AfD-Kandidaten Alles, was rechts ist

Mehr als 80 Rechtspopulisten könnten Umfragen zufolge im neuen Bundestag sitzen - überwiegend männlich, viele rechts außen. Wer genau sind die Männer und Frauen, die für die AfD ins Parlament streben?

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Zum Abschied mahnte Norbert Lammert die Abgeordneten: Nach den "Abstürzen der deutschen Geschichte" sollten sie sich die mühsam errungene Fähigkeit bewahren, den Konsens der Demokraten gegen "Fanatiker und Fundamentalisten für noch wichtiger zu halten".

Lammert, der nach 37 Jahren im Parlament seine politische Karriere als Bundestagspräsident beendete, erhielt viel Applaus von den Abgeordneten, aus allen Fraktionen. Und der Christdemokrat musste den Namen jener Partei gar nicht erwähnen, die er im Kopf hatte, als er die deutsche Geschichte zitierte - jeder im Plenarsaal wusste, wer gemeint war: die AfD.

Denn allen Umfragen zufolge werden die Rechtspopulisten am kommenden Sonntag - deutlich - über der Fünfprozenthürde landen und in den Bundestag einziehen. Womöglich wird die AfD sogar drittstärkste Kraft hinter Union und SPD.

Intern haben sie in der AfD schon durchgerechnet, was das heißen kann:

  • Bei acht Prozent Stimmenanteil zöge man mit bis zu 60 Abgeordneten in den Bundestag ein.
  • Bei zehn Prozent wären es gar 80 oder vielleicht mehr.
  • Allein die Zahl der Mitarbeiter, die die Partei im Parlament einstellen muss, wäre bei einem sehr guten Ergebnis von über 10 Prozent groß: "Um die 400", heißt es in der AfD.

Eine schlagkräftige Fraktion ließe sich damit aufbauen, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen wird.

Allerdings: Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Partei am rechten Rand im Bundestag säße - in den Fünfzigerjahren waren mit der "Deutschen Partei" (DP) und dem "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) über mehrere Legislaturperioden Gruppierungen im Bundestag, die eine nationalkonservative Politik vertraten und in deren Reihen - wie im Übrigen damals auch in den anderen Parteien - ehemalige Mitglieder der Nazipartei saßen.

Die politische Konkurrenz ist über den Einzug der AfD alarmiert: "Sollte die AfD tatsächlich in den Bundestag einziehen, werden zum ersten Mal seit mehr als 70 Jahren Nazis im Reichstag sprechen", sagte jüngst Außenminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Das mag eine Wahlkampfattacke sein, aber Tatsache ist: Wo immer die AfD in die Landtage gekommen ist, wurde der Tonfall rauer und härter.

Welchen Stil werden die AfD-Abgeordneten im künftigen Bundestag pflegen? Und wer könnten diese Abgeordneten sein? Sehen Sie hier einige der wichtigsten Akteure:

Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Rechtsaußen-Flügel der AfD wird die Fraktion dominieren. Zwar kandidiert deren Galionsfigur, der Thüringer Björn Höcke, nicht für den Bundestag; doch werden enge Mitstreiter Höckes auf vorderen Listenplätzen ins Parlament einziehen.

Nach internen AfD-Berechnungen werden dem rechten Flügel bei einem Ergebnis von acht Prozent bis zu 25 Abgeordnete zugerechnet. Spitzenkandidatin Alice Weidel, die in wirtschaftlichen Fragen neoliberal denkt und von Teilen des Höcke-Flügels deswegen misstrauisch beäugt wird, soll auf neun Anhänger und die intern geschwächte Parteichefin Frauke Petry auf sechs Mitstreiter kommen.

Besonders unter Beobachtung dürfte die AfD im Bundestag stehen, wenn es um deutsche Geschichte geht. Hier dürfte die AfD eine Art nachgelagerten Kulturkampf führen: Die jüngsten positiven Einlassungen von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland - der gemeinsam mit Weidel wohl den Fraktionsvorsitz anstrebt - über die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg lassen ahnen, was auf das Parlament in dieser Hinsicht zukommen kann.

Die mögliche künftige Fraktion also wird deutlich rechts sein - und mehrheitlich männlich. Zwar ziehen mit Petry, Weidel und der Berlinerin Beatrix von Storch wohl bundesweit bekannte AfD-Politikerinnen ein, doch ansonsten ist die Zahl weiblicher Abgeordneter überschaubar.

Video: "Der Einzug der AfD in den Bundestag wäre eine Zäsur"

SPIEGEL ONLINE

Insgesamt kämen voraussichtlich neun bis elf Frauen ins Parlament, bei einer Fraktionsgröße zwischen 60 und 80 Mitgliedern. Überraschend ist das nicht: Von nahezu allen Parteien hat die AfD den geringsten Frauenanteil - lediglich 16 Prozent.

In einer früheren Fassung wurde die auf Russisch verfasste Wahlwerbung der AfD in Hamburg von der Redaktion mit dem Satz "Ein unerwünschter Gast ist schlimmer als ein Tatar. Grenzen schützen, Islamisten deportieren!" übersetzt. Dem hat die AfD-Hamburg widersprochen. Sie habe nicht "deportieren" gemeint, sondern "ausweisen", so Landeschef Bernd Baumann. Die Redaktion hat sich nunmehr nach Rücksprache mit weiteren Sprachexperten des Hauses entschieden, den in Rede stehen Begriff "wysylat" in der Tat mit dem Begriff "ausweisen" zu übersetzen. Es war nicht die Absicht der Redaktion, so der Vorwurf von Bernd Baumann, "vorsätzlich Unwahrheiten in die Welt zu setzen". Die Übersetzung erfolgte nach bestem Wissen und Gewissen und wenn sich herausstellt, dass die gewählte Übersetzung nicht dem vermeintlichen Sinngehalt entspricht, dann ist SPIEGEL ONLINE selbstverständlich bereit, dies zu korrigieren.



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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
soisses007 20.09.2017
1. Alternative CSU Deutschlandweit
Die CDU könnte viele AfD Wähler abwerben, wenn die CSU Bundesweit wählbar wäre. Viele AfD Mitglieder waren schließlich vorher in der CDU. Seit Merkel die CDU auf Links genäht hat, geht diese Zielgruppe an die AfD verloren. Kernproblem ist und bleibt Dr. Merkel, in Kombination mit der GroKo. Dauerkanzler (>8J) sind schädlich für die Entwicklung der Demokratie und befördern Randparteien in den Bundestag.
LapOfGods 20.09.2017
2. Ahl Männer, aalglatt
Wenn ich richtig gezählt habe: 2016: 105 neue AfD-Abgeordnete, davon 13 weiblich 2017: 21 neue AfD-Abgeordnete, davon 3 weiblich
muellerthomas 20.09.2017
3.
Zitat von soisses007Die CDU könnte viele AfD Wähler abwerben, wenn die CSU Bundesweit wählbar wäre. Viele AfD Mitglieder waren schließlich vorher in der CDU. Seit Merkel die CDU auf Links genäht hat, geht diese Zielgruppe an die AfD verloren. Kernproblem ist und bleibt Dr. Merkel, in Kombination mit der GroKo. Dauerkanzler (>8J) sind schädlich für die Entwicklung der Demokratie und befördern Randparteien in den Bundestag.
Klar, AfD-Wähler gewinnen, aber mehr Wähler an die anderen Parteien und das Nichtwähler-Lager verlieren.
surry 20.09.2017
4. Ich fürchte
mich vor den nächsten Jahren. Entweder gibt es endlose Streitereien im Bundestag, oder die Streitigkeiten werden auf der Straße ausgetragen - in jedem Fall ist der innere Friede in Deutschland futsch!
Sokrates1939 20.09.2017
5. Dank
Dem Spiegel gebührt Dank für die Informationen zu den AFD-Kandidaten. Anscheinend handelt es sich größtenteils um im Beruf stehende Akademiker, viele Juristen. Insoweit ist kein Unterschied zu den Kandidaten der anderen im Bundestag vertretenen Parteien erkennbar.
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