AfD-Hochburg in Brandenburg Die vergessenen Bürger von Neuzelle

Jeder Fünfte im brandenburgischen Klosterort Neuzelle hat die AfD gewählt. Die Euroskeptiker machten hier Grenzkriminalität zu ihrem Thema - und trafen den Nerv der Bürger. Denn die sind der Einbrüche so überdrüssig, dass sie selbst Patrouillen laufen.

Aus Neuzelle berichtet Moritz Mihm

Landtagswahlen in Brandenburg: Aus dem Stand gute Ergebnisse für die AfD
AFP

Landtagswahlen in Brandenburg: Aus dem Stand gute Ergebnisse für die AfD


An einem sonnigen Herbstnachmittag sitzt der Bürgermeister von Neuzelle, Dietmar Baesler (FDP), am Ufer des Klosterteiches und trinkt Kaffee. Gegenüber liegt die barocke Klosteranlage, in deren Restaurierung seit der Wende mehr als 23 Millionen Euro investiert wurden. Touristen fahren auf Fahrrädern vorbei, und Enten streiten sich lautstark um Brotkrümel. "Eigentlich geht es Neuzelle ganz gut", sagt Baesler.

Hier, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, holte die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl 22,5 Prozent der Zweitstimmen - den höchsten Wert in Brandenburg (Schnitt 12,2 Prozent). Zum Amt Neuzelle, so heißt der Verwaltungsverbund, gehören auch die Orte Lawitz und Neißemünde. 6678 Menschen leben im Amt, 4300 in Ort Neuzelle.

Natürlich fehlen Arbeitsplätze, und, ja, viele junge Menschen ziehen weg. Auf rund 1800 Beschäftigte kommen im Ort selbst nur rund 850 Jobs. Viele, die hier leben, pendeln oder sind unter der Woche auf Montage. Trotzdem: Wie ein Hort der Protestwähler wirkt Neuzelle nicht.

Die Häuser an der Hauptstraße sind frisch verputzt. In der Ortsmitte gibt es Bäcker, Metzger, Floristen und eine Drogerie. Es gibt zwei Grundschulen und eine weiterführende Internatsschule mit Schülern aus der ganzen Welt.

Innere Sicherheit steht an erster Stelle

Als beängstigend empfinden viele Bürger die Grenzkriminalität. Dabei ist ausgerechnet in dieser Gemeinde die Zahl der Diebstähle niedriger als in der übrigen Grenzregion und sogar niedriger als im gesamten Landesschnitt Brandenburgs (2013: 34,1 Diebstähle auf 1000 Einwohner). Im ersten Halbjahr 2014 wurden im Amt Neuzelle 95 Diebstähle angezeigt, ein Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum 61.

Der Betreiber der Klosterbrauerei, Stefan Fritsche, zeigt sich als einer der Wenigen hier gelassen. Sein Auto sei in Berlin schon zweimal aufgebrochen worden, in Neuzelle noch nie, sagt er. "Der Alexanderplatz ist in allen Bereichen viel gefährlicher als Neuzelle", sagt er.

Bei vielen Bürgern kursieren dagegen Geschichten von vermummten Räubern, die Anwohner mit Messern bedrohen. Ihre Angst zeigt sich am ehesten in Lawitz, anderthalb Kilometer nördlich von Neuzelle. Am Ortseingang steht Winfried Seelenz, Kandidat der AfD. Seine Partei hat die Grenzkriminalität zu ihrem Thema erklärt - das hat sich hier für sie bezahlt gemacht. "Die innere Sicherheit steht für uns an erster Stelle", sagt Seelenz. "Wir schützen uns selbst", steht hinter ihm auf einem Schild.

2013 gab es hier 29 Einbrüche - bei knapp 200 Haushalten. 2007 waren es noch zwei gewesen. Seitdem habe sich alles geändert, erzählt Gudrun Schmädicke, die seit 20 Jahren parteilose Bürgermeisterin ist. Inzwischen hat hier jeder einen Nachbarn oder Angehörigen, der bestohlen wurde. Heute seien viele Flutlichter und Bewegungsmelder installiert. Schmädicke sagt, sie wisse nicht, woher die Diebe kämen. Die polnischen Kennzeichen, die sie notiert hätten, seien Fälschungen gewesen.

Das Innenministerium hat durchaus reagiert. Laut dem Sprecher Ingo Decker wurde die Zahl der Streifenwagen Anfang August in den Grenzgemeinden erhöht. Im Amt Neuzelle seien nun vier statt zwei Streifenwagen unterwegs. Allerdings erst mal nur bis Mitte Oktober. Wahlkampfgeplänkel sei das, sagen Anwohner.

Mit Taschenlampe und Pfefferspray

Vor zwei Monaten entschieden sich die Lawitzer, selbst zu patrouillieren - mit Warnwesten, Taschenlampen und Pfefferspray. Sie seien keine Bürgerwehr, sagt Schmädicke. Nur besorgte Einwohner, die ihr Eigentum verteidigten und von der Politik nicht mehr viel erwarteten.

Das sagt auch Torsten Noack, der für die CDU im Kreistag des Landkreises Oder-Spree sitzt und dem das Autohaus und die angeschlossene Werkstatt in Neuzelle gehören. Zweimal wurde bei Noack eingebrochen, mehrere Zehntausend Euro Schaden sind dabei entstanden. Über dem Eingang seiner Werkstatt hängt inzwischen eine Kamera. Wenn Unbekannte in den Straßen unterwegs sind, machen die Nachbarn Kontrollanrufe. "Wenn hier tagsüber einer mit 'ner Kapuze durchläuft, den wir nicht kennen, sind wir nachts unterwegs", sagt Noack.

Die Politiker aus Potsdam unternähmen nichts gegen die Kriminalität, sagen Noack und Schmädicke. Wie wenig die sich für Neuzelle interessierten, habe man im Wahlkampf gesehen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sei als einziger vor Ort gewesen. Noack und andere Anwohner hatten Plakate mitgebracht, wollten auf dem Strohballenfest für mehr Sicherheit demonstrieren.

Aber die SPD hatte das Hausrecht und verbot es. "Mich hat das an DDR-Zeiten erinnert", sagt Bürgermeister Baesler. "Wenn du dort ein Schildchen hochgehalten hast, dann hat das auch gleich einer heruntergerissen." Ob er deshalb den Erfolg der AfD nachvollziehen kann? "Für mich war das Ergebnis schon überraschend", sagt der FDP-Mann. "Naja, zumindest ein bisschen."



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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
michel357 02.10.2014
1. Ach lieber Spiegel...
...geht es eigentlich auch mal eine Woche ohne AfD-Bashing und wie hier wieder den Versuch sie zwischen den Zeilen in die rechte Ecke zu stellen? Langsam wird es langweilig.
imlattig 02.10.2014
2. das ist doch...
ganz normal. wird einer aus der geistig moralischen elite nur schief angeschaut wird ermittelt. wird dem kleinen mann das auto geklaut oder in die wohnung eingebrochen ist polizei und staatsanwaltschaft schnell ueberlastet. das hat doch methode. bei den wahlen sind die herren und damen dann entruestet weil der waehler dann anders waehlt als sonst.
misterknowitall 02.10.2014
3.
Und jetzt denken die Menschen, die die AfD gewählt haben jetzt wird alles besser? Da werden die wohl noch mehr enttäuscht als von den etablierten Parteien.
Badischer Revoluzzer 02.10.2014
4. Wenn sie das Übliche wählen
bekommen sie das auch. Treffender kann ein Werbespruch wirklich nicht mehr sein. Absolut Super.
Badischer Revoluzzer 02.10.2014
5. Wenn sie das Übliche wählen
bekommen sie das auch. Treffender kann ein Werbespruch wirklich nicht mehr sein. Absolut Super.
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