Angebliches Beratungsangebot Die AfD, der Journalist und ein heikler Vorwurf

Der nordrhein-westfälische AfD-Chef Pretzell, Lebensgefährte von Bundeschefin Petry, erhebt schwere Vorwürfe gegen einen "Welt"-Reporter. Der Journalist wehrt sich, in der Partei wächst die Unruhe.

AfD-NRW-Landeschef Pretzell: Auf Facebook die Lebensgefährtin Petry verteidigt
DPA

AfD-NRW-Landeschef Pretzell: Auf Facebook die Lebensgefährtin Petry verteidigt

Von und


Die Vorwürfe gegenüber Günther Lachmann sind gravierend: Der "Welt"-Redakteur, zuständig für Berichte über die AfD, soll sich ausgerechnet dieser Partei als politischer Berater angedient haben - gegen Honorar. Das zumindest behauptet der nordrhein-westfälische AfD-Landeschef Marcus Pretzell.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 6/2016
Frauke Petry und die AfD: Bericht aus dem Innern einer gefährlichen Partei

Der Journalist geht inzwischen juristisch gegen Pretzells Anschuldigungen vor, die bisher nicht belegt sind. Der Vorgang sorgt auch innerhalb der AfD für große Unruhe.

Pretzell hatte am 25. Januar auf seiner Facebook-Seite einen immer noch einsehbaren Beitrag über Lachmann gepostet - Überschrift: "4000 Euro Lachmann - oder wie ein Journalist der Welt seine Unabhängigkeit verlor". Darin behauptet der Politiker, Lachmann habe sich im Sommer 2015 bei der neuen AfD-Bundesspitze gemeldet. "Herr Lachmann wollte zwar die AfD mit Frauke Petry und Jörg Meuthen beraten, aber er wollte seinen Job als Journalist bei 'Die Welt' nicht aufgeben und dort weiter verantwortlich sein für die Berichterstattung über die AfD."

Das sollte, so Pretzell weiter, nach dem Willen Lachmanns nicht öffentlich gemacht werden. Sein Honorar - angeblich monatlich 4000 Euro - sollte über die Ehefrau Lachmanns (die die Internetseite Geolitico betreut) oder über Dritte an ihn fließen. AfD-Vorstandssprecherin Frauke Petry habe das Angebot abgelehnt, schreibt Pretzell, seitdem habe Lachmann "konsequent die Parteivorsitzende mit Dreck" beschmissen.

Solche Vorwürfe sind für einen Journalisten rufschädigend. Pretzell hat gegenüber der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" versichert, es gebe "mehrere Personen, die das Angebot Lachmanns an die AfD bezeugen können". Bis heute ist Pretzell einen Nachweis schuldig geblieben. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE ließ er unbeantwortet.

Vermischen Pretzell und Petry Politisches und Privates?

Pikant ist, dass Pretzell der Lebensgefährte von Frauke Petry ist. War sie über die geplante Attacke auf Lachmann informiert? Oder hatte Petry Pretzell gar die Vorwürfe gegen Lachmann eingeflüstert?

Tatsächlich hatte der Journalist zusammen mit einem Kollegen erst einen Tag vor Pretzells Facebook-Eintrag einen Beitrag über den Rechtsruck der AfD veröffentlicht, in dem er Petry Orientierungslosigkeit vorwarf. Pretzell sei "Petrys letzte Stütze", hieß es in dem Text.

In der AfD hat Pretzells Angriff auf den Journalisten für Unruhe gesorgt. Die Mehrheit des Vorstandes sieht die Person Pretzell kritisch. Er habe zu viel Einfluss auf Petry, klagen AfD-Vorstände, er mische sich in Dinge jenseits seiner Zuständigkeit ein. Wie SPIEGEL ONLINE aus Parteikreisen erfuhr, haben sich mehrere Vorstandsmitglieder bei Lachmann entschuldigt.

Der geht nun juristisch gegen Pretzell vor. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte Stefan Aust, Herausgeber und Chefredakteur von WeltN24: "Günther Lachmann hat eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, dass die Vorwürfe unbegründet sind. Ich habe ihn dazu ermutigt, rechtliche Schritte zu ergreifen, was er auch tut. Der Verlag unterstützt ihn dabei." Ein WeltN24-Sprecher ergänzte, Pretzell sei "unter Fristsetzung auf Unterlassung abgemahnt" worden. "Eine Antwort haben wir noch nicht", heißt es vom Medienunternehmen, das zum Axel-Springer-Verlag gehört.

Meuthen und Gauland gehen auf Distanz

Die AfD-Bundesführung, die bislang geschwiegen hatte, geht nun auf Distanz zu ihrem NRW-Chef. "Der Streit zwischen Herrn Lachmann und Herrn Pretzell ist Privatsache und hat nichts mit der AfD zu tun", teilten Petrys Co-Chef Jörg Meuthen und Parteivize Alexander Gauland in einem übereinstimmenden Statement SPIEGEL ONLINE mit. Und: "Bisher ist noch keine Anzeige in der Geschäftsstelle eingegangen."

Das Signal ist deutlich: Die AfD-Führung (ohne Petry) möchte mit dem Fall nichts zu tun haben. Mit dem Schulterschluss von Meuthen und Gauland ist auch die Botschaft an Petry verbunden, dass sie ihren Lebensgefährten aus heiklen Parteiangelegenheiten heraushalten soll.

Damit sind beide Kontrahenten, Pretzell wie Lachmann, weitgehend auf sich gestellt. Nach Austs Worten ist klar: Die rechtlichen Schritte gegen Pretzell ergreift nicht etwa Lachmanns Arbeitgeber, sondern er persönlich soll sich wehren.

Das könnte man womöglich als Signal deuten, dass der "Welt"-Chefredakteur vorsichtig auf Distanz zu seinem Autor geht. Denn auch wenn keine Belege für das angebliche Beratungsangebot Lachmanns vorliegen - es gibt Hinweise auf eine ideologische Nähe Lachmanns zur AfD. Der Medienjournalist Boris Rosenkranz fand bei der Auswertung von Lachmanns Blogeinträgen auf Geolitico viele Beiträge, deren Inhalt den AfD-Botschaften zum Verwechseln ähnlich sind.


Korrektur: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, der Medienjournalist Stefan Niggemeier habe Lachmanns Blog ausgewertet. Tatsächlich hat das dessen Kollege Boris Rosenkranz getan. Zu dieser Verwechslung kam es, weil beide gemeinsam das medienkritische Portal uebermedien.de betreiben.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Olaf 12.02.2016
1.
Hmm, ich frage mich, ob das ein Einzelfall ist oder ob es so etwas häufiger gibt, dass Journalisten auf der Lohnliste von Parteien stehen.
hman2 12.02.2016
2.
Zitat von OlafHmm, ich frage mich, ob das ein Einzelfall ist oder ob es so etwas häufiger gibt, dass Journalisten auf der Lohnliste von Parteien stehen.
Sowas gibt es, aber es wird immer kontrovers diskutiert, wie man gut an der Causa Seibert sehen kann. Der Herr ist heute aber kein Journalist mehr.
dirk1962 12.02.2016
3. Beweise nötig
Eine in bewiesene Beschuldigung ist zunächst nichts weiter als eine Verleumdung. Und genau so sollte der Vorgang auch behandelt werden. Schließlich gab es inzwischen genug Zeit, den Beweis anzutreten, falls möglich. Zumindest hat es die AfD mal wieder in die Medien geschafft, egal wie.
prof.unrat 12.02.2016
4.
Was mich am meisten wundert: In welchen Kreisen bewegt sich Her Aust neuerdings. Er weiß doch, wie die Springerpresse und speziell die "Welt" ideologisch ausgerichtet sind. Er hat seine Ideale wohl auch aufgegeben wie die meisten Menschen.
lövgren 12.02.2016
5. Drei..
... Kommentare, zwei Relativierungen. So einen Afd/Pegida/Npd-Anhänger erschüttert tatsächlich nichts mehr.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.