AfD-Parteitag in Erfurt Lucke punktet mit Medienschelte

Noch nie stand AfD-Sprecher Bernd Lucke so sehr unter Druck wie auf dem Parteitag in Erfurt. Die Basis bügelte den Versuch ab, seine Macht in einer neuen Satzung zu zementieren. Trotzdem schaffte es Lucke, die Stimmung zu drehen - mit einer Attacke auf Journalisten.

Von , Erfurt

AfD-Chef Bernd Lucke: "Missbrauch der Pressefreiheit"
DPA

AfD-Chef Bernd Lucke: "Missbrauch der Pressefreiheit"


Drei Stunden dauerte es, bis es auf dem Bundesparteitag der eurokritischen AfD erstmals um Inhalte ging. "Nach gefühlt zehn Stunden steigen wir ein in den politischen Bericht des Bundesvorstands", kündigt der Verhandlungsleiter an.

Als Bundessprecher Bernd Lucke seine Rede beginnt, ist die Stimmung im Saal gereizt. Stundenlang hatten die AfD-Mitglieder erbittert über Formalien gestritten. Das Misstrauen gegen den Vorstand brach sich in Geschrei und Beleidigungen Bahn. Am Ende stand eine Schlappe für Lucke: Der Satzungsentwurf, der dem Vorstand umfassende Macht eingeräumt hätte, wurde abgeräumt.

Deshalb tritt der Parteichef eigentlich als Verlierer ans Rednerpult. Aber Lucke gibt alles in seiner Rede. Und er weiß, wie man eine zerstrittene Truppe eint: durch gemeinsame Feinde. Diese Feinde, die sind in Erfurt nicht etwa die politischen Gegner, sondern die "Mainstream-Medien".

Jubel über Medienschelte

Lucke beschwört das Bild der AfD als Underdog, als wackere "Freiheitsbewegung", die nur durch einen eklatanten "Missbrauch der Pressefreiheit" am triumphalen Einzug in den Bundestag gehindert worden sei. Fast eine Dreiviertelstunde schimpft Lucke auf die Journalisten, die seine Partei "verunglimpft" und "kujoniert" hätten. "Ich finde es beschämend, dass niemand sich je für uns in die Bresche geworfen hat", klagt er. Die Medien wollten AfD-Mitgliedern "den Mut nehmen, ihre Meinung zu sagen".

Das wirkt. Donnernder Applaus bricht los im Saal, minutenlang johlen und klatschen die Mitglieder stehend, Lucke winkt strahlend in die Menge. "Jawoll, so ist es", schreit ein Mitglied, "Pfui Teufel!" ein anderer. Jetzt scheint niemand sich daran zu erinnern, dass Lucke die Basis per Satzung entmachten wollte. Und dass er auch die rüde interne Streitkultur der AfD als "vorrevolutionär" kritisiert hat.

Denn mit Medienschelte gewinnt man in der AfD immer. In den politischen Leitlinien, die zur Abstimmung stehen, wird sogar eine stärkere Kontrolle von Journalisten gefordert: "Wir wollen sicherstellen, dass auch Auffassungen, die abseits vom Meinungskorridor der etablierten Parteien liegen, angemessen in der Berichterstattung der Medien Platz finden." Wie, das bleibt offen. Lucke beteuert, die AfD sei weder rechts noch gegen Homosexuelle, noch sei sie auf dem Weg zur religiösen Fundi-Partei, sondern gegen jede Form von Diskriminierung. Dann geht er über zur "Abteilung Attacke" auf den politischen Gegner.

Sein Streifzug durch die Energie-, Familien-, Sozial- und Europapolitik bleibt blass. Verglichen mit der Attacke auf Journalisten kommen gegnerische Politiker geradezu gut weg. Mit Blick auf Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erwähnt Lucke nur, dass der einst eine illegale Parteispende von Waffenlobbyist Schreiber entgegennahm. Martin Schulz, den Spitzenkandidaten der europäischen Sozialdemokraten, schmäht er als inkompetenten Provinzbürgermeister aus Würselen.

Die AfD hätte da einen viel besseren Kandidaten für den Posten des Kommissionspräsidenten, verkündet Lucke, nämlich Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. Der Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl zeigt sich hocherfreut und schmeichelt in seiner Rede fleißig zurück: "Mit Ihnen, lieber Herr Lucke, hätte Deutschland einen exzellenten Finanzminister." Die AfD stehe weder links noch rechts, sei weder konservativ noch liberal, erklärt Henkel. Entscheidend sei: "Wir stehen richtig." Doch wo die Partei in Europafragen steht, bleibt diffus. Zwar läuft die Debatte über das Europawahlprogramm erstaunlich konstruktiv und friedlich. Doch das Ergebnis ist in guten Teilen ein widersprüchliches Sammelsurium.

So feiert die AfD den freien Warenverkehr in der EU, ein Freihandelsabkommen mit den USA lehnt man aber ab. Dafür wird ein Vetorecht nationaler Parlamente gegen EU-Gesetze gefordert - dabei fordert die AfD doch stets, dass sich die Euro-Krisenstaaten an alle europäischen Regeln halten sollen. Wie soll das gehen, wenn das griechische Parlament ein Veto gegen Sparvorgaben einlegen könnte? Auch zum Thema Ukraine ist die AfD-Haltung unübersichtlich - ist die Linie der EU gut? Ist Putin böse? Man weiß es nicht.

Klar ist nur: Die AfD ist gegen Frauenquote, Gender Mainstreaming und die Türkei in der EU. Am Samstagabend nahmen die Delegierten das Programm mit großer Mehrheit an.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 214 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
curiosus_ 22.03.2014
1. ???
Zitat von sysopDPANoch nie stand AfD-Sprecher Bernd Lucke so sehr unter Druck wie auf dem Parteitag in Erfurt. Die Basis bügelte den Versuch ab, seine Macht in einer neuen Satzung zu zementieren. Trotzdem schaffte es Lucke, die Stimmung zu drehen - mit einer Attacke auf die Journaille. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-parteitag-in-erfurt-bernd-lucke-attackiert-medien-a-960230.html
Na, wie denn wohl? *Genau so, wie es Ihre Bank mit ihnen macht wenn Sie Ihre Schulden nicht zurückzahlen.* Wo soll denn da der von Ihnen herbeikonstruierte Widerspruch sein? *Da bräuchte es kein Veto wenn der Geldhahn zugedreht würde*. Das wäre brutalstes Zwangssparen. Mit Logik hat's nicht jeder....
chinataxi 22.03.2014
2. ich mag ja die afd nicht leiden
aber unrecht hat er nicht. wenn ich mir anschaue wie die Mainstream medien Stimmung gegen Russland machen ...
Tante_Frieda 22.03.2014
3. Rezept
Zitat von sysopDPANoch nie stand AfD-Sprecher Bernd Lucke so sehr unter Druck wie auf dem Parteitag in Erfurt. Die Basis bügelte den Versuch ab, seine Macht in einer neuen Satzung zu zementieren. Trotzdem schaffte es Lucke, die Stimmung zu drehen - mit einer Attacke auf die Journaille. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-parteitag-in-erfurt-bernd-lucke-attackiert-medien-a-960230.html
Lucke benimmt sich da schon wie ein Politiker der verhassten "Altparteien":Bei Problemen innerhalb des eigenen Lagers lenkt man einfach ab,indem man auf Außenstehende (hier:die Medien) schimpft.Psychologie,erstes Semester.
neu_ab 22.03.2014
4.
Ein passender Artikel, der Luckes Kritik geradezu mit Bravour rechtfertigt.
Epikurus 22.03.2014
5. Leider hat Lucke recht, wenn er sich über den
Journalismus in Deutschland beschwert. Es gibt immer mehr Deutsche, die sich lieber in Online-Ausgaben der österreichischen Zeitung "die Presse" oder die "Neue Züricher Zeitung" informieren. Über die NZZ war zum Beispiel zu lesen, dass die USA neue Atomraketen in dem angeblich "Autonomen Deutschland" stationieren. Hierüber berichteten keine Zeitungen aus Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.