AfD-Demo in Erfurt 8000 Menschen protestieren gegen Flüchtlingspolitik

Die Umfragewerte der AfD steigen, in Erfurt bringt die Partei Tausende auf die Straßen. Die Masse feiert Viktor Orbán und brüllt "Merkel muss weg". Der Protest zeigt: Rechts der Union bildet sich eine breite Allianz gegen die deutsche Flüchtlingspolitik.

Von , Erfurt

Demonstration in Erfurt: Tausende folgten dem Aufruf der AfD
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Demonstration in Erfurt: Tausende folgten dem Aufruf der AfD


Junge Menschen in Kapuzenpullis stehen vor dem Thüringer Landtag, neben ihnen eine Mittfünfzigerin mit Hornbrille und lilafarbenem Anorak, etwas weiter hinten Männer in schwarzen Jacken mit der Aufschrift "Ansgar Aryan". Ein Mann um die 70, ein neongelbes Ordnerleibchen über sein Cord-Sakko gestülpt, stimmt die Sprechchöre an. Es ist eine heterogene Gruppe, die an diesem Mittwochabend in Erfurt den Rednern auf der Bühne "Wir sind das Volk!" und "Merkel muss weg!" zuruft.

Nicht nur im Publikum, auch auf der Bühne kommt es zum Schulterschluss: Alexander Gauland, der rechtskonservative Landes- und Fraktionschef der AfD in Brandenburg, ist der Einladung seines Thüringer Pendants, Björn Höcke, gefolgt und spricht zu den Demonstranten. Rund 8000 sind nach Schätzungen der Versammlungsbehörde gekommen. Letzte Woche waren es noch 5000 gewesen.

Auch an diesem Mittwochabend ziehen die Demonstranten durch Thüringens Hauptstadt. Das Motto der Kundgebung: "Asyl-Krise beenden! Grenzen sichern!" Zur Demonstration aufgerufen hatten der Landesverband Thüringen und die AfD-Fraktion im thüringischen Landtag, gekommen sind aber Menschen aus ganz Deutschland. Rot-weiße Fahnen mit der Aufschrift "Franken" beziehungsweise "Westfalen", irgendwo dazwischen ein Berliner Bär. Der Patriotismus ist regional, aber nicht auf den Osten Deutschlands beschränkt.

Vor dem Landtag warten 800 Gegendemonstranten auf sie. Vier Steinwürfe aus dem Block der Gegendemonstranten meldet die Polizei. Beide Seiten werfen mit Böllern.

Die Menge bejubelt Orbán

Auf der Bühne lässt Höcke keinen Zweifel daran, an wen sich die Botschaft der AfD richtet: "Den etablierten, den gesellschaftlich immer irrelevanter werdenden Kräften, ist das Lachen vergangen." Asylsuchenden könne allenfalls Schutz auf Zeit gewährt werden, aber keine dauerhafte Integration. "Der Rechtsanspruch auf Asyl kann in seiner jetzigen Form nicht aufrechterhalten werden." Höcke nähert sich damit der Position Gaulands an, der seit längerer Zeit eine vorübergehende Aussetzung des subjektiven Rechtsanspruchs auf Asyl fordert und dies auch am Mittwochabend wiederholt.

Gauland wird in seinen Forderungen noch deutlicher als Höcke: "Lassen Sie sich nicht einreden, dass Mauern nichts bringen." Er sei dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán dankbar, dass dieser die Grenze zu Serbien zugemacht habe. Mit "Orbán! Orbán!"-Rufen füllt die Menge die anschließende rhetorische Pause. Deutschland müsse "die Grenzen dichtmachen" und Asylsuchende, deren Anträge abgelehnt wurden, schneller abschieben. Gauland beendet unter Beifall seine Rede: "Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen."

AfD in Umfragen bei sieben Prozent

Eine breite Allianz gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nimmt rechts der Union immer konkretere Züge an - außerparlamentarisch und womöglich bald auch parlamentarisch. Im aktuellen Wahltrend von "Stern" und RTL kommt die Partei auf sieben Prozent, zwei Prozent mehr als in der Vorwoche. Mit einem solchen Wahlergebnis würde sie den Sprung in den Bundestag schaffen.

Es ist auch eine geografische Allianz. Nicht nur wegen der Demonstranten aus den alten Bundesländern, die dem Aufruf der thüringischen AfD gefolgt sind. Auch der dritte Redner des Abends kommt aus dem Westen: Armin-Paul Hampel, Landesvorsitzender der AfD Niedersachsen.

Die AfD hatte Tausende Mitglieder verloren, nachdem Parteigründer Bernd Lucke und weitere Mitglieder des liberal-konservativen Flügels die Partei im Sommer verlassen hatten. Angesichts der Flüchtlingskrise kann die Partei derzeit so viele Mitglieder begrüßen wie lange nicht mehr. Pro Tag gingen fünf Aufnahmeanträge in den Parteibüros ein, sagte Sprecher Christian Lüth vergangene Woche. Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry führt diesen Zuwachs unter anderem auf die Position ihrer Partei in der Asyldebatte zurück: "Die AfD vertritt die Interessen derer, denen die anderen Parteien längst den Rücken gekehrt haben."

Mit ihrem Standpunkt in der Flüchtlingsdebatte könnte die Partei in Zukunft weiter punkten: 51 Prozent gaben laut dem letzte Woche veröffentlichten ARD-Deutschlandtrend an, ihnen mache die Einreise so vieler Menschen Angst.

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