Neue AfD-Abgeordnete Angry Birds

Wer sind die 61 Abgeordneten, die die AfD in die drei neu gewählten Landtage schickt? Unter ihnen finden sich Neulinge, politische Seitenwechsler und Wutbürger, die ihre radikale Haltung nicht verhehlen.

Von , Yannic Rehm und

Neue Landtagsabgeordnete der AfD
AfD (2); AFP; DPA (3); imago; Ge

Neue Landtagsabgeordnete der AfD


Die Wahlerfolge vom Sonntag haben 61 Kandidaten der Alternative für Deutschland zu Abgeordneten der Landtage gemacht. In Sachsen-Anhalt kreuzte jeder vierte Wähler das Kästchen bei den Rechtspopulisten an, auch in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg holte die Partei aus dem Stand zweistellige Ergebnisse.

Die guten Resultate haben auch innerhalb der Partei so manchen überrascht. Und so finden sich einige der Kandidaten auf hinteren Listenplätzen auf einmal im Landtag wieder. Plötzlich Parlamentarier.

Wen schickt die AfD in die Landtage? Hinter den Spitzenkandidaten finden sich viele Politikneulinge ebenso wie Seitenwechsler, die früher im linken Spektrum aktiv waren, oder auch Neupolitiker, die aus ihren radikalen Ansichten keinen Hehl machen.

Heißt: Die ehemals als Professoren-Partei titulierte AfD schickt eine wilde Mischung in die Parlamente - viele Männer, ein paar Frauen. Der Überblick über einige Neuparlamentarier in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.

Baden-Württemberg: Ein freundliches Gesicht - und rechte Parolen auf Facebook

In Baden-Württemberg präsentiert sich die AfD gediegener und moderater als in anderen Bundesländern. Zumindest auf den ersten Blick wirken die neuen Abgeordneten auch so. Neun der 23 tragen einen Doktortitel, Spitzenkandidat Jörg Meuthen ist sogar Professor.

Jörg Meuthen
AFP

Jörg Meuthen

Der 54-Jährige ist das freundliche Gesicht der Partei. Ursprünglich als Bernd-Lucke-Fan eingetreten, ist er mittlerweile Frauke Petrys Co-Sprecher. In Baden-Württemberg trat er als Spitzenkandidat an und holte in seinem Wahlkreis Backnang fast 20 Prozent der Stimmen. Meuthen wirkt moderat, übersteht auch Talkshows ohne Blöße, wagte sich sogar in ein Interview mit der bissigen "heute-show" - er kam zwar nicht zu Wort, aber gut weg.

Hinter Meuthen folgt eine Mischung aus Lokalpolitikern und Wutbürgern, die sich zum radikalen Flügel der Partei bekennen. Da ist Bernd Grimmer, der mit 24,2 Prozent in Pforzheim eines von zwei Direktmandaten im Südwesten holte. Grimmer, 65 Jahre alt, war Gründungsmitglied der Grünen, saß für sie zehn Jahre lang im Gemeinderat, bis er in den Neunzigern die Partei verließ. Später war er bei den Freien Wählern, den Sprung in den Landtag schafft er erst jetzt mit der AfD. Seine wechselvolle Parteilaufbahn erklärt er so: Er habe, sagte er dem SPIEGEL, schließlich schon immer die US-Interventionspolitik kritisiert.

Bernd Grimmer
DPA

Bernd Grimmer

Carola Wolle - 18,7 Prozent im Wahlkreis Neckarsulm - ist eine von drei Frauen der neuen Fraktion. Sie treibt vor allem die Bildungspolitik um. Auf ihrer Facebook-Seite wettert sie gegen "Gender-Gaga" und "Frühsexualisierung der Kinder". Die 52-Jährige führt eine kleine Firma für Heizungssteuerungstechnik mit drei Mitarbeiten. Ansonsten widmet sich Wolle - Lieblingsfilme "Gandhi" und "Ziemlich beste Freunde" - auf ihrem Profil der angeblichen Lügenpresse und dem Islam. Die Vorfälle zum Jahreswechsel in Köln nennt sie "Silvester-Pogrome". Wolle sitzt im Landesvorstand und unterstützt den rechten Rand der Partei um Björn Höcke - sie unterzeichnete die umstrittene Erfurter Resolution, in der Höcke die AfD als patriotische "Widerstandsbewegung" gegen die Aushöhlung der deutschen Identität durch "Gesellschaftsexperimente" positioniert.

Auch Heinrich Fiechtner verhehlt seine Sympathien für den Rechtsaußen Höcke nicht. Im Wahlkampf lud er den Thüringer nach Geislingen/Steige ein - und trotzte dabei den Protesten von Bürgern und einem Hausverbot, das der Bürgermeister verhängen wollte. Fiechtner, Internist mit Praxis in der Stuttgarter Innenstadt und AfD-Gemeinderat, trägt gern Fliege und hat einen Medienberater, der ihn in Begleitung eines SPIEGEL-TV-Teams zur Tour durchs Migrantenviertel Duisburg-Marxloh schickte. Fiechtner provoziert gern, nannte Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) etwa einen "miesen faschistoid-populistischen Scharfmacher". Im April teilte er laut einem "Bild"-Bericht zum Geburtstag Adolf Hitlers auf Facebook dessen Foto mit dem Satz: "Der wichtigste Politiker bis heute." Das sei Satire, sagte Fiechtner später.

Heinrich Fiechtner
imago/ Lichtgut

Heinrich Fiechtner

Rheinland-Pfalz: Oberstleutnant Junge und der "Tatort"-Kritiker

Angeführt wird die AfD in Rheinland-Pfalz von Uwe Junge. Der Bundeswehroffizier, vom Rang Oberstleutnant, trat 2013 in die AfD ein, war aber von 2010 bis 2011 bei der Partei "Die Freiheit", die später vom bayerischen Verfassungsschutz als islamfeindlich eingestuft wurde. Junge will die weitere Zuwanderung stoppen, ein immer wiederkehrendes Thema ist seine Kritik an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. "Merkel wird am Ende alles geschafft haben, erst ihre Partei, dann unser Land und zuletzt Europa", lautet einer seiner Standardsätze.

Uwe Junge
DPA

Uwe Junge

Joachim Paul, Gymnasiallehrer, ist die Nummer 2 der Landesliste in Rheinland-Pfalz. Er bezeichnet sich selbst als "weltoffenen profilierten Konservativen" und wirbt mit einem Spruch des Sozialisten Ferdinand Lassalle: "Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist." Für den Landesverband leitete er eine Kampagne gegen Rundfunkgebühren ("GEZ") unter dem Titel "Genug abGEZockt". Ein Dauerthema in der AfD ist die Kritik an der feministischen Geschlechterforschung. Paul lobt auf seiner Homepage das Buch "Gender-Gaga" der Autorin Birgit Kelle. Es habe das Zeug, "ein Meilenstein der Kritik zu werden".

Joachim Paul
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Joachim Paul

Michael Frisch, ebenfalls Lehrer und Parteichef in Trier, sorgte für Aufsehen, als er Verständnis für Teile des Programms der antiislamischen Pegida-Bewegung zeigte: Es gebe dort viele vernünftige Forderungen, die so oder ähnlich auch bei den bürgerlichen Parteien zu finden seien. Pegida gehe es "nicht mehr nur um die Bedrohung durch den Islamismus, es geht um Freiheit und Demokratie". Frisch sieht das "traditionelle Familienbild" unter dem "dauernden Beschuss ideologisch motivierter Indoktrination".

Gabriele Bublies-Leifert zieht auf Platz 10 in den Landtag ein - sie ist eine von drei Frauen in der Fraktion. Sie züchtet mit ihrem Mann Australian Shepherds, eine Hunderasse. Die 49-Jährige kommt aus einer traditionellen SPD-Familie, hat sich vor allem wegen der Hartz-IV-Reformen von der SPD enttäuscht abgewandt. 2015 unterschrieb sie die "Erfurter Resolution" des weit rechts in der AfD stehenden Thüringer Landeschefs Höcke. Dem SPIEGEL sagte Bublies-Leifert, sie habe das Papier unterzeichnet, weil sie befürchte, dass die Zuwanderung die sozialen Sicherungsysteme belasten könnte.

Heribert Friedmann
AFD Rheinland-Pfalz

Heribert Friedmann

Heribert Friedmann ist Polizeihauptmeister und künftig auch AfD-Landtagsabgeordneter in Mainz. Als kürzlich ein ARD-"Tatort" einen Asylfall von 2005 thematisierte und dabei ein kritisches Bild der Polizei zeichnete, verwahrte er sich in einer Erklärung auf Facebook gegen ein "verzerrtes Bild der deutschen Polizei". Die Beamten müssten täglich "die Knochen für die verfehlte Sicherheits-, Einwanderungs- und Asylpolitik der Altparteien hinhalten". Die ARD-Programmverantwortlichen, behauptete Friedmann, "präsentieren sich als medialer Arm der Altparteien, die unsere Polizei seit Jahrzehnten kaputtsparen".

Sachsen-Anhalt: Rudi Dutschke von rechts - und kaum Frauen

Landeschef André Poggenburg hat seinen Wahlkreis Zeitz mit 31,6 Prozent der Stimmen gewonnen. Als Mitglied des Bundesvorstandes hat er gute Chancen, die neue AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag anzuführen - es wird mit 24 Abgeordneten die größte Fraktion der jungen Partei in Deutschland: 22 Männer, zwei Frauen.

Der 41-Jährige ist neu in der Politik und inhaltlich auf einer Linie mit Höcke. So forderte er auf einem Parteitag im Januar bei der Aufnahme von Flüchtlingen eine "Obergrenze von Null". Anfang des Jahres war Poggenburg zudem wegen nicht bezahlter Rechnungen seiner Firma für Autozubehör in den Schlagzeilen und musste "ein gewisses Versäumnis bei der ordnungsgemäßen Buchhaltung" einräumen.

André Poggenburg
DPA

André Poggenburg

Andreas Mrosek ist Kanalsteurer und, laut eigener Webseite, mehrfacher Weltmeister im Bankdrücken. Im Jahr 2002 wollte er schon einmal in den Landtag - damals für die rechte kurzlebige "Freiheitliche Deutsche Volkspartei". Heute möchte er darauf nicht mehr angesprochen werden: Er habe nur "als Mitläufer die Liste aufgefüllt", sagte er dem SPIEGEL. Später war Mrosek CDU-Stadtrat in Dessau, trat aus der Partei aber wieder aus, weil sie Deutschland in eine "EU-Diktatur" führe. Als er 2014 versuchte, Bürgermeister von Dessau-Rosslau zu werden, erhielt er 6,8 Prozent der Stimmen.

Hans-Thomas Tillschneider lehrt als Assistent am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Bayreuth und bezeichnet sich als "eine Art Rudi Dutschke von rechts". Sprechen will der ehemalige Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes aber nur mit "befreundeten Medien" - ein Interview mit der "taz" lehnte er deshalb ab. Bei AfD-Demonstrationen zeigt sich Tillschneider gern mit dem Thüringer Landeschef Höcke, den er auch gegen Kritik verteidigt. In einem Bericht der ARD-Sendung "Monitor" sagte er: "Björn Höcke hat da in einer Rede bei einem minderwichtigen Anlass etwas gesagt, was unausgegoren war. Und ansonsten ist alles, was er sagt, tadellos."

Hans-Thomas Tillschneider
imago/ Jens Jeske

Hans-Thomas Tillschneider

Auf die Frage, ob er auf Flüchtlinge an der Grenze schießen würde, sagte Jens Diederichs der "Mitteldeutschen Zeitung": "Wenn es die Situation erfordert, würde ich es wohl tun müssen. Aber dafür gibt es genaue Vorschriften, die den Schusswaffengebrauch regeln." Der ehemalige Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR arbeitet in der Justizvollzugsanstalt Halle. Zuvor war er laut Mitteldeutscher Zeitung als Kurierfahrer tätig: "Da habe ich die Ausbeutung des Menschen im kapitalistischen System hautnah erlebt."

Über die AfD-Landesliste kommt Ex-CDU-Mitglied Ulrich Siegmund in den Landtag von Sachsen-Anhalt. Ihm scheint das Thema Tierschutz wichtig zu sein. Als 2013 ein ausgesetzter Hund in einem Gewerbegebiet starb, kommentierte Siegmund den Bericht einer Lokalzeitung und forderte bei Facebook die Bestrafung des Täters: "Erschießen wäre zu soft...Das Schwein kann man nicht genug strafen..." Den Kommentar hat er inzwischen gelöscht.

Vom Kommunist im Ruhrgebiet zum AfD-Abgeordneten in Sachsen-Anhalt - Robert Farle war viele Jahre im sehr linken politischen Spektrum zu Hause. Als aktiver Kommunalpolitiker für die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Dann der Seitenwechsel. Zur Wahl in Sachsen-Anhalt setzte der Ex-Kommunist Farle laut "Magdeburger Volksstimme" auf Sprüche wie: "Deutschland muss Deutschland bleiben. Ich will nicht in 30 Jahren von den Amerikanern oder einer islamischen Regierung gesteuert werden."



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