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AfD-Parteitag: Petry träumt ihre AfD ganz groß

Aus Hannover berichtet

REUTERS

Mit ihrem Kurs in der Flüchtlingskrise punktet die AfD seit Wochen in Umfragen. Auf dem Bundesparteitag fordern die Delegierten nun Einschränkungen beim Asylrecht. Und Parteichefin Frauke Petry glaubt sogar an ein zweistelliges Wählerpotenzial.

Die Parteivorsitzende sieht blass aus. Frauke Petry hat nicht viel schlafen können, am Vorabend war sie mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem nordrhein-westfälischen AfD-Landesvorsitzenden Marcus Pretzell, auf dem Bundespresseball in Berlin.

Es war ein Zeichen, dass die AfD auf der ganz großen Bühne mitspielen will. Nicht allen scheint das in der Partei zu gefallen. Zumindest klingt eine Bemerkung Petrys so, als sei diese auf ihren Auftritt im Hotel Adlon gemünzt. "Präsenz ist nicht immer eine Anbiederung", ruft Petry den Delegierten des Parteitags zu.

Nach dem Mitglieder-Parteitag von Essen, auf dem sich Petry gegen den AfD-Mitgründer Bernd Lucke durchsetzte und dieser anschließend mit Anhängern die Partei verließ, sackte die AfD in Umfragen auf zwei Prozent ab. Mancher Beobachter wähnte sie im Sommer gar am Ende. Nun ist die AfD obenauf - und mit ihr Petry.

"Wir sind hier, um Deutschland zu zeigen, dass die AfD nicht weg war", ruft sie in Hannover. Es ist in allererster Linie die Flüchtlingskrise, von der die Partei profitiert, in Umfragen liegt sie zwischen sieben und zehn Prozent.

In Hannover kommt die Partei zum ersten Delegierten-Parteitag ihrer noch jungen Geschichte zusammen. Schon traditionsgemäß stehen draußen Polizisten, am Nachmittag protestieren unweit der Halle Gegner der AfD. Im Saal ist davon nichts zu hören, hier geht es geschäftsmäßig zu. Die turbulente Frühphase der im Februar 2013 gegründeten Partei scheint vorüber. Seitdem der Lucke-Flügel sich im Sommer in der Alfa-Partei gesammelt hat, ist die AfD weiter nach rechts gerückt, auch wenn Petry das bei jeder Gelegenheit bestreitet.

"Deutschland-Abschaffern die Rote Karte zeigen"

Petry mag zwar das medienbekannte Gesicht der AfD sein, doch als Wortführer des neuen Kurses haben sich längst andere hervorgetan - die Landeschefs von Brandenburg und Thüringen, Alexander Gauland und Björn Höcke. Insbesondere Höcke ist in Hannover ein gefragter Interviewpartner, vor Wochen hatte sich Petry von seiner rhetorischen Schärfe distanziert. Ob Petry seine Unterstützung habe? "Selbstverständlich", sagt er. In Hannover genießt Höcke das Medieninteresse und spricht am Rande des Parteitags von einer "multikulturellen Revolution von oben", die AfD müsse den "Deutschland-Abschaffern die Rote Karte zeigen".

Höcke hat in den vergangenen Wochen das öffentliche Bild der AfD geprägt, nicht nur auf den von ihm organisierten und von bis zu 10.000 Teilnehmern besuchten Kundgebungen in Erfurt. Er - und nicht Petry - war Gast in der ARD-Talkshow bei Günther Jauch und legte dort demonstrativ eine Deutschlandfahne über die Lehne seines Sessels. Wiederholt hat der aus Nordrhein-Westfalen stammende Thüringer Landeschef, der nicht dem Bundesvorstand angehört, für eine scharfe Abgrenzung zur CDU geworben. In Hannover lässt Petry durchblicken, dass sie einen solchen Kurs wohl nicht auf Dauer mitzutragen gedenkt. Ohne Höcke namentlich zu erwähnen, sagt sie, die AfD sei "mitnichten die Partei, die immer nur Nein sagt".

Das Euro-Thema? Nicht mehr so wichtig

Einst als eurokritische Partei gegründet, ist von der Gemeinschaftswährung bei der AfD kaum noch die Rede, auch wenn in Hannover dazu ein Antrag zur Abstimmung steht und Petrys Co-Bundesvorsitzender Jörg Meuthen, ein Volkswirtschaftsprofessor aus Baden-Württemberg, dafür warb, das Thema nicht hintanzustellen.

Im Vordergrund steht derzeit die Flüchtlingskrise, die schon unter Lucke ein Thema war und - das zeigen alle Umfragen - der AfD die Anhänger zutreibt. Petry träumt von mehr, die AfD sei in der Lage, "ein Potenzial von 20 Prozent anzusprechen".

Der politische Gegner ist in Hannover vor allem Angela Merkel. Erst jüngst hatte die AfD ein Positionspapier vorgelegt, in dem der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin eine Mitschuld an den Pariser Anschlägen gegeben wurde. In Hannover spricht Petry von einer "selbst geschaffenen Migrationskrise", Merkel habe ihren Regierungsauftrag verfehlt und müsse zurücktreten. Und sie warnt die AfD, Äußerungen, wonach es keinen Zusammenhang zwischen Migration und politischem Terrorismus gebe, seien "eine Naivität", der ihre Partei nicht folgen sollte.

Die "liebe Pinocchio-Presse"

Auch das Wort von der "Lügenpresse", das an der Basis gerne in den Mund genommen wird, spielt in Hannover eine Rolle. Petry wählt das Mittel der Ironie, um das Thema aufzugreifen - mit dem Wort gingen Bundesvorstand und Landesvorstand sparsam um, auch sollten die Medien verstehen, wie jene reagierten, über die Dinge geschrieben würden, die nicht stimmten. Schließlich ruft sie den Journalisten (in Anlehnung an die italienische Holzfigur mit der Lügennase) zu, die "liebe Pinocchio-Presse" solle auch mal über sich selbst lachen. Das kommt bei den Delegierten gut an.

In Hannover wird deutlich, was die Basis umtreibt. Ein Antrag zum Asylrecht, den der Bundesvorstand erarbeitet hatte, fällt gegen ein weitaus härteres Papier aus Nordrhein-Westfalen durch. Dort werden konkrete Einschränkungen verlangt, beim Familiennachzug, ebenso eine Obergrenze, auch hält die AfD "Grenzkontrollen und Grenzsperren" für "legitim", ohne allerdings konkret zu werden. In der Debatte begründete ein Delegierter, warum er für das Papier warb: "Wir brauchen auch knackige, prägnante Formulierungen für die Presse."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 324 Beiträge
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1.
_gimli_ 28.11.2015
Ein zweistelliges Wahlergebnis bedeutet 10%+. Und dieses Potential hat die AfD allemal. Dazu muss man kein Prophet sein, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Deutschland und der EU.
2.
pfui 28.11.2015
Bei solchen Trends schäme ich mich Deutsch zu sein
3.
Dustinthewind 28.11.2015
Wir wünschen ihr viel Erfolg bei diesem Totalversagen der etablierten Parteien, das im Endeffekt die kleinen Leute auszubaden haben. Überhaupt sind diese in weitem Teilen reformunfähig, weil es diesen schwerpunktmäßig darum geht, das eigene Klientel zu bedienen (s. meine viele Posts hierzu). Sehr erfrischend und zielführend fand ich den Vorschlag des niedersächsischen Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel, die Wehrpflicht für alle irakischen und syrischen Männer im Alter zwischen 18 und 45 Jahren einzuführen und diese zwangsweise in den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ zu schicken. Leute, nur so geht es. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Konservative Klientelpolitik und ein Weiterwurschteln wie bisher sind an ihrem Ende angelangt. Wir müssen die Augen öffnen und die Dinge wirklich anpacken, nicht länger abwarten und uns mit dem hart verdienten Geld der Steuerzahler aus unserer moralischen Verpflichtung kaufen. Denn wie es katholisch so schön heißt: Confiteor Deo omnipotenti beatae Mariæ semper Vírgini, beato Michaeli Archángelo, beato Ioanni Baptístæ, sanctis Apostolis Petro et Paulo, et vobis, fratres, quia peccavi nimis cogitatione, verbo, ópere et OMISSIONE.
4. ..ob es meine Wahl sein wird
paulaschwarz 28.11.2015
bezweifel ich. Aber in meinem privaten und geschäftlichem Umfeld werden fast alle (mehr als 95%) die AfD wählen wollen. Schluss mit GroKo und Einheitsbrei und fehlender Opposition.
5. ProfessorA
sudelnuppe 28.11.2015
Bei allem Respekt. Worte wie die Ihrigen treiben mir die Galle durch den Schlund. Die einzige Einheitspartei in diesem Land wird nach dem Niedergang der SED die AFD sein, denn deren Wähler samt Parteispitze beanspruchen die Meinungshoheit. Das ist das Merkmal einer Einheitspartei. Die Bevölkerung im Osten sollte das eigentlich wissen.
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