AfD-Spitzenkandidaten Alles andere als gemäßigt

Die AfD hat im Spitzenteam dem Rechten Alexander Gauland die Ökonomin Alice Weidel an die Seite gestellt. Sie soll moderate Wähler ansprechen. Doch sie ist ebenso Hardlinerin wie andere sogenannte Gemäßigte auch.

AfD-Spitzenkandidaten Weidel, Gauland
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AfD-Spitzenkandidaten Weidel, Gauland

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Alice Weidel ist anders als viele in der männlich dominierten AfD. Sie lebt mit Partnerin und zwei Kindern zusammen. Ihr Lebensmodell wirkt wie der Gegenentwurf zum traditionellen Familienbild mit Vater, Mutter und Kind, wie es im Wahlprogramm der AfD propagiert wird.

Lesbisch, modern - vielleicht hat Weidel deshalb lange Zeit von den Medien das Etikett verpasst bekommen, eine Vertreterin des liberalen Flügels zu sein. Auch von SPIEGEL ONLINE.

Es sind Zuschreibungen, die noch nach dem klassischen Muster funktionieren, mit dem andere Parteien in einen "linken" und "rechten" oder "liberalen" und "konservativen" Flügel eingeteilt werden. Im Falle der AfD fällt das schwer, es geht eigentlich nur noch um graduelle Abstufungen in einer rechtspopulistischen Gemeinschaft. Der Bundesparteitag in Köln hat das zuletzt eindrücklich dokumentiert - am Beispiel von Weidel.

Die Unternehmensberaterin, die nun mit Parteivize Alexander Gauland das Spitzenduo im Bundestagwahlkampf bildet, mied selbst Begrifflichkeiten wie "liberal" oder "wirtschaftsliberal", als sie um die Beschreibung ihrer Position in der Partei gefragt wurde. Noch im März klang das etwas anders: In der "Welt" erklärte sie, sie stehe für eine "liberal-konservative Ausrichtung" .

Etiketten, die offenbar auch bei ihr ausgedient haben. Weidel bezeichnete sich zuletzt als Vertreterin des "freiheitlich-konservativen Arms" der AfD. Das macht Sinn - aus ihrer Sicht: "Freiheitlich" statt "liberal" ist eine logische Konsequenz, wenn man sich Weidels Reden anhört. Die rechtspopulistische "Freiheitliche Partei Österreichs" (FPÖ) nannte sie im Herbst vor Anhängern ein "Vorbild" und "ein Erfolgsrezept für die AfD".

Wer ist Weidel, die in Überlingen am Bodensee lebt, sechs Jahre in China gearbeitet und ihre Doktorarbeit über das Rentensystem der Volksrepublik geschrieben hat?

Im persönlichen Umgang freundlich, wirkt sie auf AfD-Versammlungen oft kühl, ihre Sätze fliegen schneidend durch den Raum, mühelos wechselt sie in den antimuslimischen Sound der Partei. "Ohne uns ist dieses Land, unsere Heimat, ist das Deutschland, das wir lieben und in dem wir geboren sind, bald Geschichte", sagt sie.

Video: Das ist Alice Weidel

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

Es ist eine Grundmelodie, von der die 38-Jährige überzeugt scheint. Wer mit ihr über den Islam spricht, stößt auf eine Frau, die hart und unnachgiebig argumentiert. Im Oktober 2016 schrieb sie in einem Beitrag für die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit", das muslimische Gemeinwesen sei "einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet", auf "die Islamisierung unserer Gesellschaft." Nach dem Referendum in der Türkei verlangte sie, man müsse "konsequenterweise" Erdogans "fünfter Kolonne die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen".

Warum aber hat sich Weidel den Ruf als Vertreterin des gemäßigten Flügels erworben? Den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kritisierte sie, als der im Januar das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet und eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" verlangt hatte. Weidel sprach von einer "unsäglichen, rückwärtsgewandten Debatte".

Steckt dahinter Überzeugung oder Kalkül?

Als Spitzenkandidatin aber will sie mit Höcke gemeinsam im Wahlkampf auftreten. So schnell kann das mitunter in der AfD gehen - im Bundesvorstand hatte sie zusammen mit Parteichefin Frauke Petry zur Mehrheit gehört, die ein Ausschlussverfahren gegen Höcke beantragten.

Die Welt der sogenannten Gemäßigten in der AfD greift mitunter weit nach rechts aus. Steckt dahinter Überzeugung? Oder bloßes taktisches Kalkül?

Höcke-Gegnerin Petry, die ihre Partei in Köln mit einem "realpolitischen" Ansatz auf den koalitionsbereiten Weg schieben wollte und damit gescheitert ist, hatte im Herbst über eine Rehabilitierung des Begriffs des "Völkischen" gesprochen. Man müsse "daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist", sagte sie damals.

Auch Petrys Co-Parteichef Jörg Meuthen galt lange Zeit als "das bürgerlich-liberale Gesicht" der AfD. So beschrieb ihn etwa das "Handelsblatt" noch im April 2016.

Seit Langem aber hat sich Meuthen nach rechts bewegt, mit Parteivize Alexander Gauland und Höcke ging er ein Bündnis gegen Petry ein. In Köln hat Meuthen genau jene Stimmungslage getroffen, nach der sich die Mehrheit in der Partei sehnt und die ihr in Umfragen nicht zu schaden scheint. Unter dem Jubel der Delegierten erklärte er, wenn er an einem Samstagmittag im Zentrum seiner Stadt unterwegs sei, sehe er "noch vereinzelt Deutsche".

Provozieren und danach relativieren - für dieses in der AfD weit verbreitete Muster steht prototypisch Meuthen. Im Deutschlandfunk sagte er einen Tag nach seiner Rede auf dem Kölner Parteitag, er kenne "viele Menschen türkischer Herkunft, die perfekt integriert in unserer Gesellschaft leben", um sie "gehe es doch beileibe nicht", sondern um die "verfehlte Migrationspolitik" von Kanzlerin Angela Merkel.

Der derzeit beurlaubte Volkswirtschaftsprofessor Meuthen kommt oft sanft daher. Er kann auch anders. Beispielhaft steht dafür sein Umgang mit dem Tod der Freiburger Studentin Maria L., die mutmaßlich von einem afghanischen Flüchtling umgebracht wurde.

Als AfD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag erklärte Meuthen, eine "entscheidende Mitverantwortung für diese grausame Tat und viele andere 'Einzelfälle', die seit der ungehinderten Einreise illegaler Einwanderer täglich in Deutschland passieren, trägt Frau Merkel und ihr Unterstützer in der Großen Koalition, Sigmar Gabriel".

Ebenso zynisch wirkt jene Passage, in der er Äußerungen des Vaters der Getöteten - eines EU-Beamten und gläubigen Katholiken - gegen eine Abschottungspolitik zitierte und anfügte, es erscheine "wie bitterste Ironie", dass der Afghane eine junge Frau getötet habe, deren Familie in der Flüchtlingshilfe tätig sei.

Es war eine fürchterliche, heuchlerische Presseerklärung. In der AfD von Jörg Meuthen aber kam sie glatt durch.

insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
tulius-rex 26.04.2017
1. ewiges Rätsel
Warum solche Leute (Weidel, Gauland, Petry, v.Storch...), die in dieser Republik nur Gutes erlebt haben, großartige Chancen nutzen konnten, insgesamt also ein traumhaftes, selbstgestaltetes Leben nahe dem Paradies führen, in derart platte und undifferenzierte Hetze und Lügerei verfallen, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Als Elternteil würde ich mich ohne Ende schämen, so in der Erziehung versagt zu haben. Was treibt diese Leute an? Wittern sie hinter jeder Ecke nichtvorhanden Verrat und Unrat?
hinschauen 26.04.2017
2.
Mich irritiert, wie Begriffe bei manchen Spon-Redakteuren besetzt zu sein scheint. "Lesbisch" und "rechts" scheint danach ja erstmal ein Widerspruch zu sein. "Liberal" ist dafür anscheinend etwas Positives - selbst nach der Finanzkrise 2008, deren Verantwortliche sich selbst gern so einschätzen. Und wer den Tod eines Menschen nutzt, um auf mögliche Ursachen für die Verbrechen aufmerksam zu machen, ist vielleicht ein Populist (weil die Ursachen nicht ganz so einfach zu erklären sind), vielleicht handelt er auch "zynisch". Aber "heuchlerisch"? Was soll dieser Begriff überhaupt in diesem Zusammenhang bedeuten?
cecile10 26.04.2017
3. Sie geben sich gar keine Mühe...
.... ihren Hass auf alle Andersdenkenden in irgendeiner Weise zu kaschieren. Wenn Vertreter der AfD zum Mikrophon greifen, und es ist mittlerweile völlig egal wer es ist, kann man im Wesentlichen nur noch Botschaften des Hasses, der Ausgrenzung und Erniedrigung Anderer erkennen. Diese Partei bringt nichts Konstruktives, Lösungsorientiertes sondern nur die ewig gleiche Litanei wie schlecht / gemein / gefährlich Andere gerade sind. Es ist in diesem Zusammenhang erstaunlich, dass eine auf den ersten Blick durchaus moderne, intelligente und weltoffene Frau, wie man als Außenstehender Frau Weidel zunächst einschätzen kann, sich dieser dumpfen Bewegung anschließt und sich ihre Parolen zu eigen macht. Aus machtpolitischen Überlegungen, weil es in der CDU länger dauert und mühsamer ist, bis man Karriere machen kann? Ich neige zu dieser Einschätzung.
nomadas 26.04.2017
4. Geklärt
Nun, die Wölfe verlassen die Schafspelze! Prima! Der Altvordere, der die Lande so gerne wieder in Gaue einteilte und die business lady im gendermainstream. Im September werden die Wähler dazu sicher ein klares feedback geben. Einstellig. Doch in den Bundestag könnte es reichen. on verra
heldenmut 26.04.2017
5. Kein Rätsel!
Zitat von tulius-rexWarum solche Leute (Weidel, Gauland, Petry, v.Storch...), die in dieser Republik nur Gutes erlebt haben, großartige Chancen nutzen konnten, insgesamt also ein traumhaftes, selbstgestaltetes Leben nahe dem Paradies führen, in derart platte und undifferenzierte Hetze und Lügerei verfallen, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Als Elternteil würde ich mich ohne Ende schämen, so in der Erziehung versagt zu haben. Was treibt diese Leute an? Wittern sie hinter jeder Ecke nichtvorhanden Verrat und Unrat?
Herr Gauland sagte auf dem Kölner Parteitag, dass er ein Deutschland wünsche so wie wir es von unseren Vätern und Müttern ererbt hätten. Ist das schon Hetze und Lüge? Thilo Sarrazin schreibt in einem Leserbrief an die FAZ, dass in Deutschland seit einem halben Jahrhundert jede Generation um ein drittel kleiner ist als die vorhergehende und das die Schließung dieser Lücke durch muslimische Einwanderer Deutschland grundlegend und dauerhaft verändert, und per Saldo nicht zum Guten. Wer diese Entwicklung für fatal hält, der wendet sich einer Partei zu, die einwanderungs- und islamkritische Positionen vertritt.
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