Abschied schon 2018: Briten-Abzug verunsichert deutsche Städte

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Briten vor dem Abzug: Angst in der deutschen Provinz Fotos
DPA

Die Briten wollen raus aus Deutschland - am liebsten schon 2018. Das wäre zwei Jahre früher, als bisher geplant. In der deutschen Provinz geht die Angst um. Städte wie Paderborn, Gütersloh und Celle fürchten fehlende Kaufkraft und Mietkollaps.

Hamburg - Mitten in Paderborns Innenstadt liegen 18 Hektar Problemzone. Das Gelände ist vollgestellt mit teils denkmalgeschützten Gebäuden aus der Gründerzeit. Noch residiert hier die britische Armee. Doch schon bald muss sich die Stadt um die weitere Verwendung der Liegenschaft kümmern. Denn die Briten sind auf dem Heimweg - weg aus Deutschland, zurück auf die Insel. Wie der "Telegraph" berichtet, könnte dieser Abzug sogar noch schneller abgeschlossen sein als bisher bekannt.

Das Blatt zitiert Quellen aus dem britischen Verteidigungsministerium, laut denen zahlreiche Standorte in Deutschland schon 2018 geschlossen werden könnten. Das wäre zwei Jahre früher als im bisher bekannten Zeitplan vorgesehen. Dort ist das Jahr 2020 als Deadline für die rund 17.000 Soldaten angepeilt.

Laut dem "Telegraph" wird die britische Regierung den neuen Termin in der kommenden Woche verkünden. Grund für den Sinneswandel sind demnach mögliche Ersparnisse von 300 Millionen Pfund pro Jahr. Zunächst müssten die Heimkehrer zwar teuer in Großbritannien untergebracht werden - langfristig sei der Schritt jedoch billiger.

Konkrete Standorte, die von dem rascheren Abzug betroffen sein könnten, nennt die Zeitung nicht. Die britischen Streitkräfte verweigern bisher einen Kommentar. Nachfragen von SPIEGEL ONLINE blieben unbeantwortet.

Ganz unvorbereitet trifft die mögliche Terminänderung die Städte jedoch nicht. "Wir gehen von einem Abzug im Jahr 2020 aus. Immer wieder gibt es jedoch Gerüchte, dass es auch früher passieren könnte. Daher haben wir unsere Planungen flexibel gestaltet", sagt Michael Zirbel. Als Stadtplaner in Gütersloh hat er eine gewaltige Aufgabe vor sich. "Das größte Projekt ist der Flugplatz, eine Fläche so groß wie der Flughafen Berlin-Tempelhof. Dort ist eine gewerbliche Nutzung geplant, Flächen, die wir dringend benötigen. Hier sehen wir eine große Chance des Konversionsprozesses."

Fehlende Kaufkraft trifft die Kommunen

Gleichzeitig rechnet die Stadt mit einem Verlust von rund hundert Millionen Euro an Kaufkraft pro Jahr. Denn die britischen Streitkräfte verfügen zwar auch über eigene Geschäfte in den Kasernen, kaufen aber auch im Einzelhandel. "Da sind die Auswirkungen nur schwer abzuschätzen", so Planer Michael Zirbel.

Solche Sorgen plagen auch die Stadtväter rund 50 Kilometer entfernt in Paderborn. "Viele Betriebe haben sich auf die Bedürfnisse der britischen Truppen eingestellt, seien es Autohändler oder Versicherungen", sagt Stadt-Pressesprecher Jens Reinhardt. Noch sei unklar, wie diese Betriebe den Abzug der 4000 Soldaten verkraften sollen.

Insgesamt sind 373 Hektar Militärgelände neu zu verplanen. Besonders in ungünstigen Lagen ist dies nicht immer einfach. Anlagen und Gebäude am Stadtrand ohne gute Anbindung - und davon gibt es in der Stadt genug - dürften schwer an den Mann zu bringen sein. Der größte Teil der Liegenschaften befindet sich in Besitz des Bundes.

Entwarnung in Paderborn, Sorge im Kreis Celle

Die Sahnestückchen in der Innenstadt könnten dagegen schon bald vom Problem- zum Idealbeispiel werden. "Das Areal dürfte sich leicht für die zivile Nutzung konvertieren lassen. Die Gebäude sind teils denkmalgeschützt. Wir sind in Verhandlungen, damit wir schon einmal eine Kaserne zur Probe bekommen können. Daran wollen wir den Prozess der Umwandlung durchgehen", sagt Sprecher Reinhardt.

Am schwersten dürfte der Abzug der britischen Soldaten jedoch die ländlichen Regionen treffen. Anders als Städte wie Paderborn oder Gütersloh können sie den Verlust von Kaufkraft und Tausender Mieter kaum kompensieren. "Handwerksbetriebe leiden, Wohnungen stehen leer, der Einzelhandel verliert", zählt Gerald Höhl, Dezernent im Landkreis Celle, auf.

Schon jetzt versucht man daher, das Interesse bei privaten Investoren zu wecken. Irgendjemand muss die leeren Anlagen und Häuser schließlich wieder mit Leben füllen. "Die Resonanz", so Höhl, "ist bisher aber äußerst überschaubar."

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insgesamt 97 Beiträge
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1. zum schämen dieses Land
Frau Mau 02.03.2013
Zitat von sysopDie Briten wollen raus aus Deutschland - am liebsten schon 2018. Das wäre zwei Jahre früher als bisher geplant. In der deutschen Provinz geht die Angst um. Städte wie Paderborn, Gütersloh und Celle fürchten fehlende Kaufkraft und Mietkollaps. Abschied 2018: Abzug britischer Truppen verunsichert deutsche Städte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/abschied-2018-abzug-britischer-truppen-verunsichert-deutsche-staedte-a-886388.html)
Sicherlich werden die Afghanen die Amerikaner, Deutsche usw. auch nicht ziehen lassen. Es fehlt dann einfach die Kaufkraft. Irgendwie ticken die Uhren heute andersrum. Es gab mal eine Zeit da war man froh wenn die Besatzer endlich abzogen, heute zählt zumindestens in D nur das Business
2. Dank an Polen
BeBeEli 02.03.2013
Vor 5 Jahren hatte die polnische Regierung schwere Bedenken gegen einen Abzug der Briten aus Deutschland, weil sie nicht allein auf den deutschen Verbündeten aufpassen wollten. Dadurch hat sich der Abzug immerhin verzögert. Die deutschen Bürgermeister sollten sich bei den Polen bedanken.
3. Paderborn
Joern-Michael 02.03.2013
Zitat von sysopDie Briten wollen raus aus Deutschland - am liebsten schon 2018. Das wäre zwei Jahre früher als bisher geplant. In der deutschen Provinz geht die Angst um. Städte wie Paderborn, Gütersloh und Celle fürchten fehlende Kaufkraft und Mietkollaps. Abschied 2018: Abzug britischer Truppen verunsichert deutsche Städte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/abschied-2018-abzug-britischer-truppen-verunsichert-deutsche-staedte-a-886388.html)
Ich bin in Paderborn aufgewahsen und habe meine Jugend dort verbracht, ich habe noch meine Familie und viele Freunde dort; auch britische Freunde. Ich bedauere den Abzug der Briten aus Paderborn sehr, weil sie über die Jahrzehnte zu guten Freunden wurden, was sich auch in diversen Städtepartnerschaften (z.B. Bolten) manifestierte. Es geht nicht immer nur ums Geld, Paderborn wird nach dem Abzug nicht darben müssen. Mir werden die Briten jedenfalls fehlen.
4. Laeuft wohl auf einen
friedenspfeife 02.03.2013
Zitat von sysopDie Briten wollen raus aus Deutschland - am liebsten schon 2018. Das wäre zwei Jahre früher als bisher geplant. In der deutschen Provinz geht die Angst um. Städte wie Paderborn, Gütersloh und Celle fürchten fehlende Kaufkraft und Mietkollaps. Abschied 2018: Abzug britischer Truppen verunsichert deutsche Städte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/abschied-2018-abzug-britischer-truppen-verunsichert-deutsche-staedte-a-886388.html)
"Britenabzugsoli" hinaus. Da die Briten ja ebenfalls geiz geil finden, werden die geraeumten Liegenschaften wohl "vollsaniert" oder abgetragen werden muessen, natuerlich zu lasten des Michel. Koennen nur hoffen, das es nicht so schoen teuer wird wie bei den russischen Liegenschaften in Ostdeutschland - aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.
5. Briten-Abzug
wi_hartmann@t-online.de 02.03.2013
Die betroffenen Kommunen sollten sich freuen teils umfangreiche Liegenschaften zurück zu bekommen. Die Kaufkraft der Briten ist eher gering, so z. B. auch der Amerikaner in Heidelberg. Sie haben eigene Shops und auch alle Freizeitein- richtungen auf den vor 57 Jahren beschlagnahmten Territorien. Das Gejammer der "Krämerseelen" ist allzu durchsichtig, wo es doch eigentlich nur um "Übergangshilfen" für die hoch gejubelten Ver- luste geht. Bei allen Kommunen die diesen Prozess schon hinter sich haben, ist bisher nicht der Notstand ausgebrochen, oder sind in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwelche Einschränkungen wahrnehmbar gewesen. Harry
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