Ärger auf dem Amt: Frau Ungeheuer gab das Jawort

Von David Gordon Smith

Liebe überwindet alle Grenzen - nur die deutsche Bürokratie nicht. Ein Schotte und eine Amerikanerin müssen auf dem Amt nachweisen, dass sie verheiratet sind. Die Urkunde aus den USA reicht nicht. Da bleibt nur die Hoffnung auf das Wartenummern-Lotto. 

Frischvermähltes Hochzeitspaar: Finale nach dem Ämter-Marathon Zur Großansicht
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Frischvermähltes Hochzeitspaar: Finale nach dem Ämter-Marathon

Jetzt habe ich meinen Ausweis wieder vergessen. Shit. Wenn man aus einem Land kommt, wo eine Stromrechnung als polizeiliche Anmeldung reicht, denkt man nicht ständig daran, seinen Reisepass mitzunehmen, wenn man mal eben von Berlin-Prenzlauer Berg nach Berlin-Mitte fahren will.

Ich bin zu einer Ausweisstelle gekommen, die hier nicht genannt werden soll, um meinen Presseausweis abzuholen. Jetzt muss ich beweisen, wer ich bin. Nur den Pass habe ich eben nicht dabei.

Ich probiere es mit dem Presseausweis von letztem Jahr. Mit Lichtbild immerhin, das sollte doch genügen. Aber die Frau am Schreibtisch - nennen wir sie Frau Böse - schüttelt ihren Kopf. "Aber schauen Sie doch, Frau Böse", argumentiere ich verzweifelt. "Sie selbst haben mir doch diesen Ausweis ausgestellt. Und jetzt wollen Sie ihn nicht als Beweis meiner Identität akzeptieren?"

Das hätte ich mir sparen können. Ohne Ausweis ist man in diesem Land nichts. Abmarsch, demnächst ein neuer Versuch.

Bürokratie für Fortgeschrittene

Eigentlich sollte mir so etwas nicht mehr passieren. Nach 13 Jahren in Deutschland weiß ich natürlich, dass man sein Haus nie verlassen sollte, ohne die folgenden Dokumente einzustecken: Reisepass, polizeiliche Anmeldung (auf dem britischen Pass steht ja keine Adresse), Geburtsurkunde, Mietvertrag, Arbeitsvertrag und die Freizügigkeitsbescheinigung (ein absolut nutzloses Dokument, das offenkundig als Trostpreis geschaffen worden ist, um die armen deutschen Bürokraten zu besänftigen, die zähneknirschend die Aufenthaltsgenehmigungspflicht für EU-Bürger abschaffen mussten). Doch ohne diese komplette Sammlung von Urkunden kann man wenig unternehmen. Man benötigt sie, um zum Beispiel Pakete bei der Post abzuholen, Mitglied in der Bibliothek zu werden oder Bowlingschuhe auszuleihen.

Wenn ich eine notariell beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde meiner Mutter hätte, würde ich sie auch mitnehmen.

Und das ist keine Übertreibung. Wenn man zum Beispiel als Ausländer in Deutschland heiraten will, braucht man die tatsächlich. Wer wundert sich da noch, dass viele von uns lieber ins lässige Dänemark fahren, um zu heiraten?

Richtig für Fortgeschrittene ist aber die amtliche Zumutung, etwas zu beweisen, das sich nicht beweisen lässt. Wer in Deutschland heiraten will, muss belegen, dass er nicht schon verheiratet ist. Der Nachweis, dass man geheiratet hat, ist leicht zu erbringen. Aber wie soll man dokumentieren, dass man eben nicht verheiratet ist? In den USA, der Heimat meiner Frau, gibt es eine Ledigkeitsbescheinigung, wie sie deutsche Ämter fordern, nicht.

Jetzt sind wir verheiratet - und sie glauben es nicht

Wir umgingen das Problem elegant und heirateten in den Staaten. Die dazu nötige offizielle Prozedur dauerte gerade einmal 15 Minuten. Im Courthouse gab es die Marriage License. Dann noch - zack, zack! - nach der Zeremonie eine Unterschrift. Und fertig.

Das Problem holte uns allerdings wieder ein, als wir eine Geburtsurkunde für unsere in Berlin geborene Tochter beantragen wollten. Denn das Bezirksstandesamt, das hier nicht genannt werden soll, wollte unsere Hochzeitsurkunde nicht anerkennen. Warum man die braucht, um eine Geburt zu registrieren? Weil auf der Geburtsurkunde vermerkt sein muss, ob die Eltern verheiratet sind oder nicht. Andernfalls würde Deutschland im Chaos versinken.

Die nette Frau im Standesamt - lasst sie uns Frau Ungeheuer nennen - hat die Hochzeitsurkunde nur kurz angeschaut und konstatiert: Das sei nur der Nachweis einer religiösen Zeremonie, "wie die Türken es hier in der Moschee machen". Unabdingbar sei jedoch die Urkunde der standesamtlichen Hochzeit. Es war vielleicht doch keine so gute Idee, in einem Hindu-Tempel zu heiraten. Frau Übel jedenfalls wollte uns nicht ihren Segen geben.

In den Staaten besteht kein Unterschied zwischen religiöser und standesamtlicher Hochzeit. Hochzeit ist Hochzeit. Egal ob sie auf dem Standesamt, in einer Kirche oder - um Shivas Willen! - in einem Tempel vollzogen wird.

Doch diese Erklärung befriedigte Frau Ungeheuer nicht. Wir müssten eine bessere Bescheinigung von der US-Behörde holen, sonst könne sie keine Geburtsurkunde ausstellen, da es unklar sei, ob wir eigentlich verheiratet seien.

Anrufe beim Courthouse halfen nicht. "Was meinen Sie, Sie müssen beweisen, dass Sie rechtlich verheiratet sind? Sie haben doch eine Hochzeitsurkunde." So ist das eben, wenn man beweisen muss, was eigentlich nicht zu beweisen ist.

Frau Ungeheuer oder Herr Unmensch? Das Wartenummern-Lotto

Man darf jedoch im Umgang mit der deutschen Bürokratie niemals aufgeben. Das Land gilt zwar als Heimat der Rationalität, der Rechtsstaatlichkeit und Effizienz - erlaubt aber ein überraschend breites Spektrum von Auslegungen. Welchen Bescheid ein Bittsteller erhält, entscheidet das Wartenummern-Lotto. Landet man bei Frau Übel oder bei Herrn Unmensch?

So war es auch bei unserer Angelegenheit. Wir überlegten, der Verzweiflung nahe, ob wir vielleicht eine eidesstattliche Erklärung abgeben könnten. Oder sollten wir lieber gleich behaupten, wir seien gar nicht verheiratet? Wir haben uns dann entschieden, eine Certified Copy unserer Heiratsurkunde anzufordern, eine beglaubigte Kopie. Das war das einzige, was uns die Amerikaner anbieten konnten. Einen letzten Versuch ist es wert, dachten wir uns.

Und dann hat es geklappt. Frau Ungeheuer hat das Dokument - selbstverständlich von einer staatlich geprüften Übersetzerin ins Deutsche übertragen und mit einem Stempel versehen - angeschaut und uns nun tatsächlich geglaubt, dass wir jetzt wirklich verheiratet sind. Obwohl das neue Papier keine weitere Informationen als unsere Heiratsurkunde enthielt. Aber Frau Ungeheuer schien wohl auch geneigt, den langwierigen Fall zu schließen.

"Prima!" sagte meine Frau, als wir den Kinderwagen die Treppen des Standesamts runterschleppten. "Jetzt müssen wir nur noch den deutschen Kinderpass, das Elterngeld, das Kindergeld, den Kitagutschein und den Kinderfreibetrag für die Kleine beantragen!"

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insgesamt 111 Beiträge
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1. Der deutsche Ausweis-Wahn
Kudi 18.08.2011
Ich wundere mich immer, weshalb bei einer Polizeikontrolle die Kfz-Fahrer aufgefordert werden, sowohl Führerschein als auch Personalausweis vorzuweisen. Ohne Personalausweis gibt es doch keinen Führerschein!
2. falsch
archie, 18.08.2011
Zitat von KudiIch wundere mich immer, weshalb bei einer Polizeikontrolle die Kfz-Fahrer aufgefordert werden, sowohl Führerschein als auch Personalausweis vorzuweisen. Ohne Personalausweis gibt es doch keinen Führerschein!
Es heißt "Führerschein und Fahrzeugschein". Der Personalausweis muss gar nicht mitgeführt werden.
3. uebertrieben
Oskar ist der Beste 18.08.2011
Zitat von sysopLiebe überwindet alle Grenzen - nur die deutsche Bürokratie nicht. Ein Schotte und eine Amerikanerin müssen auf dem Amt nachweisen, dass sie verheiratet sind. Die Urkunde aus den*USA*reicht nicht. Da bleibt nur die Hoffnung auf das*Wartenummern-Lotto.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,778040,00.html
nett geschriebener Beitrag, aber irrefuehrend...wer naemlich glaubt, dass die Buerokratie in Deutschland ueberbordend ist, der hat noch nicht erlebtt, was passiert, wenn man in England - ein Bankkonto eroeffnen will. - ein Jobangebot annehmen will. - eine eigene Telefonleitung haben will. Der Schwachsinn, der dann losbricht, ist derart irrsinnig, dass man sich ueber Deutschland (auch und gerade als Zugereister) besser nicht aufregt. Und das in Deutschland ausschliesslich standesamtliche Trauungen zaehlen, ist Ausdruck eines zivilatorischen Fortschritts und keine Schikane.
4. Führerschein und Fahrzeugschein
harvey69 18.08.2011
Zitat von archieEs heißt "Führerschein und Fahrzeugschein". Der Personalausweis muss gar nicht mitgeführt werden.
Das ist so leider auch nicht richtig. Der Führerschein ist nämlich nur in Verbindung mit einem Personalausweis gültig. So ist es zu erklären, daß meine Frau, Ihren Namen im Führerschein nicht ändern mußte, aber im Personalausweis, in dem beide Namen aufgeführt sind (Geburtsname und Name nach der Heirat). Ich könnte mir vorstellen, daß auch wenn die Polizei nach Führerschein und Fahrzeugschein fragt und sich da eine Diskrepanz ergibt, durchaus auch noch nach dem Personalausweis gefragt wird. Der Perso muß zwar nicht mitgeführt werden, es ist aber empfehlenswert.
5. in Amrika ist alles besser
wutzimat1000 18.08.2011
... und da dachte ich, ich benötige einen biometrischen Reisepass um in die USA einzureisen. Dabei reicht wohl ein Presseausweis für den Bräutigam und für die Braut eine Stromrechnung.
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