AfD-Auftritt in Straßburg Im Keller mit Professor Lucke

AfD-Vorstandssprecher Bernd Lucke erläutert in einer Kneipe in Straßburg, wie es mit den Eurokritikern weitergehen soll. Sein politischer Überlebenskampf nimmt mittlerweile tragische Züge an.

Von , Straßburg

AfD-Politiker Lucke in Straßburg, Mitstreiter: Feindliche E-Mails und Kommentare
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AfD-Politiker Lucke in Straßburg, Mitstreiter: Feindliche E-Mails und Kommentare


Der Ort ist ungewöhnlich für einen Termin einer deutschen Partei, die Uhrzeit auch: Die Europaabgeordneten der AfD laden in die Kellerkneipe der Parlamentarischen Gesellschaft in Straßburg zum Pressegespräch, gewissermaßen im Exil. Auf roten Tischdecken stehen Kaffeekannen und Croissants. Ein Dutzend Journalisten ist gekommen, in einer Ecke haben sich die Fernsehteams aufgebaut.

Aufgereiht auf einer Bank vor einer holzgetäfelten Wand sitzen Hans-Olaf Henkel, Joachim Starbatty, Bernd Kölmel und Bernd Lucke. Die Abgeordnete Ulrike Trebesius musste absagen, sie hat eine Lebensmittelvergiftung. Um kurz vor neun müssen die Kameras aus dem Raum, "deutsche Pünktlichkeit", heißt es aus der Runde, dann geht es los.

Lucke und seine Mitstreiter sprechen Klartext, sie bitten, aus diesem Teil der Veranstaltung nicht wörtlich zu zitieren. Tenor der Ausführungen: Die Lage der Partei sei durch den internen Richtungsstreit problematisch, man habe sich in den vergangenen Wahlkämpfen selbst das Leben schwer gemacht. Die AfD sei ursprünglich eine bürgerliche, breit aufgestellte Partei gewesen. Doch nun gewännen die Fundamentalkritiker die Oberhand, die die AfD als Protestpartei etablieren wollten.

Lucke, einst Wirtschaftsprofessor in Hamburg, erklärt seine Initiative mit dem Namen "Weckruf 2015", die am Montag bekannt wurde: Es handele sich um ein Sammelbecken für die Moderaten und solche, die verschreckt von den Radikalen über einen Austritt nachdächten. Formal als Verein gegründet, mit einer eigenen Web-Präsenz, wolle man über die Plattform möglichst viele AfD-Mitglieder ansprechen. Und nein, er habe derzeit nicht vor, eine neue Partei zu gründen, sagt Lucke.

Die Runde berichtet von feindlichen E-Mails und Kommentaren, denen man ausgesetzt sei, von Strömungen in der Partei, die elementare politische Gegebenheiten wie die Westbindung der Bundesrepublik und die Mitgliedschaft in EU und Nato ablehnten. Sie erzählt vom Streit innerhalb des AfD-Parteivorstandes, wer in welchem Namen Rundmails an die Mitglieder verschicken dürfe.

Den Zeitpunkt haben die Autoren nach dem Wahlkalender ausgerichtet: Die nächsten Landtagswahlen kämen erst in zehn Monaten, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Bis dahin müsse sich die Partei festigen, sagen sie.

"Die Partei darf an den Rändern nicht ausfransen"

Der Termin illustriert, was sich beschleunigt seit Montag abzeichnet: In der AfD geht es drunter und drüber, in vielen Landesverbänden toben Machtkämpfe. Auch die Europagruppe ist tief gespalten. Beatrix von Storch, Vertreterin des konservativen Flügels, meldet sich vor Luckes Presseempfang mit einer E-Mail, in der sie ihn auffordert, "unmissverständlich" auszuschließen, dass er eine neue Partei gründen wolle. "Möge er seine neue Henkel-Lucke-Partei - wer bezahlt, steht vorne - außerhalb der AfD gründen- aber nicht innerhalb der bestehenden Strukturen, unter Missbrauch seines Amtes", sagt die Europaabgeordnete in einer E-Mail.

Das Verhältnis zwischen dem Professorenflügel um Lucke und den Parteitruppen um seine Kontrahentin, die sächsische AfD-Landes- und Fraktionschefin Frauke Petry, ist massiv gestört. Petry will die AfD zum rechten Rand offenhalten. Lucke hält das für gefährlich, er will nicht, dass sich die Partei, etwa über eine radikale Islamkritik oder eine verschärfte Debatte um Zuwanderung, positioniert.

Die Gründung der Plattform, das machen Lucke und seine Nebensitzer klar, ist der letzte Versuch, die Partei in ihrer derzeitigen Form noch zu retten. Wie die Rettung genau aussehen könnte, führt er nicht aus. Nur so viel: Der Dissens habe viel mit politischem Stil zu tun, es werde mittlerweile in der Partei zu viel gepöbelt und polarisiert. Die AfD sei keine Heimat für Randgruppen. Es gebe in Deutschland keine Chance für einen Front National nach französischem Vorbild.

Nach einer guten Stunde wechselt die Gruppe nach oben ins Erdgeschoss der Parlamentarischen Gesellschaft, wo die Fernsehteams warten. Lucke, blauer Anzug, kerzengerade Haltung, spricht nun in die Kameras: "Die AfD war immer eine Partei aus der Mitte der Gesellschaft." Es gebe eine Reihe von Themen, die "nicht mit bloßen Parolen" gelöst werden könnten. Und: "Die Partei darf an den Rändern nicht ausfransen."

Nach Lucke spricht der ehemalige Manager Hans-Olaf Henkel noch ein paar Worte. Er benennt den Konflikt noch drastischer als Lucke: "Was ich an innerparteilicher Kritik von Rechtsaußen erfahren musste, sprengt alles, was ich sonst erleiden musste", sagt Henkel - die Proteste von AfD-Gegnern bei diversen Wahlveranstaltungen eingeschlossen. Und: "Ich bin aus dem Vorstand ausgetreten, weil ich es mit einzelnen Personen nicht mehr ausgehalten habe."

Mitarbeit: Severin Weiland



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insgesamt 76 Beiträge
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unixv 19.05.2015
1. Lukes Problem ....
wird werden, das er sich von dem rechten Rand trennen will. Gerade dort, wo bisher nur die NPD fischte, gibt es ein sehr großes Potenzial, das eben nicht zur NPD gehört! Ohne diesen rechten Rand, wird das nichts mit der AFD! " Auch wenn die FDP wieder erstarken sollte, die kommen nie wieder an 5%, zum Glück!". Also entweder eine zum Teil " wie die CSU!" rechte AFD, oder keine AFD!
josho 19.05.2015
2. Dass die Euro-Kritik allein...
...eine Partei nicht ausfüllen kann, war von Anfang an klar. Und dass die Nationalkonservativen nach Merkels "Sozialdemokratisierung" eine neue Heimat suchen war, auch klar. Nun prallen sie aufeinander, die zwei Welten. Prognose: Die Konservativen siegen und die Professoren gehen. Frau Petry wird neue Vorsitzende.
Dosenpirat 19.05.2015
3. Tragische Züge? Eher tragisch für die Demokratie.
Die schweigende Mehrheit in Deutschlans sieht deutlich, dass es neben den 3 Parteien Union,SPD und Grüne keine weitere Kraft geben darf. Dafür wird auch alles getan. Da wird die Presse losgeschikct, ansonsten bekommen die keine Info mehr von der poli. Elite. Die Polizei bzw. das BKA wird genutz um Demonstrationen nicht stattfinden zu lassen. jedenfalls kaum jemnad der Oberen kümmert das Grundgesetz. Hier sollte unbedingt ergänzt werden, dass Grundrecht auf neue Parteien!.
Marder1 19.05.2015
4. Die Medien hatten ja bereits in 2013 die dezidiert
bürgerlich- vernünftig auftretende AfD spontan - ohne Umschweife - zum Randgruppenladen erklärt, sodaß sich viele Randgruppen (-Ost insbesondere!) sich bald die AfD zur zukünftigen Eigenheimat umdefinierten, um Petry und Gauland machten niedlich bis opportunistisch mit. Die AfD war aber nicht als Spontipartei wie anno die Grünen 1980/85 von Lucke u.CO gedacht, wo sich die Szeneopposition versammelt.
darkmattenergy 19.05.2015
5. Wie schön, daß weigstens die EZB eine kristallklare Linie bezüglich des Euro verfolgt
Nieder mit dem Wechselkurs der Europäischen Tranfer- und Gammelwährung! Nicht etwa nur gegenüber Hartwährungen, sondern selbst gegenüber dem kranken US-Dollar.
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