Gauland bei der Jungen Alternative Nur ein Vogelschiss

Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD, hat sich auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative an einer neuen Provokation versucht: Er tat die NS-Zeit mit einer Floskel ab.

Alexander Gauland beim Bundeskongress der Jungen Alternative (JA)
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Alexander Gauland beim Bundeskongress der Jungen Alternative (JA)

Aus Seebach berichtet


Alexander Gauland hat sich schick gemacht für diesen Termin. Die grüne Krawatte mit den aufgestickten, goldenen Hunden liegt ordentlich über seinem Hemd. Neben Gauland klebt ein mannshohes Plakat an der Wand: "Deutschland braucht dich!" steht in großen Lettern darauf. Der Fraktionsvorsitzende der AfD stützt die Hände auf das Rednerpult, dann legt er los. "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte", sagt er.

Der Satz sitzt. Beifall im Saal des Klubhauses im thüringischen Seebach. Der 77-jährige Gauland spricht an diesem Samstag auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Schon in der Vergangenheit hatten sich AfD-Politiker vor dem Nachwuchs radikaler, schärfer geäußert als üblich.

So hatte der thüringische AfD-Rechtsaußen Björn Höcke Anfang 2017 in Dresden auf Einladung der Jungen Alternative seine berüchtigte "Denkmal der Schande"-Rede gehalten. Darin bezeichnete er die Erinnerungskultur der Deutschen als "dämliche Bewältigungspolitik".

Der Fraktionsvorsitzende Gauland weiß, wie er einen Treffer landen kann, wie er die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Natürlich bekenne sich seine Partei zu der Verantwortung für die NS-Zeit, hatte er zuvor betont. Um dann gleich noch einen draufzusetzen: "Wir haben eine ruhmreiche Geschichte. Und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre." Damit spielt Gauland auf die Zeit zwischen 1933 bis 1945 an, in der die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren.

Gaulands Äußerung folgt einer Strategie der AfD, die NS-Zeit als eine von vielen historischen Phasen herunterzuspielen. Es wird insinuiert, dass die Nazi-Herrschaft vergleichsweise kurz war und ihre monströsen Folgen damit zu vernachlässigen seien. Diese formalistische, verharmlosende Betrachtungsweise ist gerade vor jungem Publikum hochgradig problematisch.

Scharfer Tonfall bei Parteigenossen

Die Treffen der Jungen Alternative (JA) sind für die etablierten AfD-Politiker eine bedeutende Plattform. Hier zeigen sie Nähe zu ihrer Jugendorganisation, deren Mitglieder ihre Ideen und Überzeugungen radikaler vortragen als die älteren Parteigenossen. Mehrere JA-Mitglieder pflegen Verbindungen zu Burschenschaften oder der Identitären Bewegung, wie aktuelle Recherchen unter anderem der "Taz" zeigen.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung hatte der Bundesvorsitzende der Jungen Alternative (JA), Damian Lohr, den Tonfall der Sitzung vorgegeben - wenn auch mit einem anderen Thema: "Die Europäische Union muss sterben, damit Europa leben kann", sagte der 24-Jährige. Auch ihm brandete Beifall entgegen. Später lobte AfD-Bundesvorstand Andreas Kalbitz in seiner Rede die "mutigen" Worte des jungen Bundesvorsitzenden - Provokation scheint auf Punkt 1 der Tagesordnung des Kongresses zu stehen.

Etwa 1700 Mitglieder hat die JA, die Organisation selbst spricht von knapp 2000. Zum Bundeskongress sind 99 von ihnen gekommen, sie sitzen verteilt in dem großen Saal, wohl, damit er nicht ganz so leer erscheint, wie er ist.

Im Vorraum kann man Fanartikel erwerben. Auf einem Shirt hüllt der Bundesadler schützend die Flügel um seinen Körper und die Deutschlandflagge. "Bunt genug", steht darunter. Stückpreis: 23,90 Euro. Daneben liegt ein Anhänger mit der Aufschrift: "Lock her up", sperrt sie ein. Die abgebildeten Hände sind zur Merkelraute gefaltet.

Zuspruch für Gauland

Die Aussage Gaulands sei unproblematisch, findet der JA-Vorsitzende Lohr, ein massiger Mensch mit akkurat gepflegtem Bart. 12 Jahre von 2000 seien ein "verschwindend geringer Anteil" der gesamten deutschen Geschichte: "Herr Gauland hat das rein zeitlich eingeordnet", sagt er.

Nicolai Boudaghi, stellvertretender Vorsitzender der JA, ahnt dagegen schon, welche Wirkung Gauland mit seiner Aussage haben würde. "Ich habe direkt gedacht: Das kann missverstanden werden", sagt Boudaghi. Es sei klar, dass sich die NS-Zeit nie wieder wiederholen dürfe - Gaulands Rede habe ihm natürlich sehr gut gefallen.

Anmerkung der Redaktion: Nach Erscheinen dieses Textes schrieb uns der zitierte JA-Vorsitzenden Damian Lohr, er habe 'die 12 Jahre nicht als Mückenschiss bezeichnet'. Der Text wurde angepasst.



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