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07. Januar 2012, 18:13 Uhr

Affären-Präsident

Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben

Wie lange kann sich der Bundespräsident noch im Amt halten? Angeblich suchen Kanzlerin Merkel und Vize Rösler bereits einen Nachfolger - zudem gibt es neue Vorwürfe in der Anruf-Affäre: Nach SPIEGEL-Informationen rief Wulff auch bei Springer-Chef Mathias Döpfner an und drohte mit "Krieg".

Hamburg - In der Affäre um einen Anruf von Bundespräsident Christian Wulff beim Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, kommen weitere Details ans Licht. Nach Informationen des SPIEGEL rief Wulff auch bei Springer-Chef Mathias Döpfner an. Wie bei "Bild"-Chef Kai Diekmann gelang es Wulff aber nicht, Döpfner direkt an den Apparat zu bekommen. Also hinterließ er auch in diesem Fall eine Nachricht auf dessen Mailbox.

Die Wortwahl des Präsidenten fiel dabei ähnlich aus wie gegenüber Diekmann: Von Empörung über die "Bild"-Zeitung soll die Rede gewesen sein, von einer Kampagne und ungerechtfertigter Skandalisierung, heißt es im Springer-Verlag.

Döpfner habe Wulff zurückgerufen und einen aufgebrachten Präsidenten am Telefon gehabt. Wulff sei sehr deutlich geworden. Wenn der Artikel über seinen Privatkredit erscheine, so wird Wulff im Springer-Verlag zitiert, dann bedeute das "Krieg" zwischen dem Bundespräsidialamt und Springer bis zum Ende von Wulffs Amtszeit. Das Bundespräsidialamt verweist auf Anfrage darauf, dass Wulff über Vieraugengespräche und Telefonate grundsätzlich keine Auskunft gebe.

Am Samstagabend hieß es aus dem Springer-Verlag: "Wir können die Darstellung des SPIEGEL bestätigen, wollen das aber nicht weiter kommentieren."

In der Nachricht auf dem Handy von "Bild"-Chefredakteur Diekmann sagte Wulff mit Bezug auf die Recherchen der "Bild"-Zeitung: "Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, mit der Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die werden jetzt indirekt verwandt, das heißt, ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen, und die Anwälte sind beauftragt."

Zu Erinnerung: Das frisch vermählte Ehepaar Bettina und Christian Wulff kaufte im Oktober 2008 für 415.000 Euro ein Haus in Großburgwedel. Das Geld für Kauf und Umbau des Hauses liehen sich die Wulffs bei den Unternehmerehepaar Geerkens. Die Frage, ob von Edith oder Egon Geerkens, war der Auslöser der Affäre. Erst nachdem die "Bild"-Zeitung über den Privatkredit berichtet hatte, räumte der jetzige Bundespräsident Wulff am 15. Dezember 2011 ein, den privaten Darlehensvertrag mit Frau Geerkens abgeschlossen zu haben.

"Dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen"

"Bild"-Redakteure hatten vor Wulffs Abreise in die Golf-Region im Schloss Bellevue Einsicht in den Kreditvertrag bekommen und so erfahren, dass Wulffs Kreditgeberin Edith Geerkens war. Nach Darstellung des Präsidialamtes sicherte die "Bild"-Zeitung zu, den Namen nicht zu nennen, solange es sich nicht um Maschmeyer oder einen anderen Großunternehmer handle. Die "Bild"-Zeitung bestreitet das.

Der Wortlaut von Wulffs Nachricht auf Diekmanns Mailbox existiert als Abschrift, die unmittelbar nach dem Gespräch gefertigt wurde und dem SPIEGEL vorliegt. Wulff fragte demnach, warum die "Bild"-Zeitung nicht akzeptieren könne, "wenn das Staatsoberhaupt im Ausland ist, zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn ..., den Redakteuren, rede, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere, und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen, und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen". Wulff bat damit zwar tatsächlich um eine Verschiebung der Geschichte um einen Tag, drohte aber andererseits mit strafrechtlichen Konsequenzen.

Auch in der Affäre um Gratisurlaube des ehemaligen Ministerpräsidenten Wulff bei befreundeten Unternehmern gibt es neue Details. So soll sich Wulff laut Informationen des SPIEGEL im Vorfeld einer Einladung auf das italienische Anwesen des Aufsichtsratschefs des Talanx-Versicherungskonzerns, Wolf-Dieter Baumgartl, massiv für die Interessen der Versicherer eingesetzt haben.

In der Koalition wächst die Kritik an Wulff

Während immer mehr Details zur Medien- und Darlehensaffäre des Bundespräsidenten öffentlich werden, wächst auch die koalitionsinterne Kritik an Christian Wulff. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe beklagte im Gespräch mit dem SPIEGEL "Ungeschicklichkeiten und Fehler" des Staatsoberhaupts. Wulff verdiene aber eine Chance, Vertrauen wieder aufzubauen.

Harsch kritisiert wurde auch die sogenannte Salami-Taktik des Bundespräsidenten: "Mit der scheibchenweisen Aufklärung des Sachverhalts hat sich Christian Wulff keinen Gefallen getan", sagt der CDU-Parlamentarier Marco Wanderwitz. "Das Krisenmanagement ist nicht professionell und seine Kommunikation oft auch nicht", monierte der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein.

CSU-Parteichef Horst Seehofer hingegen verteidigte den Bundespräsidenten erneut: "Wir stellen uns hinter Menschen in Schwierigkeiten, es sei denn, die Schwierigkeiten sind so groß, dass man das nicht mehr verantworten kann. Das ist bei Christian Wulff nicht der Fall", so Bayerns Regierungschef.

Die Opposition dagegen fordert unverhohlen Wulffs Rücktritt. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, glaubt, dass der Präsident als niedersächsischer Regierungschef das Recht gebrochen hat: "Es spricht viel dafür, dass der günstige Zinssatz der BW-Bank ein unberechtigter Vorteil im Sinne des niedersächsischen Ministergesetzes ist. Er versucht, sich als Opfer zu inszenieren. Das ist seines Amtes unwürdig." Ähnlich sieht das SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber. "Wulff hat das Amt des Bundespräsidenten so beschädigt, dass er darin nicht verbleiben kann."

Suche nach Wullf-Nachfolger soll bereits begonnen haben

Obwohl Wulff laut eigener Aussage sehr empfindlich auf Kritik reagiert, scheint er in der aktuellen Krise entschlossen, sie auszusitzen. Anfang 2008 lud die "Braunschweiger Zeitung" den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten zu einer "Kinder-Pressekonferenz". Damals berichtete der CDU-Politiker, er sei "bei Kritik, wenn sie unberechtigt ist, manchmal sehr grimmig". Noch 20 Jahre später könne er sich an unliebsame Berichterstattung erinnern, prahlte Wulff. "Aber wir Politiker haben ein ganz dickes Fell."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht zwar offiziell weiter hinter Wulff. Doch laut Presseberichten sucht sie gemeinsam mit FDP-Chef Philipp Rösler bereits nach einem Nachfolger. Die beiden Spitzen der Bundesregierung stünden in engem telefonischen Kontakt über die Frage, wer Wulff im Falle eines Rücktritts beerben könnte, meldet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" unter Berufung auf FDP-Kreise. "Der Vorschlag muss so sein, dass es der SPD schwerfällt, ihre Unterstützung zu verweigern", hieß es. Mögliche Kandidaten sind demnach:

Zuvor hatte bereits die "Rheinische Post" gemeldet, die Regierung suche einen Nachfolger für Wulff. Koalitionsvertreter dementierten alle Berichte über mögliche Absprachen.

Vor Wulffs Amtssitz, dem Schloss Bellevue in Berlin, protestieren am Samstag mehrere hundert Bürger gegen den Bundespräsidenten.

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