Luckes neue AfD-Führungsstruktur Ich, ich, ich

Etappensieg für Bernd Lucke auf dem Parteitag in Bremen: Der AfD-Mitgründer hat seinen Reformplan für eine schlankere Führung durchgesetzt. Trotz massiven Streits unter den Mitgliedern.

Von , Bremen


Irgendwann entwich dem nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Marcus Pretzell ein Stoßseufzer: "Ich liebe AfD-Parteitage." Da war wieder einmal von einem Mitglied ein Antrag zur Geschäftsordnung gestellt worden, obwohl über das Thema bereits zweimal abgestimmt worden war. Der entnervte Jurist war Teil des Tagungspräsidiums - und das hatte auf dem zeitweise chaotischen Bundesparteitag alle Mühe, den Überblick zu behalten.

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Heft 6/2015
Europas Albtraum Alexis Tsipras

Am Ende durfte sich am Samstag nach einer zeitweise turbulenten Sitzung vor allem einer freuen: Bernd Lucke. Das prominenteste Gesicht der Eurokritiker hatte sich mit seinem Reformplan für eine neue Führungsstruktur durchgesetzt. Die Partei soll Ende dieses Jahres von einem Bundesvorsitzenden und einem hauptberuflichen Generalsekretär geführt werden. Voraussetzung allerdings ist, dass die AfD sich zuvor ein Programm gibt.

In der Zwischenphase soll die AfD von einer Doppelspitze geleitet werden, die auf einem weiteren Parteitag im April gewählt wird. Voraussichtlich dürften Bernd Lucke und die bisherige Vorstandssprecherin Frauke Petry dafür kandidieren. Am Ende des Jahres, wenn der ehrgeizige Zeitplan für die Verabschiedung eines Programms eingehalten wird, könnte Lucke allein an der Spitze stehen, assistiert von einem Generalsekretär.

Petry erklärte am Rande des Parteitags, im April für die neue Zweierspitze anzutreten. Sie werde aber nicht gegen den Co-Vorsitzenden Bernd Lucke um den Parteivorsitz kandidieren und wolle im Dezember dessen Stellvertreterin werden, sagte sie.

Am Abend wurde dann die Satzungsänderung mit einer äußerst knappen Zweidrittel-Mehrheit von den Mitgliedern beschlossen - im Saal brach bei den Befürwortern lauter Jubel und "AfD"-Rufe aus, dem Tagungspräsidium und auch Lucke war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

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AfD-Parteitag: Streit, Protest und ein glanzloser Sieg
Die Umstände, unter denen die Reform auf den Weg gebracht wurde, wirkten ohnehin skurril: In Bremen fand ein AfD-Großereignis statt - wegen des starken Andrangs zu dem Mitglieder-Parteitag (am Ende wurden 1645 Teilnehmer gezählt, über 2100 Anmeldungen hatten zuvor vorgelegen) mussten zwei Räumlichkeiten angemietet werden. Zwischen der Messehalle eines Hotels und einem nahe gelegenen Musicaltheater gab es eine Liveschaltung.

Schonungslose Rede Luckes

Viele Mitglieder ahnten: Ohne Lucke, dem prominentesten Gesicht der Eurokritiker, würde die AfD kaum ihr großes Ziel erreichen, 2017 in den Bundestag zu gelangen. In Bremen nahm Lucke die Partei in eine Art Geiselhaft - vor dem Parteitag hatte er öffentlich klargestellt, dass er seine eventuelle Kandidatur für das Amt des Bundesvorsitzenden vom Verlauf in Bremen abhängig machte. Das erhöhte den Druck.

Sein Auftritt war schonungslos. Der derzeit beurlaubte Wirtschaftsprofessor, nun Europaabgeordneter in Brüssel, rechnete mit der bisherigen Führungsstruktur ab, die außer ihm aus zwei weiteren gleichberechtigten Vorstandssprechern (Frauke Petry und Konrad Adam) besteht. Die Arbeit des Bundesvorstandes in den vergangenen zwei Jahren sei mit einem Wort zu beschreiben: "stümperhaft".

Das war starker Tobak, auch für manche Vorstandskollegen, die zuletzt erfolgreich bei den Landtagswahlen im Osten abgeschnitten hatten. Auf den Fluren der Messehalle sah man anschließend manches verdrießliche Gesicht. Dass ihm trotz seines Erfolgs nicht die ungeteilte Sympathien der Basis zufliegen, dürfte Lucke nicht entgangen sein. Seine Vorstandskollegin Petry erhielt durchweg mehr und stärkeren Applaus.

"Wir sind kein Kaninchenzüchterverein"

Ursprünglich wollte Lucke seine Rede hinter verschlossenen Türen halten, am Ende beschloss die Basis auf Antrag des Bundesvorstandes, dass die Medien im Saal bleiben durften. Er wolle die Einer-Spitze, "nicht weil es mir um persönliche Macht geht, sondern weil ich den Erfolg dieser Partei will", verteidigte sich Lucke.

Und er verteidigte vehement den Anspruch auf einen hauptberuflichen Generalsekretär, der gegenüber einem Bundesvorsitzenden zu "100 Prozent loyal" sein müsse. Lucke verwies auch auf seine doppelte Arbeitsbelastung als Vorstandssprecher und Europaabgeordneter: "Es gibt einfach Grenzen der körperlichen und psychischen Belastbarkeit." Murren, aber auch Applaus erntete er mit einem besonders harschen Vergleich: "Wir sind kein Kegelklub oder Kaninchenzüchterverein, den man nebenberuflich führen kann."

Streit war von Anfang an in Bremen programmiert. Bereits am Freitagabend hatte es bei der Wahl des Tagungspräsidiums scharfe Auseinandersetzungen gegeben - schon eine Tradition auf AfD-Parteitagen. Das zog sich über den ganzen Samstag, zumal manche in Luckes Reform das Ende der Ursprungs-AfD sahen.

"Man könnte den Eindruck haben - wir als neue Partei altern etwas schnell", so der ehemalige hessische AfD-Landeschef Albrecht Glaser. Die "kollegiale Leitung" müsse erhalten bleiben, so seine Forderung. Ein Mitglied stellte fest, die Partei sei "tief gespalten", ein anderer sagte, Lucke riskiere mit seinem Plan "einen Bürgerkrieg". Und ein Redner rief, es gehe bei der Reform "nur um den narzisstischen Anspruch von Herrn Lucke".

Für zwei kurze Momente fanden die AfD-Mitglieder dann doch zusammen - als sie mit einer Schweigeminute des verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gedachten. Und als vor der Messehalle einige Tausend Demonstranten gegen den AfD-Parteitag aufzogen.

Da versammelten sich Parteimitglieder auf einem Vorbau - und stimmten die Nationalhymne an.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
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Leser161 31.01.2015
1. Whats so bad about it?
Bei der Angela sagen alle wie toll das ist, das es nur für sie gibt und das sie ausser der reinen Macht nichts interessiert (Ideale, Volkes Wohl, dieser altmodische Scheiss halt) Und beim Lucke ist das falsch? Komisch. Disclaimer: Ich mag die AfD nicht und habe sie nicht gewählt. Ich bin für Europa. Lesen Sie meine Posts.
Gustav Struve 31.01.2015
2.
Na das nenn ich mal gelungene auf den Punkt gebracht; das Titelbild und der Titel. Ja, man muß die Chauvinisten entlarven und und stellen, wo immer möglich. Keinesweg darf an diesen Elementen Luft lassen für ihre demokratiefeindlichen Bestrebungen.
spon-facebook-10000680878 31.01.2015
3. Severin schreibt über die AfD....
....und wie immer gibt es nur negative Schlagzeilen. So ein Zufall...
weltenbummler1 31.01.2015
4. Einzelspitze notwendig
Die Reform war notwendig, um Adam und Gauland zu stoppen.
fiftysomething 31.01.2015
5. Die Partei
macht es einfach genauso wie die anderen Parteien. Alter Wein in neuen Schläuchen..... langweilig.
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