AfD-Vize Gauland "Herr Lucke hat kein Gespür für andere Menschen"

Parteipolitik mit dem Vorschlaghammer: Im Interview attackiert AfD-Vize Alexander Gauland in seltener Offenheit den Kurs von AfD-Mitgründer Bernd Lucke. Gauland wirft ihm einen unanständigen Stil beim Umgang mit Menschen vor.

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Harte politische Auseinandersetzungen gibt es in vielen Parteien. Doch derart scharfe Angriffe unter Parteifreunden in aller Öffentlichkeit sind rar: Alexander Gauland, Vize der Alternative für Deutschland (AfD), attackiert im SPIEGEL-ONLINE-Interview seinen Kollegen Bernd Lucke, bescheinigt ihm fehlende Empathie und charakterliche Defizite.

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Heft 24/2015
Wie die Angst vor Attentaten unsere Freiheit frisst

Der brandenburgische AfD-Landes- und Fraktionschef wörtlich über den Kollegen: "Er hat kein Gespür für andere Menschen."

Anfang Juli sollen die Mitglieder auf einem Sonderparteitag in Essen entscheiden - zwischen dem eher wirtschaftsliberalen Kurs von Vorstandssprecher Lucke und dem konservativen Kurs seiner Kollegin Frauke Petry. Gegner und Anhänger beider Lager bringen sich in Stellung, auch Vize Alexander Gauland, der Petry unterstützt (mehr zu Machtkampf lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL). Eine AfD mit Lucke an der Spitze kann sich Gauland nicht mehr vorstellen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

ZUR PERSON
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    Alexander Gauland, geboren am 20. Februar 1941 in Chemnitz, ist Gründungsmitglied der "Alternative für Deutschland" (AfD). 2014 wurde er Spitzenkandidat der AfD in Brandenburg. Bei der Landtagswahl im September desselben Jahres konnte die AfD mit 12,2 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielen. Gauland ist AfD-Bundesvize sowie Landes-und Fraktionschef der brandenburgischen AfD. Der 74-Jährige lebt in Potsdam.
SPIEGEL ONLINE: Herr Gauland, wird sich Ihre Partei spalten?

Gauland: Vor vier Wochen hätte ich noch gesagt - Nein. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Die Initiative "Weckruf" von Bernd Lucke weist deutlich auf eine Spaltung hin. Ich kann mir vorstellen, dass er sich mit seinen Anhängern abspaltet, sollte er sich nicht auf dem Mitglieder-Parteitag in Essen mit einem ihm genehmen Vorstand durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Der Delegiertenparteitag von Kassel wurde abgesagt, wird der außerordentliche AfD-Mitgliederparteitag am 4. und 5. Juli in Essen überhaupt stattfinden?

Gauland: Ich weiß es nicht. Es gibt eine rechtliche Unsicherheit, weil die Ladungsfrist von sechs Wochen gar nicht eingehalten werden kann und zudem in einem Bundesland schon Schulferien sind. Ich kann mir vorstellen, dass das Mitglieder erzürnt.

SPIEGEL ONLINE: Lucke ist das bekannteste Gesicht der AfD. Schon jetzt führt der interne Streit zu sinkenden Umfragewerten. Geht die AfD ohne Lucke unter?

Gauland: Nein, die Partei ist stabil. Von den 22.000 AfD-Mitgliedern hat Lucke rund 3000 für seinen "Weckruf" gewonnen. Aber eines ist klar - wir werden es schwerer haben. Ich bin nach wie vor überzeugt: Für die Themen der AfD gibt es in der Gesellschaft ein Bedürfnis.

SPIEGEL ONLINE: Lucke als Bundeschef der AfD, ist das für Sie überhaupt noch denkbar?

Gauland: Nein, das sehe ich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie ihm vor?

Gauland: Lucke will fast ausschließlich auf die Kritik am Euro setzen. Aber das reicht nicht, um politisch zu überleben. Er will alle die Themen hinausdrängen, die uns etwa in Brandenburg, Thüringen und Sachsen bei den Landtagswahlen Erfolg gebracht haben - die Sorgen vieler Menschen vor steigenden Flüchtlingszahlen, vor der Kriminalität in den Grenzregionen, vor der multikulturellen Gesellschaft. Eine Partei, wie sie Lucke will, wird neben CDU und FDP keine Chance haben.

SPIEGEL ONLINE: Lucke warnt vor einem Rechtskurs der AfD, er hat kürzlich festgehalten, die AfD müsse sich zu Grundpfeilern der Bundesrepublik bekennen - Nato, EU, Westbindung. Sie waren wie Lucke lange in der CDU, wollen Sie das nicht mehr?

Gauland: Doch, aber ich will keine roten Linien, die Herr Lucke mal so eben von oben herab verordnet. In einer Partei, die sich Alternative für Deutschland nennt, müssen alle diese Themen diskutiert werden können.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist Ihre rote Linie?

Gauland: Die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Die steht für mich nicht zur Disposition.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn für die Nato, die Westbindung?

Gauland: Sicherlich. Aber ich will das nicht wie Herr Lucke diskussionslos stellen.

SPIEGEL ONLINE: Antiamerikanismus, Kritik an der Nato, an der EU - das sind auch klassische Themen der neuen Rechten, auch von Rechtsextremen. Ziehen Sie da nicht eine bestimmte Klientel an?

Gauland: Wir haben klare Unvereinbarkeitsbeschlüsse nach Rechtsaußen. Im Übrigen haben sie solche Debatten doch auch bei der Linkspartei, mitunter auch noch bei den Grünen. Ich werde auf fast jeder Veranstaltung nach dem Sinn und Zweck der Nato gefragt, und ich verteidige dann das Bündnis und die Westbindung, die einst Konrad Adenauer einleitete. Aber zu sagen: Ihr dürft das nicht mehr diskutieren, das geht nicht! Wir brauchen beide Flügel in der AfD, den - ich nenne es mal verkürzt so - liberalen und konservativen. Sonst geht es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich im Herbst eine Pegida-Demonstration in Dresden angesehen. Die Nähe zu diesen islamfeindlichen Kräften ist auch ein Streitpunkt in der AfD. Kurzgefragt, Herr Gauland, Sind Sie ein Rechtspopulist?

Gauland: Da stelle ich Ihnen eine Gegenfrage. Wer war 2005 der Sozialdemokrat, der in einem Interview gesagt hat, dass die Zuwanderung von Menschen aus dem Osten Anatoliens oder aus Schwarzafrika das Problem der Überalterung nicht löse, sondern nur ein zusätzliches dickes Problem schaffe?

SPIEGEL ONLINE: Ich nehme an, das war Helmut Schmidt.

Gauland: Ist Altkanzler Schmidt nun ein Rechtspopulist? Sie können ja die Frage der Zuwanderung für sich anders entscheiden - aber politisch diskutieren dürfen, das muss doch bitte schön noch erlaubt sein, zumal in einer Partei, die sich als Alternative versteht. Sonst wird die AfD zum Wurmfortsatz von CDU und FDP. Eine solche AfD hat keine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Sie warnen vor der Zuwanderung. Fakt ist, wir sind längst ein Zuwanderungsland. Kann für Sie eigentlich ein deutscher Muslim ein Deutscher sein?

Gauland: Ja, natürlich kann er das, wenn er sich der deutschen Kultur, der Tradition, dem Grundgesetz eng verbunden fühlt.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ein Muslim auch Mitglied der AfD sein?

Gauland: Wir haben Muslime in der AfD.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum AfD-Streit. Wann haben Sie mit Lucke gebrochen?

Gauland: Anfangs konnten wir miteinander, dann wurde es immer schwieriger. Bernd Lucke will die Partei inhaltlich nach dem Motto führen 'It's my party'. Abweichende Meinungen duldet er nicht. Auch der menschliche Umgang, den Bernd Lucke pflegt, ist für mich inzwischen völlig unakzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Gauland: Mein Bruch war eine nächtliche Telefonkonferenz des Bundesvorstandes vor rund drei Monaten, in der die Frage einer künftigen Finanzierung eines Generalsekretärs besprochen wurde. Bei dieser Gelegenheit hat er unserem Bundesgeschäftsführer Georg Pazderski, den er auch noch duzt, so nebenbei erklärt: "Ich muss Dich entlassen." Ohne Vorankündigung für den Betroffenen! Unternehmen, die so etwas machen, würden wir als Partei völlig zu Recht als zutiefst unanständig charakterisieren. So ein Verhalten geht deshalb auch in einer Partei nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als könnten Sie nicht mehr miteinander.

Gauland: Herr Lucke hat - leider - keinerlei Empathie, er hat kein Gespür für andere Menschen. Das sind charakterliche Defizite, das hat noch nichts mit Politik zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es nun weiter?

Gauland: So wie es aussieht, wird sich die Partei entscheiden müssen zwischen Lucke und Frau Petry.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Herr Lucke auf dem kommenden Parteitag siegt?

Gauland: Dann werde ich mit Sicherheit nicht die AfD verlassen.

Video: Die Krise der AfD - in einer Szene

insgesamt 86 Beiträge
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fwittkopf 11.06.2015
1. Ach, Herr Gauland,
gegen den Stil der Vertreter der etablierten Parteien ist Herr Lucke ein Waisenknabe. Schauen sie doch, was die Politik mit uns anstellt. Die Stilfrage kommt ganz zum Schluß, das ist völlig irrelevant.
meyer01 11.06.2015
2. Tip Top!
Ich lach mich schlapp Herr Gauland, und das aus ihrem Munde ..... . Ihre charakterliche Eignung haben sie ja gerade eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
rakatak 11.06.2015
3.
Dem allem kann man nur zustimmen. Das Verhalten von Lucke ist in der Tat sehr merkwürdig. Man merkt, dass ihm die jahrelange Erfahrung einer Ochsentour vom Kreisverband in die Spitze einer Partei fehlt, die bei den anderen Parteien üblich ist. Jedes Mitglied würde im übrigen wegen parteischädigendem Verhalten rausgeworfen, wenn es sich wie Lucke benehmen und eine Gegenbewegung innerhalb der Partei gründen würde, wie es der "Weckruf" ist.
kritischer-spiegelleser 11.06.2015
4. Stil? Er bestimmt den Kurs der AfD!
Und wenn jemand versucht Parteiinhalt und -Kurs zu verbiegen muss er reagieren. Und da kommt es dann nicht auf den Stil an!
n.nixdorff 11.06.2015
5. Ach
wie ist es schön anzusehen, wie sich die von Rechten unterwanderte neoliberale AfD in aller Ruhe selbst zerlegt. Ich denke, wir werden demnächst zwei neue Splitterparteien haben. Die Rechtsausleger der AfD vornehmlich im Osten und die Neoliberallalas der AfD überwiegend im Westen. Beide dürften den mit ihnen konkurrierenden Parteien NPD bzw. FDP Wählerstimmen abnehmen und es bleibt zu hoffen, dass dann alle vier unter 5% bleiben.
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