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03. Januar 2015, 06:48 Uhr

Machtkampf der Eurokritiker

AfD-Führung bestellt Lucke zu Partei-Tribunal ein

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Intrigen, Drohungen, Alleingänge: Die AfD ist tief gespalten. Erstmals greifen führende Parteifunktionäre ihren Vorsitzenden Lucke direkt an. Die Aufrührer laden ihn zu einem "Gesprächstermin" vor - und inszenieren sich als Retter.

Berlin/Hamburg - Manche Bitten klingen ganz harmlos, sind aber als Befehle zu verstehen. Eine solche als Bitte getarnte Vorladung verschärft jetzt den Machtkampf in der AfD - und könnte ihn eskalieren lassen.

"Wir wenden uns mit der Bitte um ein offenes und ehrliches Gespräch an Sie", so beginnt der Brief einiger prominenter AfD-Funktionäre an Bernd Lucke, den prominentesten von drei Parteivorsitzenden, in der AfD offiziell Sprecher genannt.

Das Drei-Seiten-Papier hat es in sich: "Führung nach Gutsherrenart" werfen die Verfasser Lucke vor, von "Drohungen" ist die Rede, von Aktionen "ohne Rücksprache" mit dem Parteivorstand. Am Ende des Schreibens steht ein Gesprächstermin, der 18. Januar, 9 Uhr; da soll sich Lucke in Frankfurt am Main einfinden.

Es ist der bislang schärfste Angriff wichtiger AfD-Funktionäre auf Lucke, das Gesicht der Partei. Zu den Unterzeichnern gehören seine beiden Co-Vorsitzenden Frauke Petry und Konrad Adam, aber auch der brandenburgische Landeschef Alexander Gauland und die Europaabgeordneten Beatrix von Storch und Marcus Pretzell. Die Unterschriften der beiden letztgenannten dürften Lucke besonders wurmen: Weder Storch noch Pretzell sitzen im Bundesvorstand; in der Partei-Hierarchie stehen sie deutlich unter ihm.

Damit die Aktion nicht unbemerkt bleibt, hat Petry den Brief über ihren Mailaccount in CC auch an alle Landesvorsitzenden der AfD geschickt.

Die Briefschreiber wollen so verhindern, dass Lucke beim Parteitag Ende Januar eine Satzungsänderung durchsetzt und fortan die AfD als alleiniger Vorsitzender lenkt. Sie werfen Lucke besonders einen Alleingang im Vorfeld des Parteitages vor: Er hatte seinerseits ohne Absprache alle Kreisvorsitzenden für den 18. Januar zu einem gesonderten Vortreffen nach Frankfurt eingeladen. Petry und Co., die eine Doppel- oder Dreierspitze für die AfD wollen, hatten vergeblich versucht, ihn davon abzubringen. Sie fürchten nicht zu Unrecht, Lucke werde dort versuchen, die Funktionäre "auf Linie" zu bringen.

Nun wollen sie Lucke ausmanövrieren: Für ihre Einladung zum Tribunal haben die Briefeschreiber exakt den Tag gewählt, an dem Lucke sein Treffen in Frankfurt abhalten wollte. Lucke hatte für 12 Uhr eingeladen - nun soll er sich am selben Tag um 9 Uhr seinen Kritikern stellen. Aus dieser Runde dürfte er wohl kaum gestärkt in die nächste gehen.

Mit seiner als privat deklarierten Einladung hat Lucke seinen Kritikern das beste Argument geliefert: Jetzt können sie ihn als machtgeilen Alleinherrscher darstellen. "Drohungen sind keine vertrauensbildende Maßnahme", schreiben sie und geben sich unschuldig. "Wie erst mag eine solche Drohung wirken, wenn sie ein alleiniger Vorsitzender ausspricht?"

Bei dem Machtkampf geht es auch um die strategische Ausrichtung der AfD. Die Briefeschreiber wollen die Partei weiter öffnen für "Menschen, die eine islamische Überfremdung fürchten", wie sie schreiben, und für solche, die über "den Einfluss amerikanischer Banken auf die Politik oder die Souveränität Deutschlands nachdächten". Die Botschaft lautet: Pegida-Anhänger, Verschwörungstheoretiker, ihr seid willkommen.

Petry und Gauland haben längst öffentlichkeitswirksam solche Signale gesendet: Petry lud jüngst die Pegida-Organisatoren zu einem Treffen mit ihrer sächsischen Landtagsfraktion ein. Gauland kam, wie er sagt, vor wenigen Wochen "als Beobachter" zu einem Pegida-Marsch - und verteidigte die Anti-Islam-Bewegung mehrfach. Lucke wollen die Briefschreiber nur das Euro-Thema überlassen, das längst nicht mehr das populärste ist.

Schon oft hat es in strategischen Fragen geknirscht zwischen Lucke und seinen Vorstandskollegen. Doch bislang versuchte die Parteispitze immer nach Kräften, den Anschein der Geschlossenheit zu vermitteln.

Petry achtete bei ihren strategischen Alleingängen, etwa im Umgang mit Überläufern der rechtspopulistischen "Freiheit"-Partei, stets geschickt darauf, alles nach den Regeln der Form zu machen. Eigene Aktionen leistete sie sich nur in ihrem Territorium Sachsen, auf Bundesebene lief immer alles nach Absprache.

Der Brief jetzt lässt aber keinen Zweifel, dass der Bruch endgültig ist - und dass Petry und ihre Mitstreiter bereit sind, den Parteichef frontal anzugreifen.

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