Ärger für CSU: Sudetendeutsche schimpfen über Türken-Vergleich

Von , München

Erst die Sudetendeutschen prima integriert, jetzt die Türken, warum soll das nicht auch klappen - fragte sich Bayerns CSU-Fraktionschef Schmid und bekam die Quittung von den Vertriebenen: Mit "zugewanderten Muslimen" wollen die nichts gemein haben. Schmid bedauert jetzt das "Missverständnis".

München - Sie sind die treueste Truppe der CSU, das verlässlichste Wahlvolk in Bayern: die Sudetendeutschen, die nach Krieg und Vertreibung aus der Tschechoslowakei eine neue Heimat im Freistaat fanden. Von den insgesamt 2,8 Millionen sudetendeutschen Vertriebenen kam rund eine Million nach Bayern. Von Anfang an verstand sich die CSU als ihr oberster Schutzherr. Der Ex-Vorsitzende Edmund Stoiber etwa ließ keinen Sudeten-Treff aus, prangerte jedes Jahr das erlittene Unrecht an.

CSU-Fraktionschef Schmid: "Absoluter Schmarrn"
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CSU-Fraktionschef Schmid: "Absoluter Schmarrn"

Über 60 Jahre liegt die Vertreibung zurück - aber noch immer sind die bayerisch-tschechischen Beziehungen angespannt. Die Sudeten fühlen sich gut vertreten durch die bayerische Staatspartei, lassen sich gern neben Altbayern, Franken und Schwaben als "vierter Stamm" des Landes titulieren.

Und jetzt das: Ausgerechnet Bayerns neuer CSU-Fraktionschef Georg Schmid hat für Verstimmung im so engen christsozial-sudetischen Verhältnis gesorgt. In einer Pressemitteilung, eigentlich gemünzt auf den bisher mangelnden Integrationswillen insbesondere der Türken in Deutschland, verwies Schmid auf das Positivbeispiel der Sudetendeutschen: "Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es zum Beispiel im Freistaat gelungen, dass Vertriebene zu selbstbewussten Bayern mit sudetendeutschen Wurzeln wurden." Und weiter: "Warum soll das im 21. Jahrhundert nicht mit den Türken möglich sein?"

Sudetendeutsche? "Keine 'Migranten'"!

Ein Vergleich von Türken und Sudetendeutschen - das findet der Traditionstrupp aus Böhmen und Mähren gar nicht lustig. "Die Sudetendeutsche Landmannschaft weist den Vergleich des CSU-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Georg Schmid, zwischen vertriebenen Sudetendeutschen und zugewanderten Muslimen als unpassend zurück", empörte man sich per Mitteilung an die Presse. "Die Sudetendeutschen waren - wie auch die Nieder- und Oberschlesier, Ost- und Westpreußen, Hinterpommern und Ostbrandenburger - deutsche Staatsangehörige", wurde der CSU erläutert.

Deutsche Heimatvertriebene seien "keine 'Migranten' im Sinne des Ausländerrechts". Zum Schluss gibt's noch eine Watschen für Georg Schmid: "Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein, der Schirmherr der Sudetendeutschen, und Staatsminister Erwin Huber, der Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union, wissen dies auch und treffen diese Unterscheidung sehr genau." Nur Schmid weiß es nicht, soll das heißen.

Harte Zeiten für den Fraktionsvorsitzenden, der sich wegen seiner Kämpfe ums härteste Rauchverbot der Republik schon den Beinamen vom "eisernen Georg" erarbeitet hat - und den Ärger radikal-rauchender Wähler und ihrer Gastwirte bei den Kommunalwahlen vor zwei Wochen erntete. Erst die Raucher, jetzt die Sudetendeutschen - sechs Monate vor der Landtagswahl vergrätzt sich die CSU ihre Stammklientel.

Ein Parteifreund Schmids reagierte heftig: "Der Vergleich ist in jeder Beziehung völlig unpassend", sagte der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt im "Münchner Merkur". Posselt ist auch Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, und als solcher glaubt er, "dass der Herr Schmid auch klar sieht, dass der Vergleich nicht zutreffend war".

Klar weiß das der Herr Schmid: "Ich habe die Sudetendeutschen selbstverständlich nicht verärgern wollen, das ist doch absoluter Schmarrn." Er wollte "sie, ihre Tatkraft und ihre Leistungen bei der Gestaltung Bayerns nach dem Krieg würdigen, sonst nix", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Zuwanderung der Türken und Vertreibung der Sudetendeutschen, das sei "historisch nicht miteinander vergleichbar: Die Sudetendeutschen waren und sind schon immer Deutsche, sie haben zwangsweise ihre Heimat verlassen müssen, ihnen ist massives Unrecht geschehen." Die Zuwanderung türkischer Staatsbürger dagegen beruhe "vor allem auf der Aussicht auf bessere Lebensbedingungen als in ihrer Heimat".

Schmid betonte, er habe in seiner Erklärung "die außergewöhnliche und exzellente Aufbauleistung der Vertriebenen kommentieren" wollen. Diese hätten "maßgeblich zum Aufstieg Bayerns beigetragen". Das habe er "positiv darstellen" wollen, aber vielleicht sei dies "missverständlich formuliert" gewesen. Und Parteifreund Posselt? "Mit dem Bernd habe ich inzwischen schon gesprochen", sagt Schmid. Der wisse, "dass ich nicht nur ein treuer Besucher aller Sudetendeutschen Tage bin, sondern den Anliegen der Sudetendeutschen auch sehr nahestehe".

Das hat Schmid auch in einem Brief an Franz Pany, den Vorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft dargelegt. Er bedauere die "Irritationen und Verstimmungen", heißt es dort. Das ist angekommen. Pany versöhnlich zu SPIEGEL ONLINE: "Ich sehe das als Missverständnis, es war unglücklich formuliert." Gemeinsam solle man jetzt "nach vorn schauen, wir sind Partner", sagt Pany.

Am Donnerstag nächster Woche wird es ein Gespräch im Landtag geben - das war allerdings schon länger eingeplant. Schmid in seinem Brief: Dieses Treffen biete "eine gute Gelegenheit, über die Fortsetzung unserer ausgezeichneten Zusammenarbeit zu sprechen". Pany sieht das genauso: "Schmid wird mit uns keinen weiteren Ärger haben, wir sind nicht nachtragend."

Dann kann die Landtagswahl ja kommen.

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