Interne E-Mails der AfD Luckes gefährlicher Kurs

AfD-Sprecher Lucke hat vor Funktionären die geplante Neuordnung der Parteispitze verteidigt. Doch der Flügelkampf ist wohl nur verschoben. Hinter einem SPIEGEL-Bericht über interne AfD-Mails wittert er Mitglieder, die ihm schaden wollen.

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AfD-Vorstandssprecher Lucke in Frankfurt am Main: Ärger über geleakte E-Mails
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AfD-Vorstandssprecher Lucke in Frankfurt am Main: Ärger über geleakte E-Mails


Berlin - Bernd Lucke erschien wieder mit dem Rollkoffer zum Funktionärstreffen in Frankfurt am Main. Es ist sein derzeit wichtigstes Reiseutensil. Der AfD-Vorstandssprecher ist fast permanent in der Republik unterwegs, von einer Parteiveranstaltung zur nächsten, um für Einigkeit in der zerstrittenen Partei zu werben.

In der Mainmetropole ging es am Sonntag auf der Kreisvorsitzenden-Konferenz auch darum, den Funktionären der "Alternative für Deutschland" (AfD) die jüngste Einigung im Führungsstreit zu erläutern. Lucke hatte kürzlich zu diesem Treffen eingeladen - und damit den Druck innerhalb der Partei erhöht, die Führungsfrage zu entscheiden.

Am Freitag hatten Lucke und seine Vorstandskollegen Frauke Petry, Konrad Adam, Hans-Olaf Henkel und Alexander Gauland sich zu einem Kompromiss durchgerungen. Statt bislang drei Vorstandssprecher soll bald nur noch ein Führungsduo die Partei leiten - zumindest bis Ende des Jahres. Die Satzungsänderung soll am 31. Januar auf dem Bundesparteitag in Bremen beschlossen werden. Voraussichtlich im April könnten dann auf einem weiteren Parteitag Lucke und Frauke Petry gewählt werden. Sobald sich die AfD im November ein Programm gegeben hat, sollen dann wenig später nur noch ein Vorsitzender und ein Generalsekretär die Partei leiten. Parteichef dürfte dann wohl das bisher prominenteste AfD-Gesicht werden: Bernd Lucke.

Er selbst steht im Augenblick vor allem wegen eines Berichts im neuen SPIEGEL im Fokus, der auf der Auswertung von über 3000 internen AfD-Mails fußt. Lucke reagierte verärgert auf das Leck: Dafür seien Mitglieder verantwortlich, die ihm oder der Partei schaden wollten. "Das ist einfach beschämend, und solche Leute können wir in der Partei nicht gebrauchen", so Lucke am Samstag auf dem Landesparteitag in Karlsruhe.

Der SPIEGEL-Artikel zeichnet ein zwiespältiges Bild des AfD-Mitgründers: Eines bürgerlichen Wirtschaftsprofessors, der zwar keine früheren Funktionäre rechtsextremer Parteien in der AfD haben will, wie er jüngst im Interview mit SPIEGEL ONLINE betonte, wohl aber durchaus bereit ist, mit dem rechten Rand zu flirten. Vor Provokationen, die entsprechende Wähler anziehen sollen, hat er offensichtlich keine Scheu, wie E-Mails nahelegen. Sehen Sie hier im Video, wie SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann Luckes Ansagen einschätzt.

SPIEGEL TV
Unter anderem regte Lucke an, den Bestseller-Autor ("Deutschland schafft sich ab") und früheren Berliner SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin einzuspannen. "Wir müssen noch einmal einen Tabubruch begehen, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Das machen wir, indem wir Herrn Sarrazin vereinnahmen. Das kann uns viel Aufmerksamkeit, Kritik der linken Presse und viel Zuspruch in der Bevölkerung einbringen", schrieb er am 31. Juli 2013 an seine Vorstandskollegen Gauland und Adam. Und weiter heißt es: "Selbst wenn 'Bild' dann negativ über uns schreibt, wird sich das auf unser Wahlergebnis positiv auswirken, weil genug 'Bild'-Leser mit Sarrazin Positives assoziieren." Der Plan verlief allerdings im Sande.

Manches wirkt vor dem (vorerst) beendeten AfD-Machtkampf heute sogar unfreiwillig komisch: Nach einem Protokoll über eine AfD-Vorstandssitzung im Juni 2013 forderte Lucke dazu auf, den (unter rechten Parteien beliebten) Slogan "Politiker sind machtgeil" zu nutzen ("Wir müssen provozieren"). Gerade sein interner Reformplan wird Lucke aber von AfD-Anhängern und Mitgliedern in sozialen Netzwerken als genau das ausgelegt, was er einst der Konkurrenz vorwerfen wollte - selbst machtgierig zu sein. In Foren wird darüber heftig diskutiert ("Nun hat er ja erreicht was er wollte, der machtgeile Herr Lucke", heißt es dort etwa).

Dass die AfD mit ihrem Führungskompromiss noch lange nicht die internen Konflikte überwunden hat, durfte Lucke am Wochenende auf einer Zusammenkunft der baden-württembergischen AfD erleben. Da beschimpften sich auf dem Landesparteitag Delegierte des national-konservativen und des eher gemäßigten Lagers wechselseitig als Lügner. Er sei, so Lucke in Karlsruhe, "ein bisschen bestürzt über das Klima, das ich hier im Raum verspürt habe".

Auf dem Neujahrsempfang der brandenburgischen AfD verglich Landes- und Fraktionschef Gauland kürzlich die Lage seiner Partei sogar mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es gebe manchmal Momente, so der Hobby-Historiker, da habe man die Geschichte nicht mehr in der Hand, wie im Sommer 1914 die Diplomaten der europäischen Mächte. "Wir haben uns fest geschworen, das soll uns mit unserer Partei nicht passieren", verteidigte der frühere hessische CDU-Staatssekretär den Führungskompromiss. Mit Blick auf jene, die in den Medien schon auf ein Ende der AfD spekulierten, sagte der 73-Jährige: "Diese Partei ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sie wird sich nicht zerlegen."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
patrick6 18.01.2015
1. Mal ganz davon abgesehen...
...wie man zu Lucke steht oder nicht.: Wie ist der Spiegel an diese Emails gekommen? Das erscheint mir doch eher rechtsbrüchig und vergleichbar mit NSA-Methoden.
lmike 18.01.2015
2. Was ist bloß an AfD und Pegida so gefährlich?
Es sind doch nur eine Kleinstpartei und ein paar tausend Demonstranten. Die neue Einheitsfront aus CDU, SPD, Medien und Antifa hat sich dermaßen auf AfD und Pegida eingeschossen das man sich nur noch wundern kann. Ist die derzeitige Regierung zum Sprachrohr der Flüchtlingsindustrie verkommen? Rational ist das nicht zu verstehen was derzeitig über die Bühne geht. Das nächste Flüchtlingswohnheim würde ich im Gästehaus Schloß Meseberg einrichten. Vermutlich wird dann Frau Merkel ruhiger.
hausierer 18.01.2015
3. Nach Pegida ist als nächstes
wohl die AfD dran, die im Snne des Establishments verschwinden muß und da wird sich allem bedient, was so zur Verfügung steht, da werden ehemals linken Pressehäuser interne Mails zugespielt, da wird bespitzelt und spioniert und kleinste Versprecher dankbar registriert und ausgeschlachtet um diese Partei zu diskreditieren.... man kann doch dran fühlen, daß die Terrordrohung eine Inszenierung ist um Pegida los zu werden... der AfD wirds ähnlich ergehen... zum ersten Mal gibts in Deutschland ernsthafte Oppositionen und werden daher gnadenlos schlechtgeredet und insbesondere von den Medien ins die rechte Ecke gedrängt.... in welchem Auftrag das Ganze geschieht kann sich ja wohl jeder denken dereinigermassen was in der Birne hat......
Hello2 18.01.2015
4. habt ihr wieder geschummelt?
Zitat von patrick6...wie man zu Lucke steht oder nicht.: Wie ist der Spiegel an diese Emails gekommen? Das erscheint mir doch eher rechtsbrüchig und vergleichbar mit NSA-Methoden.
beim SPON?
curiosus_ 18.01.2015
5. Wenn ich mir ...
... die im Video von Frau Melanie Amann gezeigten Auszüge aus den mails so anschaue, dann handelt es sich hier m.E. um einen Sturm im Wasserglas. Wenn z.B. eine "Aktion des zivilen Ungehorsams", "eine Sitzblockade des Finanzministeriums in Berlin", "wir blockieren die Einfahrt der Tiefgarage... um damit einen schönen Verkehrsstau zu provozieren", es Wert findet erwähnt zu werden - da bin ich aber froh, dass Frau Amann Lucke die Maske vom Gesicht reißt („Luckes gefährlicher Kurs“). Harmlos - war das alles?
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