S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal In der Begonien-Welt der AfD

Geradezu panisch grenzt sich die CDU von der Alternative für Deutschland ab - bloß nicht provinziell, rückständig, gestrig wirken. Dabei vergessen die Christdemokraten: Mit ihrem hippen Getue machen sich viele Funktionäre nur lächerlich.

Eine Kolumne von


"Rückwärtsgewandt" hat der stellvertretende CDU-Vorsitzende Armin Laschet am sächsischen Wahlabend die AfD genannt. Als rückwärtsgewandt gilt in der CDU heute also schon, wer sich daran erinnert, was dort eben noch für richtig gehalten wurde. Bevor Funktionäre wie Laschet das Ruder übernahmen, war man auch in der Union der Meinung, dass Kinder am besten bei der Mutter aufgehoben sind, die Ehe ein Bund von Menschen unterschiedlichen Geschlechts ist und Vertragstreue zu den Werten zählt, die auch unter Staaten gelten sollten. Jetzt sind die Leute, die an Überzeugungen festhalten, wie man sie über Jahrzehnte in jedem CDU-Ortsverband fand, Modernisierungsverweigerer, die den Zug der Zeit verpasst haben.

Die Steigerung von Modernisierungsverweigerer ist Rechtspopulist. Es ist erstaunlich, wie freizügig man auch in der CDU inzwischen mit dem Begriff "rechts" agiert. Stigmatisierung ist in der Politik ein bewährtes Mittel, um sich Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Wer fürchten muss, dass er mit seinem Bekenntnis aneckt, hält sich zurück. Für Stigmatisierung ist es bei der AfD allerdings zu spät, wie man sieht. Die Anhänger werden im Gegenteil immer zahlreicher, je mehr man versucht, sie als gestrig hinzustellen. Auch das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, kann ein mächtiges Motiv sein, sich politisch zu betätigen.

Politische Vereinigungen sind dazu da, Leute zu integrieren

Natürlich kann man Leute wie Bernd Lucke in ihrem heiligen Ernst furchtbar antiquiert finden. Man kann sich über die Pullover lustig machen, die der AfD-Parteichef von seinem Vater aufträgt, und die Klinkerhaussiedlung in Winsen an der Luhe, in die kein Großstadtjournalist jemals freiwillig einen Fuß setzen würde. Aber wer diese geschrubbte Vorortwelt mit ihren Begonienbeeten verächtlich macht, muss sich fragen lassen, was an den Häkeldeckchen des sozialdemokratischen Arbeitervereins oder dem Spanplattenregal des protestantischen Pfarrhauses, dem die Grünen so viel zu verdanken haben, besser ist. Eine Partei ist kein Klub, in dem man anhand der Schuhmarke oder des Haarschnitts entscheidet, ob jemand dazu gehört oder nicht. Politische Vereinigungen sind auch dazu da, Leute zu integrieren, die auf den ersten Blick etwas verschroben oder anstrengend wirken.

Die Dünkelhaftigkeit gegenüber Leuten, die man für provinziell und rückständig hält, war eigentlich immer eine Unart der Linken. Vor allem links der Mitte ersetzte der ästhetische Vorbehalt das politische Argument, wenn man sich anders nicht mehr zu helfen wusste. Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Seit die Union unbedingt als Großstadtpartei reüssieren will, ist ihr alles peinlich, was nicht weltläufig genug erscheint. CDU-Funktionäre wie Laschet verhalten sich dabei wie der "Welt"-Redakteur, der jahrelang wegen der Zugehörigkeit zum Springer-Verlag gehänselt wurde und nun irrsinnig dankbar ist, dass die Kollegen von den anderen Blättern über seine journalistische Herkunft hinwegsehen.

"Eine Welt, die sich dramatisch und schnell ändert"

Schon konservativ ist ein Begriff, den die meisten in der Unionsspitze nur noch mit Zögern benutzen. Lieber wäre ihnen, man würde sie bürgerlich nennen, das klingt gesellschaftlich verträglicher. Vor einiger Zeit hat die Bundeskanzlerin und CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Interview gegeben, in dem sie ausführlich über das Konservative sprach, neben der "christlichen-sozialen" und der "liberalen Wurzel" die dritte Gründungskraft der Union. Seitdem wissen wir auch, wie sie darüber denkt, dass sich viele Konservative in ihrer Partei nicht mehr richtig vertreten sehen.

"Wir leben in einer Welt, die sich dramatisch und schnell ändert", sagte Merkel zur Erklärung. "Das bereitet vielen Menschen Sorgen, sie fragen sich: Was ist eigentlich noch sicher in unserem Leben? Was kann alles noch passieren?" Konservative sind also Leute, so muss man die Kanzlerin verstehen, die sich an das Vertraute klammern, weil sie mit den Herausforderungen der Gegenwart nicht zurechtkommen - ängstliche, gedrückte Menschen, die es nicht besser wissen und deshalb an so etwas Überholtem wie der Ehe oder anderem Hokuspokus festhalten.

Solange die CDU in der Mitte gewinnt, was sie nach rechts verliert, muss sie sich bei Wahlen keine großen Sorgen machen. In Sachsen ist die Rechnung aufgegangen, auch weil die Kanzlerin über ihre Person ersetzt, was der CDU an Inhalt fehlt. Die Frage ist, was von der Union übrig bleibt, wenn Angela Merkel eines Tages ihren Abschied nehmen sollte. Wer in der Großstadt gewinnt, regiert noch lange nicht das Land, wie das Schicksal der armen SPD zeigt. Möglicherweise sehen wir auf den vergangenen Sonntag als den Tag zurück, an dem die CDU für immer ihren Status als letzte verbliebene Volkspartei einbüßte.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruthteibold-wagner 02.09.2014
1.
Wenn Wähler einer Partei diese wählen, weil sie von den Grundüberzeugungen und Werten dieser Partei überzeugt sind. Z.B. was den besonders schützenswerten Wert der traditionellen Familie von Vater, Mutter, Kindern angeht. Oder was bürgerliche Tugenden wie Vertragstreue angeht. Und vieles andere mehr. Wenn dann diese Partei(en) eine Grundüberzeugung nach der anderen schleifen. Wenn diese Parteien Grundwerte, die immer GEPREDIGT wurden, für nicht mehr wichtig halten, sondern statt dessen z.B. feministische Gender-Ideologie oder "Euro-Rettung" für wichtiger halten als die jahrzehntelang vertretenen Werte. Wenn also Wähler vor dem Problem stehen, dass die Partei(en) nicht mehr die Positionen vertreten, für die man sie immer wieder gewählt hat. Was sollen die Wähler dann tun? - Sollen die Wähler dann ihre Werthaltungen der neuen ach so "modernen" "Parteilinie" anpassen? - Sollen sie die Parteien aus Gewohnheit zähneknirschend weiter wählen? - Sollen sie nicht mehr wählen gehen? Die richtige Lösung des Problems lautet: Diese orientierungslosen Wähler können nach einer Alternative Ausschau halten, die die bewährten Werte weiter vertritt.
derigel3000 02.09.2014
2.
Ich attestiere Fleischhauer jetzt mal, der absolut einzige SPON-Schreiber zu sein, der sich noch nicht das Brett der Denkverbote vor die Visage hat nageln lassen. Was für ein klasse Artikel der vor allem eines nicht macht, was die so hochgelobte und freiheitliche Linke immer tut: Die andere Meinung mit Füßen treten.
idealist100 02.09.2014
3. So schnell
wie die cdu ihre einstmaligen Dogmen über Bord wirft, so schnell wird sie keine neuen Wählerschichten aquirieren können und die AfD wird die ganzen Lügengebäude zum €uro, Europa und Gängelungen durch die etablierten Parteien offen legen. Und wenn 52% der Wähler einfach keine Lust mehr haben diese Parteien zu wählen, ist der Wurm drin, aber nicht beim Wähler.
anton_otto 02.09.2014
4.
Fleischauer irrt hier einfach, wenn er die Mitglieder und Wähler der AfD als kleinbürgerlich einordnet oder Konservative als diejenigen, die Angst vor der Zukunft haben. (Er versucht zwar, es netter zu formulieren, aber die Wirkung ist die gleiche.) Gesellschaften ändern sich zwar. Aber nur, weil man nicht jede Änderung für richtig hält, ist man deswegen nicht rückwärtsgewandt. Aufgabe einer politischen Partei ist es durchaus, die Richtung gesellschaftlicher oder politischer Entwicklungen zu ändern, wenn man sie für falsch hält. Eine Entwicklung, die man für falsch hält, ist nicht "alternativlos" und muß sie auch nicht im vorauseilenden Gehorsam noch überbieten wollen. Leute wie Armin Laschet sind diejenigen, denen die Hinwendung zu einem Wischi-waschi-irgendwieöko-superliberal-Getue nicht schnell genug gehen kann. Wenn die CDU von solchen Leuten geführt wird, dann kann sie sich auf ähnliche Wahlergebnisse einstellen wie sie jetzt die SPD hat.
kwik-e-mart 02.09.2014
5. Auch diese Kolumne
hält den sogenannten "etablierten Parteien" den Spiegel pointiert vor. Ein kräftigerer Herr aus Goslar sollte sie in ein paar Jahren noch mal lesen, wenn seine SPD froh wäre, soviele stimmen wie die AfD bekommen zu haben. Aber eine Partei, die ihre eigene Klientel verkauft und verrät (seit Noske eine Binse), bekommt, was sie verdient.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.