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AfD im Hamburg-Wahlkampf: Jetzt schämt er sich nicht mehr

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Hans-Olaf Henkel: Galionsfigur der AfD in Hamburg Fotos
DPA

Vergangenes Jahr hatte Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel noch gesagt, bisweilen schäme er sich auf Parteitagen der AfD "in Grund und Boden". Jetzt, im Hamburger Wahlkampf, hat er mit Vorurteilen gegenüber Ausländern offenbar kein Problem mehr.

Hamburg - Im Forum Alstertal herrscht gespannte Stille. Wo sonst Gesprächskreise für Senioren stattfinden, will die Alternative für Deutschland (AfD) potenzielle Wähler von sich überzeugen. Kurz vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg ist Hans-Olaf Henkel zu Gast - Ex-BDI-Präsident und gebürtiger Hamburger. Gut 80 zumeist ältere Herrschaften sind gekommen, sie blicken Henkel erwartungsvoll an.

AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse kündigt einen Abend an, an dem "political correctness keine Rolle spielen soll". Also spricht Henkel offen - das hat er sich vorgenommen - über die vermeintlichen Tabus der deutschen Gesellschaft.

"Wir müssen in Deutschland über die Nebenwirkungen des Islam reden", fordert er. So gebe es außer in Tunesien keine Demokratie mit dem Islam als Staatsreligion, im Zeichen des Islam würden Mädchen und Frauen unterdrückt. Und er fordert mehr plebiszitäre Elemente. Wenn die Bürger über die Euro-Einführung hätten entscheiden dürfen, dann gäbe es heute noch die D-Mark, ist sich der Eurokritiker sicher: "Manchmal ist das Volk doch schlauer als die Politik." Zustimmendes Kopfnicken im Publikum. "Genau richtig", sagt einer.

Henkel ist die AfD-Galionsfigur in Hamburg. Die AfD hofft bei der Wahl am Sonntag auf den ersten Einzug in einen westdeutschen Landtag. Laut aktuellen Umfragen scheint das möglich. Er wirkt siegessicher. "Wenn wir es hier in Hamburg schaffen, dann schaffen wir es überall", sagt er. Wenn die AfD 2017 im Bundestag säße, sei "seine persönliche Mission" erfüllt.

Der Ex-Manager hat in der ganzen Welt Freunde, er ist seit vielen Jahren Mitglied bei "Amnesty International", er gibt sich liberal. Er ist der polyglotte Vorzeigekandidat der AfD. Doch neben Henkel versammelt sich eine ganze Schar dubioser Politiker, mit stark rechtslastigen Ansichten - das zieht auch ein entsprechendes Publikum an.

"Widerliches Pack"

Bei einem Henkel-Auftritt im "Haus der Patriotischen Gesellschaft" wird das deutlich. Ein Mann im Publikum etwa bezeichnet die Linkspartei als "widerliches Pack" - will aber nicht als Nazi verstanden werden. Auch Bürger mit Seidenschals und Perlenohrringen sind gekommen, vor allem aber die mit den karierten Sakkos und den ordentlichen grauen Haaren. Manch einer macht sich Sorgen wegen der geplanten Unterbringung von Flüchtlingen im feinen Harvestehude, beklagt mangelnde Bildung und hohe Kriminalität in Stadtteilen mit großem Ausländeranteil.

Die passenden Antworten liefert ihnen Bernd Baumann, Zweitplatzierter der AfD-Landesliste. Er punktet mit Aussagen über Ebola und Flüchtlinge aus Syrien: "Da denkt man sich: Ach, du lieber Gott, was soll da aus Deutschland werden, wenn die jetzt alle kommen?"

In der "Zeit" gab Henkel im vergangenen Jahr zu Protokoll, bisweilen schäme er sich "in Grund und Boden", wenn er auf Parteitagen der AfD manche Wortmeldungen höre. Mit der sich stetig wiederholenden Ausländerkritik seiner Hamburger Parteifreunde hat er aber offenbar kein Problem.

Nein, beteuert er. Nichts von dem, was Baumann gesagt habe, sei anrüchig gewesen. Natürlich müsse die Ausländerpolitik thematisiert werden, findet Henkel. "Hier haben wir doch ein Problem. Darüber muss man doch reden dürfen." Nur eben in einer Art und Weise, "die nicht den geringsten Hauch von Ausländerfeindlichkeit entstehen lassen darf", betont er.

"Böse Worte"

Das gelingt AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse allerdings nicht immer. Er bezeichnete verschleierte Frauen im Januar als "schwarze Monster". Im Forum Alstertal räumt er ein, dass er Tschadors so katastrophal finde, dass er dafür "schon böse Worte gefunden" habe.

Ein anderer Henkel-Verbündeter ist Dirk Nockemann. Er steht auf Platz drei der AfD-Landesliste. Der 56-Jährige war einst Innensenator. Dass er das Amt für die rechtspopulistische Schill-Partei bekleidete, steht auf der Webseite der Hamburger AfD nicht. Auf Facebook unterhielt er Kontakte zu Vertretern des ganz rechten Rands. "Nockemann ist einer von 15 - und er ist vernünftig", sagt Henkel. Er sei ein Sicherheitsexperte, der jede Menge Kompetenz in die Partei bringe. "Der hat mit Schill überhaupt nichts am Hut."

Henkel vollführt in Hamburg einen seltsamen Balanceakt. Man wird nicht ganz schlau aus ihm. Einerseits umgibt er sich mit offenkundigen Rechtsauslegern. Andererseits gehört er zu denen in der AfD, die sich in den vergangenen Monaten für Abstand zur islamkritischen Pegida-Bewegung ausgesprochen haben. "Man weiß nie genau, wer da mitläuft." Deswegen findet Henkel es auch wichtig, dass AfD-Mitglieder vor ihrem Eintritt nach vorheriger Mitgliedschaft in rechtsextremen Parteien gefragt würden.

"Für jeden, der den Sprung in die Bürgerschaft schafft, können wir unsere Hand ins Feuer legen", sagt Henkel. Wenn er sich da mal nicht die Finger verbrennt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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1. typisch
nervenzusammenbruch 14.02.2015
Tja wenn es dann zur Wahl kommt benimmt sich die AfD halt doch wie jede andere Partei. was interessiert mich mein Geschwätz von Gesten nur die Wahl zählt. so scheint das Henkel zu sehen. das die ganze Partei sich noch an Unterstützung von rechts schert ist jedoch klar. steht die doch soweit rechts das da kaum noch platz neben ihr ist
2. Eins hat
iketchup 14.02.2015
Herr Henkel ja mit Varoufakis gemeinsam: Sie tragen den gleichen Schal einer bekannten Britischen Nobelmarke bei öffentlichen Auftritten. Man schämt sich nicht mehr.
3. Die Aussagen von Herrn Prodi geben der AfD doch Recht
axelmueller1976 14.02.2015
Warum sollte sich Herr Henkel schämen, nur weil Er die Wahrheit über den EURO sagt, und das den eurofreundlichen Parteien nicht gefällt.
4. Geistiger Abbau?
login37 14.02.2015
Wenn man vor etwa 15 Jahren die früheren Bücher von Henkel gelesen hat, dann fragt man sich schon, ob es bei ihm im Alter von nun weit über 70 Jahren einen gewissen geistigen Abbau gibt? Die Werte, für die er in den Büchern "Freiheit" und "Die Ethik des Erfolges" so energisch eintrat, sind mit den Ansichten der AfD - einer Partei die rechts von CDU/CSU steht - nicht vereinbar. Insofern ist für mich rational nicht zu verstehen, dass er heute so prominent die AfD unterstützt.
5. Jetzt
jayram 14.02.2015
hat er den Stallgeruch der niederen Instinkte angenommen, anscheinend nur eine Frage des Eingewöhnens.
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