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AfD-Imagekorrektur: Lucke schickt Migranten und Schwule vor

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AfD-Chef Lucke: War bisher eher durch kritische Töne gegen Schwule aufgefallen Zur Großansicht
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AfD-Chef Lucke: War bisher eher durch kritische Töne gegen Schwule aufgefallen

Die Euro-Gegner drängen ins EU-Parlament. In letzter Minute will die AfD-Spitze das ausländer- und schwulenfeindliche Image der Partei korrigieren. Parteichef Bernd Lucke findet den Schwenk auf einmal "toll".

Den Anfang machte ein Deutsch-Grieche, dann kam Fatih Sarikaya. Auf Facebook outete sich der gebürtige Türke als Anhänger der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland. "Als deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund stehe ich voll und ganz hinter der AfD", steht über dem Foto, das den Polizisten aus Hamburg im blauen Karohemd vor einer Gartenhecke zeigt, die kaum deutscher aussehen könnte. "Mut zu Deutschland! Mut zur nationalen Identität!", ruft Sarikaya der Netzwelt zu.

Die Botschaft ist klar: Wir Euro-Gegner können keine Rechten sein, wenn es bei uns auch Migranten gibt - die AfD ist bunt! Die Werbeaktion ist der Baustein einer neuen Strategie der Euro-Gegner. Auf den letzten Metern vor der Europawahl bemüht sich die AfD-Führung um Bundessprecher Bernd Lucke, das rechte Image der Partei zu korrigieren. Bürgerliche Wähler sollen nicht abgeschreckt werden von Berichten, die AfD sei rassistisch, religiös-fundamentalistisch oder gar rechtspopulistisch.

Früher war der Partei egal, was die "Mainstream-Medien" behaupteten. Jetzt scheint Lucke umgedacht zu haben. Gutbürgerliche AfD-Wähler sollen sich nicht schämen müssen, wenn es beim Tee, im Rotary-Club oder auf dem Golfplatz darum geht, wen man wählt. Mit der Realität in der AfD hat der Kurs des Vorstands freilich wenig zu tun. Poliert wird nur die Fassade.

"Das finde ich toll"

Plötzlich stellt die Partei Migranten, Schwule und Frauen nach vorne. So gibt es seit Neuestem einen "Bundesarbeitskreis Homosexuelle" in der AfD. "Das finde ich toll", ließ Parteichef Bernd Lucke über seinen Sprecher ausrichten, und traf sich mit der Gründerin. Zuvor war er eher durch kritische Töne gegen Schwule aufgefallen. Das Outing des Fußballers Thomas Hitzlsperger kommentierte er mit der Forderung, der solle sich lieber zu Familienwerten bekennen.

Neuerdings gibt es auch ein Frauennetzwerk in der AfD, "Erna" genannt. Und um weibliche Wähler nicht zu verprellen, hat der AfD-Vorstand sogar die politischen Leitlinien frisiert, die die Basis in einer Mitgliederbefragung verabschiedet hatte. Ursprünglich fiel der AfD zur Frauenpolitik nur der Kampf gegen "Gender Mainstreaming" und Quote ein. Jetzt will sie plötzlich auch "die Beseitigung bestehender Nachteile" für berufstätige Frauen.

Insider vermuten, dass Dorothea Lucke ihren Gatten von der Redigatur überzeugt hat. Parteifreundinnen berichten, die promovierte Ökonomin sorge sich, dass die AfD mit ihrem altbackenen Kurs unattraktiv für Frauen sein könnte. Die First Lady berät heimlich in einem Frauen-Zirkel, wie man in der Partei auch mal Kita-Ausbau und Ehegattensplitting anbringen könnte.

"Neutrale" Antworten in letzter Minute

Den neuen, lauwarmen Kurs übt die AfD-Spitze sogar beim Wahl-O-Mat - einem Instrument, das Tausende Wähler als Orientierungshilfe nutzen. Hier können Bürger ihre Präferenzen mit den Angeboten der Parteien abgleichen. Diese mussten zuvor für die Wahl-Plattform einen langen Fragenkatalog beantworten.

Die AfD änderte einige Antworten in letzter Minute - jetzt klingen sie verdächtig angepasst. Etwa bei der Frage nach der Religion. Seit ihrer Gründung warben die Euro-Gegner stets um ultrareligiöse Anhänger und förderten ein innerparteiliches Christen-Netzwerk. Doch beim Wahl-O-Mat ist die AfD auf die Frage, ob die EU sich als christliche Wertegemeinschaft verstehen solle, "neutral". Denn es gebe ja in der EU noch andere Werte als die christlich-abendländischen.

Dies könnte die AfD im Ranking vieler Nutzer nach oben treiben. Die AfD sagt auch Ja zu Organspenden ohne Einwilligung des Verstorbenen - eine parteiintern wohl kaum mehrheitsfähige Position. Die Strategie scheint aufzugehen: Umfragen verheißen der AfD satte sieben Prozent.

Ärger mit der Basis

Dafür hat Lucke jetzt Ärger mit der Basis. Toleranz gegenüber Homosexuellen und Ausländern ist für viele genau die Political Correctness, derentwegen sie sich von den "Altparteien" abgewandt hatten. Auf den AfD-Vorstand prasseln Protest-E-Mails ein. "Mein Eintritt in die AfD erfolgte aufgrund positiv auf Familienwerte gemachter Aussagen", schreibt Hermann S. aus Bad Säckingen. Sollten es wirklich einen homosexuellen Arbeitskreis geben, "so werde ich als Christ aus Gewissensgründen meinen Austritt erklären."

Ein AfD-Mann aus dem Saarland findet es "pervers, solche Verirrungen hoffähig zu machen". Auch die milden frauenpolitischen Thesen empfinden AfD-Ultras als "schlimme Trickserei". Die Initiatorinnen des Frauennetzwerks "Erna" werden als "Gender-Irre" beschimpft und davor gewarnt, "hinter dem Rücken der Männer in der AfD eine Frauenorganisation mit feministischen Zielen" aufzubauen. Dabei ist eine baldige Machtübernahme durch das Frauennetzwerk nicht zu erwarten, stattdessen hat die AfD-Geschäftsstelle gerade die Pflege der Erna-Facebook-Seite den Frauen entzogen und in die bewährten Hände eines Mannes gelegt. Sicher ist sicher.

Für die Migranten-Werbeaktion fielen der Parteispitze nur fünf Kandidaten unter gut 18.000 Mitgliedern ein, darunter die AfD-Integrationsbeauftragte Bouchra Nagla. Doch die Muslimin lehnte ab. Seit Monaten streitet sie mit Parteikollegen über die Haltung der AfD zum Islam. Derzeit läuft ein Ausschlussverfahren gegen sie.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 157 Beiträge
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1. Umgekehrt wird ein Schuh daraus
wolf130749 19.05.2014
der Artikel beweist einmal mehr, dass der Spiegel als Teil des Mainstreams, aufgeschreckt von Demoskopen, die einen Aufschwung der AfP konstatieren, alles unternimmt, um der Partei zu schaden. Es wird hoffentlich nichts nützen ....
2. Diese AfD braucht Europa
HankTheVoice 19.05.2014
Europa braucht eine Euro-kritische Partei in der Mitte des politischen Spektrums. Europa war mit dem Euro, eine gute Idee - parlamentarische Kritik an der Umsetzung von EU und Euro muß möglich sein, ohne gleich mit Rassisten und Faschisten in einen Topf geworfen zu werden. Diese haben in der AfD auch nichts verloren sondern sollten sich lieber rechts außen Ihre politische Heimat suchen. Die AfD sollte das deutlich machen und ggf. auf einige Mitglieder verzichten.
3. Die Wahlen kommen.
baerenfan 19.05.2014
Ganz einfach am 25.05.14 ein Kugelschreiber mitnehmen in die Wahlkabine. Damit man nix radieren kann auf den Wahlzetteln. Mal sehen wer diesmal die Wahl gewinnt.*
4.
Hamstedt 19.05.2014
Die Homosexuellen und Migranten auf der Wahlliste der AfD stehen bereits seit Monaten fest, nur schade dass der Spiegel erst "in letzter Minute" einen Blick darauf wirft. Und klar, mit den filtrierten Zitaten von Herrn Lucke mit denen der Spiegel arbeitet, könnte man durchaus einen homophoben Eindruck machen, blöd nur dass die Perspektive des Spiegels ziemlich "gespiegelt" ist und keinesfalls die Realität wiedergibt. Insofern hätten sie sich diesen Artikel auch sparen können Frau Amann.
5. Auch die NPD...
derAndere 19.05.2014
... lädt sich bei den Kundgebungen immer wieder Spanier, Italiener und andere Ausländer von befreundeten Parteien ein, die dann als Argument für Weltoffenheit und Toleranz herhalten müssen. Das sagt alles gar nichts.
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