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Abschied von Bärbel Bohley: Die Mutmacherin

Ein Nachruf von Stefan Berg

Ohne sie ist der Herbst 1989 nicht vorstellbar. Bärbel Bohley rief die Menschen wach, erkämpfte Freiraum. Sie war die Aufforderung, selbst zu denken, sich einzumischen. Macht wollte sie nicht, und keine Posten. Jetzt ist die radikal individuelle Bürgerrechtlerin gestorben.

Bärbel Bohley: Malerin im Widerstand Fotos
dapd

Draußen war es kalt, aber in uns war es warm, heiß. Das Herz schlug im Takt dieser rasenden Zeit. Ich stand vor der Wohnung von Bärbel Bohley, in der Hand eine Liste mit Namen, neue Mitglieder des Neuen Forums. Ich wartete hundert Meter vor ihrer Tür, Fehrbelliner Straße. Wir kannten die Adresse irgendwoher.

Es war September 1989. Der letzte Herbst der DDR, der schönste überhaupt. Aber da standen noch andere Herren, nicht in Jeans, nicht mit langem Haar, sondern mit seltsamen Windjacken, Handgelenktaschen. Die Stasi. Und noch andere Herren, mit Kamera, das West-Fernsehen. Ich drehte ab. Ich hatte Schiss. Drinnen wohnte eine, für die das Wort "Schiss" offenbar ein Fremdwort war. Ihre Stimme war die des Herbstes 1989 - die Mutmachstimme, die Wachruferin.

Mir war ein Rätsel, wie man so leben konnte. Immer dagegen, immer bewacht. Immer hellwach. Immer aufpassen. Und immer konfrontiert mit den Erwartungen so vieler. Es gab viele Gründe, diese gottverdammte DDR zu verlassen: die Stasi, der Staatsbürgerkundeunterricht, diese öde Partei, die Mitläufer. Bärbel Bohley war ein Grund zu bleiben.

Es ist doch unser Land. Nicht das der Genossen. Das war ihre Botschaft. Schnippisch, berlinisch. Also nehmen wir uns doch dieses Land. Plötzlich war das so einfach. Sie hat den Bann gebrochen.

Der Herbst 1989 ist ohne Bärbel Bohley nicht vorstellbar. Sie saß in den Kirchen, auf den Podien, sie hatte kein Programm, sie rammte ihr Ich gegen alle verordneten Wirs. Individualismus gegen Kollektivismus. Dafür gab es Beifall, eine kurze Zeit zumindest.

"Wir wollten Gerechtigkeit"

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Als sie mit anderen das Neue Forum gründete, war es vorbei mit der führenden Rolle der Partei. Sie führte die Opposition raus aus der Kirche, rein in die Gesellschaft. Wohin? Das wusste sie nicht. An die Macht? Nein. Sie hatte wieder mehr Fragen als Antworten im Angebot, sie war die Aufforderung, selbst zu denken, sich einzumischen. Sie wollte den Freiraum, den sie erkämpft hatte, nicht für sich. Keine Macht. Keinen Posten. Vielleicht ein Fehler. Aber so war sie.

Bärbel Bohley war anstrengend für Freunde und Mitmenschen. Die Mauer fiel, da zweifelte sie wieder einmal am Willen des Volkes, das nach Westen drängte. Masse war ihr fremd. Empörung schlug ihr entgegen. Dass die Bürgerbewegten so schnell vom eigenen Volk abserviert wurden, das hing auch mit ihr zusammen.

Bärbel Bohley schlug nach der kurzen Phase der Revolution auch Hass entgegen. Der Hass der Mitläufer, ihr Leben widerlegte deren Lebenslügen. Der Hass wurde auch gesteuert - von den Redaktionen der DDR-Zeitungen, Hochburgen der Mitläuferei.

Bärbel Bohley suchte einen neuen Platz in der neuen Republik. Ob sie ihn fand? Es gab seltsam anmutende Auftritte: an der Seite Helmut Kohls, immer gegen die Nachhut der SED. Dann geriet sie aus dem öffentlichen Blickfeld. Sie zog ins ehemalige Jugoslawien, betreute Kriegskinder.

Manchmal traf man sie in den letzten Jahren in der Kaufhalle, die nun westdeutsch Supermarkt hieß, gegenüber ihrer Wohnung. Ein Kopftuch - sie hatte Krebs. Als allerlei echte und vermeintliche Helden sich 2009 feierten, hatte sie sich schon zurückgezogen. Sie wollte da nicht hin, aber sie freute sich über den Blumenstrauß, den eine Freundin ihr brachte. Fernab der Kameras.

Gegenüber ihrer Wohnung steht eine Säule, eine Gedenksäule für den Herbst 1989. Es ist jetzt ein Ort, um sich zu verneigen vor einer großartigen Frau. Ich werde eine Kerze aufstellen, und dort wieder Mut schöpfen, wenn ich ihn brauche. Danke, Bärbel Bohley.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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1. Eine mutige Frau ist von uns gegangen
Hubert Rudnick, 11.09.2010
Zitat von sysopOhne Bärbel Bohley ist der Herbst 1989 nicht vorstellbar. Sie rief die Menschen wach, erkämpfte Freiraum. Sie war die Aufforderung, selbst zu denken, sich einzumischen. Sie wollte keine Macht, keine Posten. Jetzt ist die radikal individuelle Bürgerrechtlerin gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716978,00.html
------------------------------------------------------------- Mein Beileid an die Angehörigen, das Herz einer mutigen Frau hat aufgehört zu schlagen. HR
2. Merkelmurks
Baikal 11.09.2010
Zitat von sysopOhne Bärbel Bohley ist der Herbst 1989 nicht vorstellbar. Sie rief die Menschen wach, erkämpfte Freiraum. Sie war die Aufforderung, selbst zu denken, sich einzumischen. Sie wollte keine Macht, keine Posten. Jetzt ist die radikal individuelle Bürgerrechtlerin gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716978,00.html
Was es gab: Bohley. Was aber kam: Merkel und Krause.
3. Ironie der Geschichte
Mannskerl 11.09.2010
Zitat von sysopOhne Bärbel Bohley ist der Herbst 1989 nicht vorstellbar. Sie rief die Menschen wach, erkämpfte Freiraum. Sie war die Aufforderung, selbst zu denken, sich einzumischen. Sie wollte keine Macht, keine Posten. Jetzt ist die radikal individuelle Bürgerrechtlerin gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716978,00.html
An der Seite Helmut Kohls? Muss das ein unglückseliger und unglücklicher Mensch gewesen sein, der ein deutsches Volk befreit, um das andere weiter in die geistige Stumpfheit zu zwingen! Durchaus eine tragische Persönlichkeit, die da gegangen ist. Ihr Individualismus machte sie sympathisch. Aber nicht der Preis, den die einen für die Freiheit der anderen bezahlten.
4.
teletubbi 11.09.2010
Zitat von BaikalWas es gab: Bohley. Was aber kam: Merkel und Krause.
Nun ja, aber Bärbel Bohley wollte selbst keine Macht, keine Parteipolitik, keinen Posten. Merkel und Krause kann man ihr schlecht vorwerfen.
5. tut auch niemand..
ramuz 11.09.2010
Zitat von teletubbiNun ja, aber Bärbel Bohley wollte selbst keine Macht, keine Parteipolitik, keinen Posten. Merkel und Krause kann man ihr schlecht vorwerfen.
.. die beiden letzteren elenden Ossi-Figuren stehen nur als krasse Antipoden zu eben einem universalen Charakter wie Frau Bohley.
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"Eine grosse Freiheitskämpferin"

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Bärbel Bohley
Kindheit
Bärbel Bohley wird am 24. Mai 1945 in Berlin geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Trümmerlandschaft um den Reichstag. Ihr Vater, ein Konstrukteur, arbeitete nach 1945 als Lehrer, die Mutter war Hausfrau. Nach dem 17. Juni 1953 wurde Bohleys Vater arbeitslos, weil er sich weigerte, der SED beizutreten.
Jugend
1969 beginnt sie in Berlin ein Studium an der Staatlichen Kunsthochschule, das sie 1974 als Diplom-Malerin abschließt; danach lässt sie sich als freischaffende Künstlerin in Ost-Berlin nieder.
Freiheitskampf in der DDR
AP
Bohley ist Mitbegründerin der unabhängigen Gruppe "Frauen für den Frieden" und "Initiative Frieden und Menschenrechte. 1983 kommt sie unter dem Vorwurf "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" in sechswöchige Untersuchungshaft. 1988wird sie erneut verhaftet und über die Bundesrepublik nach England abgeschoben, nach sechs Monaten kehrt sie in die DDR zurück.

1989 ist die Mitverfasserin des Gründungsaufrufes "Die Zeit ist reif" der Bürgerbewegung "Neues Forum", den binnen kurzer Zeit mehr als 250.000 Menschen unterschreiben.

Nach der Wende
DPA
1990 beteiligt sich Bohley an der Besetzung der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße unter dem Motto "Die Akten gehören uns!" Vier Jahre später ist sie Spitzenkandidatur für das "Neue Forum" bei der Europawahl. 1996 gründet sie das Bürgerbüro zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur mit.
Engagement in Jugoslawien
dpa
Von 1996 an lebt und arbeitet Bohley vorwiegend im ehemaligen Jugoslawien, wo sie sich bei Hilfsprojekten und Wiederaufbauprogrammen engagiert.

Rückkehr nach Deutschland
dapd
2008 kehrt Bohley nach Deutschland zurück und wohnt fortan im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Im Alter von 65 Jahren erliegt Bohley am 11. September 2010 in Gehren (Mecklenburg-Vorpommern) einem Krebsleiden.

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