Rechtspopulismus in Europa Willkommen im Klub, Deutschland!

Schon lange fragen sich Deutschlands Nachbarn: Wo ist eure starke rechtspopulistische Partei? Die Holländer haben eine, die Italiener und wir Franzosen ebenfalls. Ihr jetzt auch. Wie beruhigend.

AfD-Wahlparty am Sonntagabend in Sachsen-Anhalt
DPA

AfD-Wahlparty am Sonntagabend in Sachsen-Anhalt

Ein Gastbeitrag von Pascale Hugues


Warum wir, warum nicht die? Wer sonst, wenn nicht die Deutschen? Schließlich haben sie den Nationalsozialismus erfunden. Und wir Franzosen haben nur darauf gewartet - wie bequem für uns -, dass sie bei der ersten Gelegenheit wieder an ihre alte Tradition anknüpfen.

Mein erster Bericht als neue Auslandskorrespondentin in Deutschland war im Sommer 1989. Eine Reportage über Franz Schönhubers Republikaner. Was für ein Einstieg! Ein ehemaliger Freiwilliger der Waffen-SS, Division Charlemagne, regierte über eine Horde von Skinheads mit Akne, Bomberjacken und Lederstiefeln. Stumpfes Geschrei. Rassistisches Programm ohne Hand und Fuß. Die Republikaner waren einfach ein abstoßendes, bösartiges Pack. Ein nicht ernstzunehmendes Paraphänomen.

An jedem Wahlabend beobachten wir Auslandskorrespondenten in den Hochrechnungstabellen die Rubrik ganz am Ende, die "Sonstigen", um den lächerlichen Endstand der rechtsextremen Miniparteien festzustellen.

Wir versuchten uns zu beruhigen. Wir wollten nicht die Einzigen sein. Denn zur gleichen Zeit setzte bei uns der Front National mit soliden zweistelligen Ergebnissen zum Durchbruch an, er zog eine überzeugte und nicht nur aus Protestwählern bestehende Gefolgschaft an sich, in allen gesellschaftlichen Schichten, besonders in der Mittelschicht, und in allen Altersgruppen, besonders bei den jungen Wählern.

Jean-Marie Le Pen schrie sich in Talkshows die Lunge aus dem Hals. Seine Tochter Marine bereitete sich auf den Befreiungsschlag vor, um das fremdenfeindliche und offen antisemitische Image ihres Vaters loszuwerden.

Endlich sind die Deutschen ganz normale Europäer

Warum, fragten wir uns, leisten die Deutschen soviel Widerstand gegen die Populisten und Demagogen, die doch überall in Europa an Boden gewinnen? Warum konnte noch nie eine Partei der äußersten Rechten in den Bundestag einziehen? Ist es das moralische Tabu, das "nie wieder!" als Konsequenz aus der Nazikatastrophe?

Ist es die gesunde Wirtschaft, die die Zahl der Frustrierten und Besorgten begrenzt? Wurde die potenzielle Klientel vom rechten Flügel der CDU und besonders der CSU aufgesaugt? Oder fehlt nur ein charismatischer Führer, der die Massen um sich scharen könnte?

Bis gestern haben wir uns in Frankreich ziemlich allein gelassen gefühlt. Jetzt, und das mag ich kaum zugeben, sind wir fast ein wenig erleichtert. Endlich sind die Deutschen ganz normale Europäer.

Die AfD ist nicht mehr in erster Linie ein Medienphänomen, über das man sich lustig macht, ohne es allzu ernst zu nehmen. 24% in Sachsen-Anhalt! Man mag sich die Zahlen in Sachsen gar nicht vorstellen. Ach, diese Ossis… würde man sich gern beschwichtigen. Aber die zweistelligen Resultate in zwei reichen, stabilen Demokratien im Südwesten geben vielmehr Anlass zur Sorge.

Ist die deutsche Ausnahme tatsächlich Geschichte? Oder haben wir es mit einem simplen Protestschrei zu tun, angesichts der Flüchtlingsströme und der Existenzängste, die sie bei manchen auslösen?

Die AfD ist alles andere als eine etablierte Partei. Ihr dürftiges Personal ist bunt zusammengewürfelt und wenig überzeugend. Ihre nebulöse Struktur spricht nicht für ein langfristiges Überleben. Ihre Wählerschaft ist unbeständig. Die AfD ist (noch) nicht der Front National.

Zur Autorin
  • Pascale Hugues ist Deutschland-Korrespondentin des französischen Nachrichtenmagazins "Le Point". Sie lebt in Berlin.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke

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insgesamt 67 Beiträge
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ks173 14.03.2016
1. Hoffentlich Willkommen im Club der Vernunft
Alle anderen europäischen Länder haben aber auch eine viel restriktievere Flüchtlingspolitik. Vielleicht zwingt das Erstarken der AfD ja auch die regierenden Parteien zum Einlenken und Festlegen von Obergrenzen. In Österreich kommt ja auch ein sozialdemokratischer Kanzler zu einem ganz anderen Ergebnis als die deutsche "konservative" Kanzlerin. Da schein die FPÖ wohl implizit mitgewirkt zu haben.
erst nachdenken 14.03.2016
2.
Wenn man die Nichtwähler berücksichtigt wollen auch in Sachsen-Anhalt 80% der Wahlberechtigten nichts mit den Nazis der AfD zu tun haben. Gut so!
zamparonio 14.03.2016
3.
Diesen braunen Mob haben wir nur Merkel zu verdanken. Und deren Gefolgsleute machen noch blöde, lange Gesichter und tun ganz erstaunt was am Wochenende passiert ist. Da kann man mal sehen wie blöd die alle sind. Und in den Medien wird so getan, als wären die AfD-Wähler alle nur dämliche Hartz 4 Empfänger. Sind sie aber nicht, es sind unzufriedene Leute deren Stimme von der CDU Richtung AfD getrieben wurde. Durch Dummheit. Aber die qualitätsfreien Medien sind ebenfalls zu dumm das zu erkennen. Oder es muss kleingeredet werden auf Anweisung von oben ? Naja, spätestens wenn man gerafft hat, dass die AfD einem ein paar schöne Pöstchen weggeschnappt hat, dann wird man anfangen zu denunzieren und populistesche Sprüche daherzubrabbeln. Mit dem eigentlichen Problem hat das aber leider nix zu tun. Vielleicht hat Merkel das aber auczh mit Absicht gemacht ? Vielleicht ist sie so schlau und hat einen ganz geheimen Plan ? Wohl eher nicht.
sabrina74 14.03.2016
4. @ks173
Wenn man von zwölf bis mittags denkt, können Obergrenzen helfen. Und dann? Sehen wir täglich Bilder, wie Flüchtlinge im griechischem Schlamm vegetieren. Nur, weil man die Augen verschließt, verschwinden Probleme nicht - das ist aber genau das, was die AfD glauben machen möchte. Darüberhinaus, wie kann man eine Partei wählen, deren Programm nur in dem Punkt "Grenzen dicht" besteht? Und was, wenn die Grenzen dann dicht sind? Gehts Ihnen oder den AfD-Wählern dann besser? Ist dann jeder glücklich? Aber nein, dann gehts allen anderen Migranten an die Gurgel, den Gläubigen, den Nicht-Anhängern ... hatten wir alles schon mal. Ein Blick in die Geschichtsbücher könnte helfen!
002614 14.03.2016
5. Realitätssinn
Es ist tatsächlich ein moralisches Tabu, das in Deutschland stark zur Geltung kommt. Die große Schuld sitzt uns im Nacken. - Deshalb ist auch so viel Raum für die "Gutmenschen" vorhanden - und alle nicken zu ihren Argumenten, dass wir die Pflicht zur Rettung der Welt hätten. Der Sinn für die Realität allerdings ist uns verloren gegangen und nicht wenige glauben nun, dass gerade die AfD diesen Realitätssinn wiedergefunden hätte. Wenn Frau Merkel eine Europäische Lösung zur Flüchtlingsfrage will, dann muß sie aber auch die Vorstellungen der anderen Europäischen Länder akzeptieren. Eine Lösung ergibt sich nur aus einem Kompromiss. Und der sieht nicht so einladend aus für die Flüchtlinge aus den muslimischen Ländern.
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