Abschied vom Bundestag Fischer geht still und leise

Ganz unspektakulär soll eine der spektakulärsten Politiker-Karrieren in der nächsten Woche zu Ende gehen: Still und leise will sich Joschka Fischer einem Zeitungsbericht zufolge am Dienstag aus der grünen Bundestagsfraktion verabschieden und der Parteipolitik endgültig den Rücken kehren.


Berlin - Der Abschied des letzten Rock'n'Rollers der Politik, wie sich Joschka Fischer, 58, in einem "taz"-Interview bezeichnet hatte, hat sich lange angekündigt. Schon unmittelbar nach der Bundestagswahl im September vergangenen Jahres hatte der ehemalige Außenminister klar gemacht, dass er "die Macht wieder gegen die Freiheit" tauschen wolle. Einfaches Mitglied statt Führungsfigur - so sah sein Motto für die Zukunft aus. Nachdem der SPIEGEL vor wenigen Tagen gemeldet hatte, Fischer werde ab Herbst eine einjährige Gastprofessur in internationaler Politik an der US-amerikanischen Elite-Universität Princeton antreten, war klar: Bald wird auch der Bundestagsabgeordnete Fischer seinen Platz räumen.

Joschka Fischer in der letzten Reihe (Archivbild): Schon lange hatte sich der Grünen-Vordenker nicht mehr eingemischt 
AP

Joschka Fischer in der letzten Reihe (Archivbild): Schon lange hatte sich der Grünen-Vordenker nicht mehr eingemischt 

Am Dienstag soll der Tag des Abschieds gekommen sein, das berichtet nun die "Süddeutsche Zeitung" ohne Angabe von Quellen. Bei der letzten Sitzung der Bundestagsfraktion vor der parlamentarischen Sommerpause wolle sich Fischer von den Abgeordneten verabschieden. Bis September werde er sein Mandat niederlegen und dann seine Vorlesungen in Princeton halten, schreibt die Zeitung. SPIEGEL ONLINE wurde aus dem engen Umfeld Fischers bestätigt, dass er bei der Fraktionssitzung "seinen letzten Auftritt haben" werde.

Der Abschied des früheren Außenministers, ehemaligen Bundestagsfraktionsvorsitzenden und langjährigen Vordenkers der Partei soll laut "SZ" in kleinem Rahmen über die Bühne gehen. Der 58-Jährige wolle dazu am Dienstagnachmittag in die Fraktion kommen und eine Abschiedsrede halten. Ferner seien Ansprachen der Fraktionschefs, Renate Künast und Fritz Kuhn, geplant. Auch ein Geschenk soll es geben. Im Bundestag dagegen wolle Fischer auch zu seinem Abschied keine Rede mehr halten. Er hatte schon seit der Bundestagswahl auf Auftritte vor dem Plenum verzichtet.

Für Fischer rückt der 31-jährige in Teheran geborene Omid Nouripour ins Parlament nach. Er ist seit Ende 2002 Mitglied im Bundesvorstand der Grünen. Sein politischer Schwerpunkt ist die Rechts- und Innenpolitik.

Grünen-Mitglieder berichteten in den vergangenen Monaten von einer Entfremdung zwischen Fischer und der Partei und Fraktion und rechneten mit seinem baldigen Abschied. Jüngster Streitpunkt war Fischers abwehrende Haltung, einen Untersuchungsausschuss zur Rolle des Bundesnachrichtendienstes während des Irak-Krieges einzusetzen.

phw/dpa/AP



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