Mecklenburg-Vorpommern Wo die AfD die anderen Parteien deklassierte

Die Hochburgen der AfD liegen im äußersten Osten von Mecklenburg-Vorpommern. Die Wahlkreise waren früher in der Hand der Union - jetzt kämpfen Ex-Christdemokraten für die Rechtspopulisten.

AfD-Hochburgen in Mecklenburg-Vorpommern
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AfD-Hochburgen in Mecklenburg-Vorpommern

Von und (Grafiken)


Vorpommern-Greifswald II, III und V - dahinter verbergen sich Wahlkreise im äußersten Nordosten der Republik, an der deutsch-polnischen Grenze. Hier fuhr die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ihre besten Ergebnisse ein. Von dort ziehen drei Direktkandidaten der Rechtspopulisten ins Schweriner Parlament ein.

Landesweit zog die AfD an der CDU vorbei und wurde mit 21 Prozent und 18 Sitzen im Parlament zweitstärkste Kraft hinter der SPD (31 Prozent, 26 Sitze). In den genannten drei Wahlkreisen deklassierte die AfD mit ihrem islamophoben, fremdenfeindlichen Wahlkampf alle anderen Parteien - dafür reichten in dem dünn besiedelten Landstrich rund 20.000 Stimmen.

Landesweit erhielt die AfD den größten Zuspruch von ehemaligen Nichtwählern. Sie ist eine klassische Protestpartei, zwei Drittel ihrer Wähler gaben in der Infratest-Wahlanalyse an, die AfD aus Enttäuschung über die anderen Parteien gewählt zu haben. Nur 25 Prozent sagten, für sie seien AfD-Inhalte entscheidend gewesen. Gewählt wurde die Partei auch von Menschen mit hohem Bildungsstand (16 Prozent), am erfolgreichsten war sie aber bei niedrig gebildeten (29 Prozent).

Der Erfolg geht also auf eine Mischung aus Frustration und Ärger über die anderen Parteien zurück - mancherorts spielte aber womöglich auch das Spitzenpersonal eine besondere Rolle.

Im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald III erhielt die AfD 32,2 Prozent - beinahe doppelt so viele Stimmen wie die SPD und mehr als CDU und Linke zusammen. Genau diese Gegend war zwei Wahlen zuvor noch fest in der Hand der CDU. Hier zeigt sich deutlicher als anderswo, dass vor allem die CDU an die Protestpartei AfD abgeben musste. 22.000 Wähler wanderten von der Union zu den blauen Rechtspopulisten.

In Vorpommern-Greifswald III schillert besonders der Spitzenkandidat, wenn auch eher in mattem Braun: Ralph Weber, ehemals CDU-Mitglied, fiel an der Universität Greifwald dadurch auf, dass er demonstrativ Thor-Steinar-Klamotten trug - eine vor allem bei Neonazis beliebte Bekleidungsmarke. 2008 forderte er bei seinem Parteifreund und CDU-Innenminister Lorenz Caffier mehr Toleranz für zwei NPD-Kandidaten ein, weil ihnen eine Kandidatur wegen fehlender Verfassungstreue untersagt werden sollte. Jetzt zog der Professor mit Kontakten zur Greifswalder Burschenschafterszene mit 35 Prozent der Stimmen als AfD-Direktkandidat in den Landtag ein.

Ebenfalls direkt gewählt wurden der 69-jährige frühere Bürgermeister der Gemeinde Schönwalde, Jürgen Strohschein, im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald V sowie der promovierte Jurist und Greifswalder Amtsrichter Matthias Manthei in Vorpommern-Greifswald II. Manthei machte sich nach der Wende in seiner Heimatstadt Anklam um die Jugendorganisation der CDU verdient, die er dort aufbaute. Nach einem Studium in Münster ging er als Richter auf Probe erst nach Rostock, dann nach Greifswald.

Für zwei der drei Wahlkreise gilt: Sie bluten aus. Aus Vorpommern-Greifswald II und Vorpommern-Greifswald V ging zwischen 2012 und 2014 im Saldo jeder Vierte zwischen 18 und 29 Jahren fort. Der sogenannte Wanderungssaldo betrug minus 20 Prozent für die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen. In Vorpommern-Greifwald III ist es ähnlich dramatisch: Die Bevölkerung wuchs zwar leicht, die jungen Erwachsenen jedoch liefen davon.

Prägend für den äußersten Osten Mecklenburg-Vorpommerns ist die im Landesvergleich höhere Arbeitslosigkeit: Mit 10,5 Prozent liegt sie leicht über dem Landesdurchschnitt und um mehr als zwei Prozentpunkte über dem ostdeutschen Durchschnitt. Knapp acht Prozent der Bevölkerung im Landkreis Vorpommern-Greifswald sind langzeitarbeitslos und beziehen Hartz-IV-Leistungen. Genauere demografische Daten, etwa über Bildungsstand und Einkommensverteilung in den drei AfD-Hochburgen, konnte die Statistikbehörde des Landes nicht liefern.

Ein Zahlenexperiment eines Berliner "taz"-Journalisten zeigt: Auf der beliebten Ferieninsel Usedom wählten in 9 von 16 Gemeinden mehr als 40 Prozent rechtspopulistisch oder rechtsextrem, er zählte hierfür die Ergebnisse von AfD oder NPD zusammen.

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