Brandmail von AfD-Chef Lucke "Es werden politische Rülpser bejubelt"

Selbst der Einzug in die Bürgerschaft von Bremen kann den Dauerkrach in der AfD nicht beruhigen. Mitgründer Bernd Lucke analysiert in einer Brandmail schonungslos den Zustand der Partei und verlangt eine baldige Richtungsentscheidung.

AfD-Vorstandssprecher Lucke: Ausführliche Mail an die Mitglieder
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AfD-Vorstandssprecher Lucke: Ausführliche Mail an die Mitglieder

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Die AfD zieht in den Bremer Landtag ein. Knapp, aber immerhin. Doch für Bernd Lucke ist das kein Anlass für ausgelassene Freude.

Der AfD-Mitgründer setzte sich noch in der Wahlnacht an seinen Computer, um eine lange Mail an seine Mitglieder zu schreiben. Sie liest sich wie ein Brandbrief.

"Ich bin nicht sicher, dass die AfD in der Form, in der wir sie 2013 gegründet haben, fortbestehen wird. Es gibt Kräfte in der Partei, die eine andere, radikalere AfD wollen. Ich will dies nicht", warnt Lucke darin indirekt vor einem Rutsch an den rechten Rand.

In seiner Mail geht Lucke schonungslos mit dem öffentlichen Bild seiner Partei ins Gericht. Zugleich attackiert er in seinen Vorstandssprecher-Kollegen und Gegner Konrad Adam. Der hatte in der Bremer Wahlnacht via "Bild" Gerüchte über einen angeblichen Austritt Luckes genährt. "Ich war sehr überrascht, sozusagen die Nachricht meines eigenen Ablebens lesen zu müssen. Dies umso mehr, als Herr Adam mich zu meiner angeblichen Absicht nie befragt hat", schreibt Lucke.

Die Zeiten haben sich für die Alternative für Deutschland dramatisch geändert. Noch im Herbst 2013 lag die FDP darnieder, schien die AfD die kommende Partei. Nun aber, nach wochenlangen Querelen und Kämpfen, muss Lucke mit Blick auf Bremen feststellen: "Liberalen Wählern scheint eine profillose FDP attraktiver als die AfD."

An der Weser setzte sich die FDP mit 6,5 Prozent von der AfD - 5,7 Prozent - ab. Zum zweiten Mal in wenigen Monaten. "Ein Narr, wer nicht unser Erscheinungsbild in den letzten Monaten dafür verantwortlich machte, dass uns eine Wählergruppe den Rücken kehrt, die einst aus gutem Grund zu uns gekommen ist", analysiert Lucke das schwache Abschneiden der AfD in Bremen und in Hamburg.

Seit Wochen tobt ein heftiger Richtungsstreit, in dem Lucke und der frühere AfD-Vize Hans-Olaf Henkel mit ihren wirtschaftsliberalen Vorstellungen gegen den rechtskonservativen Flügel stehen - zu ihm werden AfD-Vize Alexander Gauland, Vorstandssprecher Konrad Adam und Frauke Petry gezählt, in Thüringen der dortige Landeschef Björn Höcke, in NRW Landeschef Marcus Pretzell. Gauland - der in Brandenburg auf Themen wie Asylpolitik und innere Sicherheit setzt - hatte jüngst in Abgrenzung zu Lucke erklärt, die AfD sei die Partei "der kleinen Leute". Mit dieser Position rechnet Lucke scharf ab: "Wer die AfD zu einer Partei der "kleinen Leute" machen will, zerstört die AfD, in der "bürgerliche" Mitglieder einen ganz wesentlichen Teil der Mitgliedschaft ausmachen."

AfD-Vize Gauland warnt Lucke vor Spaltung

Gauland wiederum konterte am Montag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er habe sich lediglich die Wahlergebnisse angesehen "und die legen nahe, dass wir im Moment die Partei der kleinen Leute sind." Innere Sicherheit und Zuwanderung seien jene Themen, die die Menschen im Osten interessierten - "und die leben nicht an der Elbchaussee". Mit dem Eurothema allein hätte er bei der Landtagswahl in Brandenburg "nicht besonders landen können", sagte er. Gauland warnte Lucke vor einer Spaltung der Partei: "Herr Lucke überschätzt sich, wenn er glaubt, alleine oder mit Herrn Henkel an seiner Seite Wähler der Union und der FDP abzuwerben und so über die Fünfprozenthürde zu kommen." Das werde nicht gelingen. "Lucke braucht uns. Eine Partei, die sich auf einen Flügel stützt, wird nicht in den Bundestag kommen", sagte Gauland.

Lucke sieht seine Partei mittlerweile in zwei Gruppen zerfallen:

  • "Die eine Gruppe kritisiert wichtige politische Fehlentwicklungen (z. B. Euro, Energiepolitik, Bildungspolitik, Einwanderungsgesetze, Demokratiedefizite), akzeptiert aber die wesentlichen gesellschaftlichen Grundentscheidungen der Bundesrepublik Deutschland."
  • "Die andere Gruppe stellt eben diese in Frage, sie äußert sich deshalb in den unterschiedlichsten Akzentsetzungen neutralistisch, deutschnational, antiislamisch, zuwanderungsfeindlich, teilweise auch antikapitalistisch, antiamerikanisch oder antietatistisch ."

Diese Grundvorstellungen sind aus Sicht Luckes unvereinbar, der Konflikt müsse daher entschieden werden, "auch wenn diese Entscheidung zu Mitgliederverlusten auf der einen oder anderen Seite führen wird".

Mitte Juni tritt die AfD zum Bundesparteitag in Kassel an, auf dem die bislang dreiköpfige Führung - Bernd Lucke, Frauke Petry und Konrad Adam - auf zwei reduziert werden soll. Bis Ende des Jahres soll sich die Partei, so der Plan, auch ein Programm geben.

Die Erosion hat bereits begonnen. Zuletzt zählte die AfD rund 22.000 Mitglieder, viele kehren ihr offenbar den Rücken, wie aus Luckes Mail hervorgeht. Die Austritte seien keine Einzelfälle, sondern eine "inzwischen weitverbreitete Stimmung insbesondere im bürgerlichen Kern der Partei", warnt er.

Die AfD, vor etwas mehr als zwei Jahren gegründet, wollte wie so manche neue Partei anders sein als die anderen Parteien. Vom internen Zustand der AfD malt Lucke in seiner Mail hingegen ein desaströses Bild. Vor allem in Facebook-Gruppen oder in geschlossenen Foren würden in "unsäglicher Art völlig abwegige Gerüchte geschürt, politische Rülpser bejubelt oder missliebige Parteifunktionäre geschmäht". In diesen verdeckten Strukturen, so Lucke, zeige sich "ein Anderssein, das unsere Partei nicht auszeichnet, sondern besudelt".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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so.what? 11.05.2015
1. Anmaßung
"Liberalen Wählern scheint eine profillose FDP attraktiver als die AfD" sagt Lucke. Was für eine Anmaßung! Kein Liberaler wird je die AFD wählen und sei die FDP noch so profillos. Liberale marschieren nicht im Stechschritt und sie machen auch die wirtschaftsisolationistischen Mätzchen der Herren Lucke und Henkel nicht mit.
felsen2000 11.05.2015
2.
Lucke und Adam sind auf Konfrontationskurs. Es können nicht beide in Amt und Würden bleiben. Lucke steht für konsequente Westbindung, Marktwirtschaft und bürgerliche Werte (eben ein Ex-CDUler); Adam steht für deutsch-national, Ostbindung (starke Annäherung an Putin) und Globalisierungskritik. Beides zusammen geht nun mal nicht.
freespeech1 11.05.2015
3.
Die AfD ist eine Partei mit Flügeln und wird nur so überleben. Ohne Lucke geht es nicht, aber mit Lucke allein auch nicht. Da überschätzt er sich gewaltig. Eine FDP 2.0 braucht niemand. Selbst Bremen hat gezeigt, ohne die Stimmen der kleinen Leute ist die AfD eine Splitterpartei weit unter 5%
Callimero 11.05.2015
4. Leider, leider...
....war diese Entwicklung in den letzten Monaten absehbar. Dabei bräuchte D so eine Partei, die OFFEN und ehrlich die Probleme anspricht, die richtigen Fragen stellt, die Finger in die Wunden legt und ihre Alternativen zur Lösung vorschlägt, so dringend. Ich war von Anfang an Unterstützer von Luckes AfD, aber so wie sie sich in der letzten Zeit zu einer "NPD light" verändert hat und noch weiter verändert, verursacht bei mir nur noch Ekel und Übelkeit. Ähnlich muss es wohl auch Hr. Lucke gehen. Es muss schmerzen zu sehen, wie das "eigene Kind" von braunen Kräften gekapert, so den Bach runtergeht. Für mich in dieser Form keine "Alternative" mehr.
xenon555 11.05.2015
5. Einstampfen!
Lucke weg, AfD weg. Und Deutschland geht es besser. Diese sich selbst demontierenden Egozentriker brauchen wir nicht. Wiedersehen!
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