Abtreibung Wen wir leben lassen

Wir sind stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir sind. Wenn es jedoch darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft einiges dafür, dass dies möglichst unterbleibt.

Menschlicher Fötus (künstlerische Darstellung)
Getty Images

Menschlicher Fötus (künstlerische Darstellung)

Eine Kolumne von


Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 101.200 Kinder abgetrieben. Im Jahr zuvor waren es den Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge 98.700.

Niemand weiß, warum die Zahl der Abtreibungen - oder wie man vornehm sagt: der Schwangerschaftsabbrüche - wieder zunimmt. Es interessiert auch kaum jemanden wirklich. Abtreibung ist ein unangenehmes Thema. Wir haben uns als Gesellschaft darauf verständigt, darüber lieber nicht zu reden. Wer abtreiben will, soll es tun - aber er soll die Öffentlichkeit nicht mit den Details behelligen.

Es gibt nicht viele Themen, die ein vergleichbares Unbehagen auslösen - und die deshalb so geeignet sind, für Ärger zu sorgen. Jeder Mensch, der ein Herz hat, weiß, dass es falsch ist, menschliches Leben zu beenden. Wir beruhigen uns damit, dass in diesem Fall das Thema rechtlich irgendwie gelöst scheint. Deshalb gilt auch jeder als Störenfried, der, wie der neue Gesundheitsminister Jens Spahn, daran erinnert, dass Abtreibung Unrecht bleibt.

Der Anteil verheirateter Frauen ist erstaunlich hoch

Ich habe mir die Abtreibungszahlen genauer angesehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Anteil verheirateter Frauen erstaunlich hoch ist. Die Mehrzahl der Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheidet, lebt, so darf man annehmen, in einer festen Partnerschaft. Es ist also in vielen Fällen nicht die Angst, nach einer Geburt allein dazustehen, die Frauen dazu veranlasst, eine Schwangerschaft zu beenden.

Es kann viele Gründe geben, sich gegen ein Kind zu entscheiden. Vielleicht hat man schon mehrere Kinder und traut sich kein weiteres zu. Oder man will seine Berufsaussichten nicht gefährden. Ich vermute, dass sich hier auch der Einfluss der Pränataldiagnostik zeigt, die heute zum Standard gynäkologischer Beratung gehört. Ein Screening beim Frauenarzt und schon ein paar Tage später hält man den Befund in Händen, ob das Kind genetische Auffälligkeiten zeigt.

Es ist schwer, an Belege zu kommen, welche Auswirkungen diese Form des Gesundheitstests auf die Geburtszahlen hat. Es gibt Schätzungen, wonach neun von zehn Frauen, die vom Arzt hören, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen wird, sich für einen Abbruch entscheiden. Genau weiß man es nicht, weil weder die Zahl der Kinder erhoben wird, die an Fehlbildungen leiden, noch die aufgrund einer ungünstigen Prognose eingeleiteten Schwangerschaftsabbrüche. Man muss fast den Eindruck gewinnen, dass wir es gar nicht so genau wissen wollen, so schlecht ist die Datenlage.

Wir sind wahnsinnig stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir eingestellt sind

Niemand würde öffentlich sagen, dass er Behinderung als Strafe empfindet. Manche tilgen das Wort "behindert" aus dem Sprachschatz und sprechen lieber von "unterschiedlich begabt". Wir sind wahnsinnig stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir eingestellt sind. Aber wenn es darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft alles dafür, dass dies möglichst unterbleibt. Das ist das düstere Geheimnis der Abtreibungszahlen.

Meine Kollegin Sandra Schulz hat vor ein paar Monaten ein Buch darüber veröffentlicht, wie es einer Frau ergeht, die sich dafür entscheidet, ein Kind mit Downsyndrom auszutragen. "Haben Sie sich das auch gut überlegt", ist noch einer der freundlichen Kommentare, die man in so einem Fall als Mutter zu hören bekommt. Das medizinische System ist darauf angelegt, Behinderung als eine Störung zu verstehen, die man behebt, bevor der Schadensfall irreversibel ist.

Ich kenne niemanden mit Downsyndrom. Aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen mit Trisomie 21 es sehr eigenartig finden, dass sie immer weniger werden, weil die Gesellschaft beschlossen hat, Trisomie 21 als ein Schicksal anzusehen, das man keinem Elternpaar zumuten kann. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand mit Downsyndrom von sich sagt, er wünschte, er wäre nicht geboren worden.

Das ist nicht normal, es ist zum Verzweifeln

Man kann sich damit trösten, dass ein Fötus lediglich ein Zellhaufen sei, der nichts empfindet. Aber erstens stimmt das nur bedingt. Wer die Bücher aufschlägt, in denen Schwangere über die Zeit bis zur Geburt aufgeklärt werden, bekommt einen anderen Eindruck. Ab der zehnten Woche kann das Baby den Kopf bewegen. In der elften Woche beginnt es zu gähnen, eine Woche später an den Fingern zu lutschen.

Und bei der zwölften Woche liegt ja noch nicht die Grenze. Wenn ein Arzt bescheinigt, dass einer Mutter eine Schwangerschaft aus schweren psychischen Gründen nicht zuzumuten sei, geht eine Abtreibung auch später. Wer sich mit der Praxis der Spätabtreibung vertraut gemacht hat, kann nicht glauben, dass dies in Deutschland erlaubt ist.

Ich weiß keine Lösung. Aber ich würde mir wünschen, wir würden 101.200 Abtreibungen pro Jahr nicht als normal betrachten. Tatsächlich sind sie zum Verzweifeln.

Im Video: Abtreibungsgegner in den USA

SPIEGEL TV
Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 234 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dannhaltnet 22.03.2018
1.
Sie sprechen mir aus dem Herzen
mcpoel 22.03.2018
2. Gut!
Danke für diesen nachdenklichen Beitrag. Es ist gut, wenn wir darüber endlich anfangen zu reden, daß Abtreibungen nicht der Normalfall sind, und was Kinder im Bauch ab welcher Woche schon können. Ein sehr guter Beitrag!
corentin 22.03.2018
3. Nein.
Abtreibung ist nicht Unrecht.
hansa_vor 22.03.2018
4. Wir, meine Frau und ich
haben uns zur Abtreibung unseres Trisomie 21 geschädigten Kindes entschlossen. Dies liegt 13 Jahre zurück und wir haben diese gemeinsam getroffene Entscheidung nie bereut. Mein Cousin war Trisomie 21 behindert und es muss die Hölle für ihn mit uns anderen gesunden Kindern gewesen sein, bis heute. Als "Mongoloide" noch mit Mitte 20 starben war es noch möglich als Eltern für diese Kinder bis zum Ende da zu sein, heute überleben diese Menschen ihre Eltern und verlieren den einzigen Halt den sie im Leben hatten, dies ist mehr als grausam. Mein Cousin war maximal in der Familie "inkludiert", er hat morgens den Kalender abgerissen, ist zur Arbeit in die Behinderten Werkstatt abgeholt worden und erschien auf seine Weise "glücklich". Seit seine Eltern beide tot sind, ist er nicht wieder zu erkennen, ein vollkommen zerstörtes Wesen. Wer jemals nur etwas Berührung mit geistig behinderten Meschen, welche irgendwie "inkludiert" werden sollen hatte, wird eine Abtreibung gerade ZUGUNSTEN des ungeborenen Kindes als einzige Möglichkeit der Menschlichkeit erkennen. Ja, es ist schwer diese Entscheidung (Abtreibung) zu treffen, schwerer wiegt die Entscheidung ein geistig behindertes Kind dieser Gesellschaft auszusetzen.
Lykanthrop_ 22.03.2018
5.
Eine mutige Kolumne von Herrn Fleischhauer, für die er sicherlich ein Shitstorm ernten wird. Ich bin der Meinung menschliches Leben beginnt vor der Geburt, wann genau lässt sich nicht sagen. Deswegen sollte alles was mehr ist als ein Zellhaufen nicht abgetrieben werden dürfen. Das Recht auf Leben wiegt für mich schwerer als das auf Selbstbestimmung und Bequemlichkeit von Mann und Frau. Was mich stört ist die ideologische Ladung der Debatte. Wenn man nicht aus sachlichen Gründen für oder gegen etwas ist, sondern weil es mir und meinen Gleichgesinnten nützt, ist das in vielen Fällen das Ende der Wahrhaftigkeit. Ideologische Debatten zeichnen sich dadurch aus, dass man seine Truppen versammelt und aus Schützengräben aufeinander schießt. Doch solche Kriege sind enorm zerstörerisch und das Ende der Logik.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.