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Mitgliederparteitag: AfD-Lager rüsten zur Entscheidungsschlacht

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AfD-Vorstandssprecher Lucke und Petry: Tiefes Zerwürfnis Zur Großansicht
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AfD-Vorstandssprecher Lucke und Petry: Tiefes Zerwürfnis

Die AfD-Führung ist zerstritten, am Wochenende sollen die Mitglieder auf einem Parteitag eine neue Spitze wählen. Die Kontrahenten Lucke und Petry bringen sich in Stellung - ein Tonbandmitschnitt offenbart, wie vergiftet die Stimmung ist.

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Selten haben Außenstehende die Möglichkeit, einmal mitzuhören, wie Vorbereitungen für einen Parteitag konkret verlaufen. Die Basis der AfD, die an diesem Wochenende in Essen zu ihrem Mitgliederparteitag zusammenkommt, kann das. Im Internet kursiert ein offenbar heimlich aufgenommener Mitschnitt einer Versammlung des "Weckrufs".

Der Verein, vom AfD-Vorstandssprecher Bernd Lucke erst vor wenigen Wochen ins Leben gerufen, dient als Sammelbecken für die liberalen und wirtschaftsliberalen Kräfte in der Partei und positioniert sich gegen den rechtskonservativen Flügel um Frauke Petry.

Die Versammlung sollte, das geht aus dem Mitschnitt hervor, vertraulich bleiben. "Wollen wir die Tür vielleicht zumachen?", bittet Lucke eingangs, woraufhin ein Mitglied unter dem Gelächter der Versammelten ausruft: "Aber das Tonband läuft noch."

103 Minuten dauert die Aufnahme. Und sie offenbart nicht nur, wie akribisch sich Lucke und seine Anhänger auf den Parteitag vorbereiten, sondern auch, dass er eine Niederlage durchaus einkalkuliert. Wenn der Parteitag ungünstig verlaufen sollte, könnten die Entscheidungen so dramatisch sein, dass er sie nicht allein treffen wolle, sagt Lucke vor seinen Anhängern. Nach dem Parteitag solle daher der "Weckruf" beraten, wie es weitergehe.

Lucke über Petry: "Verhältnis ist zerrüttet"

In Essen will Lucke dafür sorgen, dass es künftig keinen Vorstand gibt, in dem "die Leute mit mir nur mit zusammengebissenen Zähnen zusammenarbeiten können". Sein Verhältnis zu Petry sei "zerrüttet", bekennt er. Wie die sächsische Landes- und Fraktionschefin, die mit Lucke und Konrad Adam derzeit noch zu den drei gleichberechtigten Vorstandssprechern zählt, sich verhalten wird, ist unklar. Im Mai hatte sie erklärt, mit Lucke nicht mehr zusammenarbeiten zu wollen. In der vergangenen Woche sagte sie vor Journalisten in Berlin: "Jeder, der sich auf dem Parteitag zur Wahl stellt, muss auch bereit sein, zusammenzuarbeiten."

Zwischen Petry und Lucke herrscht tiefes Misstrauen. Vergangene Woche war Petry mit drei Parteikollegen ins krisengeschüttelte Athen gereist, auf SPIEGEL ONLINE hatte sie schriftlich erklärt, eine solche Griechenland-Visite sei zuvor öfter im Bundesvorstand besprochen worden, Lucke aber habe Bedenken gehabt. Das, sagt Lucke in dem Mitschnitt, stimme nicht: "Sie lügt wie gedruckt, mit so jemandem kann man nicht zusammenarbeiten." Dafür gibt es im Raum kräftigen Applaus.

Ein Duo Lucke/Petry scheint undenkbar. Auf einer Pressekonferenz Anfang der Woche in Berlin hatte Lucke erklärt, er gehe davon aus, dass "wer auch immer unterlegen ist, das dann auch akzeptiert." Sein Verhältnis zu Petry sei "gewissen Zerrüttungen ausgesetzt", eine Zusammenarbeit sei aus seiner Sicht "nicht möglich."

Aufrufe von Gauland, Petry und Lucke

Unversöhnlich geht es auch in den Erklärungen zur Sache, die am Mittwoch per E-Mail an die Mitglieder verschickt wurden. AfD-Vize Alexander Gauland schrieb, man stehe vor einem Parteitag, "der darüber befinden wird, ob wir die Alternative für Deutschland bleiben oder es Bernd Lucke gelingt, eine Machtorganisation seines Ehrgeizes aus der Partei zu formen".

Petry warb in ihrer E-Mail an die Mitglieder für einen Vorstand, der für "klare Kante" stehe. Ohne ihn namentlich zu erwähnen, grenzte sich Petry erneut deutlich von Lucke ab, dem sie wiederholt vorgehalten hat, sich nicht an Parteibeschlüsse zu halten. Die Parteiführung, fordert sie, solle "loyal zu Basis, Programm und Idealen der AfD stehen - nicht umgekehrt". Die AfD sei, anders als die CDU, eben "kein Kanzlerwahlverein", nimmt die Co-Vorsitzende indirekt Lucke aufs Korn.

Deutlich klingt auch Luckes E-Mail an die Basis: "In den nächsten Tagen entscheidet sich das Schicksal Griechenlands - und vielleicht auch das der AfD." Den Mitgliedern schlägt er als seine künftige Co-Vorsitzende die Europaabgeordnete Ulrike Trebesius und als seinen künftigen Generalsekretär den deutsch-türkischen AfD-Politiker André Yorulmaz vor, einen bekennenden Homosexuellen. Präsentiert hatte er beide bereits diese Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin.

Was sein eigenes Schicksal an der Spitze angeht, darüber lässt Lucke die rund 22.000 Mitglieder nicht im Unklaren: "Ob ich noch einmal Gelegenheit haben werde, mich als Bundessprecher der AfD an Sie zu wenden, entscheidet der kommende Bundesparteitag."


Zusammengefasst: Am kommenden Samstag beginnt in Essen ein außerordentlicher Mitgliederparteitag der AfD. Zur Wahl stehen die bisherigen Vorstandssprecher Bernd Lucke und Frauke Petry, die mittlerweile harte Gegner sind. Ein Mitschnitt einer Lucke-Veranstaltung zeigt, wie akribisch sich der AfD-Mitgründer auf den Kampf gegen Petry vorbereitet.

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1. Ich wünsche mir eine richtig...
Kein Gutmensch 02.07.2015
... bürgerlich-freiheitlich liberale Partei für Deutschland... Aber nicht die Kaschperlestheater FDP und AfD - eine wirklich liberale Partei...
2. Das Wahlvolk kann nur abwarten
japhet 02.07.2015
Als Wähler hat man in Deutschland kaum eine Alternative. Die "großen" Parteien - auch die SPD zählt sich noch hierzu - sind alle in eine selbstdefinierte Mitte gerückt und kaum noch voneinander zu unterscheiden. Die aktuellen Krisen haben die aktuellen Regierungsparteien - ebenso wie ihre ehemaligen Koalitionspartner Grüne und FDP - verursacht bzw. zumindest mitverursacht und Lösungskonzepte werden kaum entwickelt, weil man dann die früheren Fehlentscheidungen zugeben müßte. Die Linke schwelgt - inzwischen auch wegen der kommunistischen Regierung in GRiechenland - in linken Träumen, dass der "Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus" nun doch umgedreht werden könne. Da bleibt nicht viel Alternative. Jetzt heißt es abwarten, welchen Weg die AfD geht. Allerdings: eine reine "ich-mag-den-Euro-nicht"-Partei, welche sich um dringende andere Probleme herumdrückt, wird auf Dauer keine Zukunft haben.
3. Tja Herr Lucke
lini71 02.07.2015
wer solche gestalten wie Petry ins Boot holt, soll sich halt nicht wundern. Aber egal wie es ausgeht, die AfD wird wieder das, was sie verdient. Eine kleine Splitterpartei am rechten Rand...
4. Gruseliger Verein dieser Weckruf.
abi68 02.07.2015
Diese 103 Minuten Mitschnitt der Weckruf Veranstaltung in Achim am 28.6.2015 sollten Pfichtlektüre für alle an der AfD interessierten Bürger sein. Mir persönlich ist es eiskalt den Rücken heruntergelaufen als ich hören musste, mit welcher Kaltschneuzigkeit und Menschenverachtung die Weckrufler die Macht inder AfD an sich reissen wollen. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu, was er feine Herr Lucke und seine teils noch schlimmeren Kumpane in Essen mit der AfD vorhaben. Aber am besten ist es, wenn sie sich diese Demaskierung selbst anhören.
5. Vielleicht eine Entscheidungsschlacht,
nestor01 02.07.2015
aber keine endgültige Entscheidung. Egal welches Lager stärker sein wird. Es wird wieder einen gemischten Vorstand geben. Das heißt es wird Vorstände geben, mit denen Lucke nicht zusammen arbeiten kann. Deshalb wäre es besser, wenn Lucke verlöre. Eine Partei wird, anders als ein Unternehmen, von unten nach oben regiert. Damit hat Lucke wohl gewisse Probleme.
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