.

Sarrazin zitiert am Anfang seines Buches Ferdinand Lassalle: "Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist." Aber die Probleme der Integration - und manche Alltagsbeobachtung stimmt ja wirklich - werden in Deutschland gerade nicht verschwiegen - im Gegenteil: Sie sind Gegenstand täglicher Medienberichterstattung und Diskussion in allen Parteien, Parlamenten, aber auch in Vereinen, am Arbeitsplatz und in den Familien.

Sarrazins Behauptung, offenkundige Tatsachen würden verleugnet, ist falsch. Polemische Anklagen, die Vertreter des Multikulti-Feuilletons würden die Meinungshoheit haben, in Wirklichkeit aber Trauer tragen, dass sie überhaupt erst deutsch geboren würden, hört man sonst eher von NPD-Funktionären.

Wenn man seinen Banker-Schreibtisch zu selten verlässt

Integration zu beschreiben, funktioniert jedenfalls nicht so, wie Thilo Sarrazin sich das vorstellt. In seinem berüchtigten Interview im "lettre international" formulierte Sarrazin das so:

"Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bewohner von Berlin."

Sarrazin macht eine Scheinalternative auf. Harmoniesauce oder Verachtung pur - beides ist nicht richtig. Der politische Diskurs in Deutschland ist längst weiter. Integration kann nur als Zweibahnstraße gedacht werden, die sowohl die ausgestreckte Hand der einheimischen Bevölkerung, mit Bildungsangeboten, mit Integrationsförderung, mit Toleranz und Weltoffenheit beinhaltet, als auch die eingeforderte Verpflichtung, die Normen unseres Grundgesetzes zu akzeptieren.

Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gewaltmonopol des Staates, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Unantastbarkeit der Würde des Menschen, all diese Grundrechte gelten für alle Menschen in Deutschland - Deutsche wie Zuwanderer. Thilo Sarrazin sagt, dass Integration zu 80 Prozent eine Bringschuld sei, aber das stimmt nicht. Im Hamburger Grundsatzprogramm der SPD heißt es zu Recht, Integration bedingt eine gemeinsame Anstrengung von deutscher Bevölkerung und Migranten.

Auf Sarrazins "piep, piep, piep - wir haben uns alle lieb"-Karikatur der deutschen Zuwanderungspolitik kann man nur kommen, wenn man seinen Banker-Schreibtisch zu selten verlässt. Die Aussage, in Deutschland arbeite ein Heer von Integrationsbeauftragten, Islamforschern, Soziologen und Politologen und Verbandsvertretern sowie eine Schar von naiven Politikern Hand in Hand intensiv an der Verharmlosung, Selbsttäuschung und Problemleugnung, ist das Gegenteil dessen, was Integrationspolitik ausmacht.

Es ist eine Beleidigung all jener, die sich anders als der selbsternannte Integrationsinquisitor Sarrazin den Mühen der täglichen Integrationsarbeit vor Ort unterziehen, um die unzweifelhaft vorhandenen Probleme zu überwinden.

Vorurteile und vorsätzliche Verletzungen - für die SPD unerträglich

Natürlich weiß man, dass die rohe Sprache dazu dient, gute PR für ein Buch zu machen, das Riesenauflagen und entsprechende Einkünfte für Thilo Sarrazin verspricht. Leider kann man ihn nicht mal ignorieren. Wer mit Vorurteilen und Verletzungen arbeitet und dann auch noch SPD hinter seinen Namen schreibt, kann auf größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit rechnen.

Lustvoll verächtliche Formulierungen, herablassende kritische Bewertungen abzugeben, das ist mehr als für unsere Partei erträglich ist, für die Toleranz und Aufklärung, Gerechtigkeit und Solidarität immer Fundamente unserer Überzeugung waren.

Sarrazin ist in Wahrheit einer, der den Leuten die Lizenz zur Verachtung derer ganz unten erteilt, schrieb mal ein Journalist. Für die Sozialdemokratie gilt, Ton und Haltung sind keine Nebensache, wenn es um Integration geht. Integration ist heute eine Kernfrage der Gesellschaftspolitik. Und gerade wer Probleme in unserem Land nicht negieren, sondern lösen will, der darf nicht Vorurteile schüren.

Die Gefahren solcher politischer Brandstiftung kann man in vielen unserer Nachbarländer erkennen. Natürlich ist in der SPD immer Raum für verschiedene Auffassungen, aber es ist kein Platz für Hetze und Intoleranz. Wer Integrationspolitik als "Integrationsgesäusel und Gutmenschengetue" darstellt, der gehört nicht in die Reihen der Sozialdemokratie und sollte lieber heute als morgen gehen.

Eigentlich ist es ein bisschen traurig, wenn ein langjähriger Politiker - und vom Parteibuch her noch Sozialdemokrat - heute Lob von der NPD in Sachsen bekommt, die ihm ironisch das Amt des Ausländerbeauftragten anträgt.

Thilo Sarrazin gehört nicht länger in der Chefetage der Bundesbank, weil er dem Ansehen unseres Landes schadet.

Sarrazin schreibt in seinem Buch viel über das, was er seinen Urenkeln in hundert Jahren gerne hinterlassen möchte. Die düsteren Perspektiven, die der Urgroßvater für Deutschland entwickelt, sind sein Hirngespinst. Wenn die Urenkel dereinst beim Stöbern im gut sortierten Bücherschrank der Sarrazins auf dieses Buch ihres Urgroßvaters stoßen, können sie es immerhin auf dem Flohmarkt als ganz besonderes Buch verhökern.

Es war nämlich schon bei seinem Erscheinen von vorgestern.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung