Absage an Kasparow Christiansen wehrt sich gegen Ausladungsvorwürfe

TV-Moderatorin Sabine Christiansen hat Kritik an der Zusammensetzung der Talkrunde ihrer Russland-Sendung in der ARD zurückgewiesen. Die Sendung sei "ausgewogen" gewesen. Druck von russischer Seite, Ex-Schachweltmeister und Kreml-Kritiker Kasparow wieder auszuladen, habe es nicht gegeben.


Hamburg/Berlin - Der NDR und die Redaktion der Sendung "Sabine Christiansen" weisen Vorwürfe über einen Einfluss der russischen Seite auf die Sendung am Sonntag zurück. Die Einladung des russischen Oppositionspolitikers und früheren Schachweltmeisters Garri Kasparow sei von vornherein "mit einem Fragezeichen versehen" gewesen, sagte NDR-Sprecher Martin Gartzke heute der Nachrichtenagentur ddp.

Moderatorin Sabine Christiansen: "Sehr dicht besetzt"
DPA

Moderatorin Sabine Christiansen: "Sehr dicht besetzt"

Der Politiker hätte von Moskau aus in die Sendung zugeschaltet und übersetzt werden müssen. Dies habe neben den technischen und finanziellen Fragen den Ausschlag gegeben, Kasparow nicht in die Ausgabe einzubinden. Es gebe aber keinen Zweifel an der Unabhängigkeit der Sendung.

Gartzke unterstrich, in der Sendung am Sonntag, die unter dem Titel "Die Russen kommen" stand und sich um den Mord an dem russischen Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko drehte, seien ausgewiesene Putin-kritische Positionen vertreten worden, mit denen der russische Botschafter auch konfrontiert wurde.

Neben Botschafter Wladimir Kotenew saßen Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU), die langjährige Moskau-Korrespondentin der ARD, Gabriele Krone-Schmalz, der Mafia-Experte Jürgen Roth, Autor Wladimir Kaminer und der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, Anton Börner, in der Sendung.

Sabine Christiansen selbst nahm in einem Schreiben an ARD-Chefredakteur Thomas Baumann Stellung. Darin besteht sie auf ihrer Einschätzung, dass die Sendung am Sonntagabend "ausgewogen gegenüber der pro-russischen Seite besetzt" gewesen sei. Druck seitens der russischen Botschaft, Kasparow wieder auszuladen, habe es nicht gegeben. "Womit auch?" fragt sie in dem Schreiben.

Die Moderatorin betont, dass Kasparow für zwei Sendungen angefragt war. Da die Sendung am Sonntag "sehr dicht besetzt" gewesen sei, habe man entschieden, einen Besuch Kasparows im März anzustreben. Zu diesem Zeitpunkt hält sich Kasparow in Deutschland auf.

Von dieser Einladung weiß Kasparow allerdings nichts. "Das höre ich zum ersten Mal", sagte Kasparow jüngst im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Ich würde gern kommen. Aber ich will erstmal die Einladung sehen." Dass technische Gründe seine Zuschaltung in die Sendung verhinderten, kann sich Kasparow nicht vorstellen. Er glaube einfach nicht, "dass ein großer deutscher Sender so etwas nicht innerhalb von 48 Stunden beheben kann". Direkt wollte er jedoch nicht den Vorwurf erheben, dass Russlands Botschafter Kotenew Druck auf die Redaktion ausgeübt habe: "Fragen Sie die Leute im Moskauer ARD-Studio."

Gemeint ist WDR-Russland-Experte Klaus Bednarz. Auch Bednarz war ursprünglich für die Sendung vorgesehen, dann aber durch Krone-Schmalz ersetzt worden, was Christiansen mit dem hohen Männeranteil der Sendung rechtfertigte. Zugleich wies sie Äußerungen zurück, Mitglieder der Redaktion hätten gegenüber Bednarz und Roth geäußert, Kasparow sei auf Druck der russischen Botschaft ausgeladen worden. Bednarz allerdings blieb heute gegenüber ddp dabei: Redaktionsmitarbeiter hätten ihm gesagt, Kasparow sei nach russischer Intervention nicht zugeschaltet worden.

"Gott sei Dank ist Heiligabend ein Sonntag"

"Sabine Christiansen"-Sprecher Michael Ortmanns kritisierte zugleich das Vorgehen des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU). Dieser habe in den Medien von einem "Skandal" gesprochen, ohne zuvor die Redaktion zu kontaktieren. Zudem habe er ein Schreiben von Redaktionsleiter Michael Cramer an die Medien weitergegeben. Ein solches Vorgehen sei für ein Mitglied der Bundesregierung "befremdlich", sagte Ortmanns.

An Nooke perlte die Kritik heute ab. Der CDU-Politiker hat inzwischen einen Brief an die Verantwortlichen der ARD geschrieben, in dem er seine Kritik bekräftigt. "Die verantwortlichen Rundfunkräte sollen ihre Verantwortung wahrnehmen", sagte Nooke SPIEGEL ONLINE.

Forderungen des hessischen FDP-Fraktionschefs Jörg-Uwe Hahn, Mitglied im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks, nach einer vorübergehenden Sendepause für Christiansen bis zur Klärung der Vorwürfe, wollte Nooke nicht direkt kommentieren. "Ich sage nur: Gott sei Dank fällt Heiligabend auf einen Sonntag."

phw/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.