Afghaninnen in Deutschland "Hier bin ich ein Mensch"

In kaum einem Land ist das Leben für Frauen so hart wie in Afghanistan, noch immer. Hava und Mariam sind nach Deutschland geflohen. Hier berichten sie, warum sie ihre Heimat verlassen haben.

Geflüchtete Frau (Symbolbild)
DPA

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Als Hava die Grenze nach Mazedonien überquerte, wie Hunderttausende vor ihr, und ihrem Ziel Deutschland Schritt um Schritt näher kam, da erreichte sie eine Nachricht aus Afghanistan: Ihre Freundin, eine Friedensaktivistin wie Hava selbst, wurde ermordet. Bei einem Anschlag.

Hava war in Sicherheit. Ihre Freundin tot.

"Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich danach weitergekommen bin", sagt die 23-Jährige. "Ich bin wohl nur gelaufen, wie ein leerer Körper, konnte nicht essen, nicht schlafen."

Hava, ihre drei Schwestern und ihre Eltern schafften es im Februar nach Deutschland, kurz bevor die Balkanroute geschlossen wurde. Ihre Reise endete im thüringischen Weida, einem Ort mit knapp 7000 Einwohnern. In einem Flüchtlingsheim warten sie seitdem darauf, dass endlich, nach Monaten, über ihren Asylantrag entschieden wird.

Als Hava Deutschland erreichte, war Mariam schon seit einem knappen halben Jahr hier. Auch sie kommt aus Afghanistan. Auch sie weiß noch nicht, ob sie bleiben darf.

"Zehn Mal am Tag belästigt zu werden, ist ganz normal"

Die Geschichte der beiden Frauen steht für die besonderen Schwierigkeiten der Zehntausenden afghanischen Asylbewerber in Deutschland. Sie zeigt, wie ihre Integration vom eigenen Engagement und vom Zufall abhängt, nicht vom deutschen Staat. Denn der schließt Afghanen mit laufendem Verfahren pauschal von den staatlichen Integrationskursen aus. Und durchschnittlich müssen Menschen aus Afghanistan mehr als ein Jahr warten, bis die Behörde in ihrem Fall entscheidet.

Afghanin Hava
SPIEGEL ONLINE

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Aber die Geschichte der beiden Frauen erzählt noch etwas anderes.

Hava und Mariam haben versucht, in ihrer Heimat ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dort, wo Gewalt gegen sie so alltäglich ist, wie in kaum einem anderen Land auf der Welt. Wo die Taliban wieder auf dem Vormarsch sind, aber auch, wie Hava sagt, "ganz normale Männer von nebenan" häufig Schikane ausüben. "Zehn Mal am Tag auf der Straße belästigt zu werden, ist in Afghanistan ganz normal", sagt Hava. Wenn das Kopftuch zu locker sitzt, wenn Frauen studieren. Hava und Mariam, die über Jahre einen hohen Preis für ihren Wunsch nach Freiheit zahlten, mussten am Ende ihr Land verlassen.

Privates Gymnasium, Studium, Arbeit als Fotografin und Schauspielerin, Künstlerin, politische Aktivistin, Kämpferin für Frauenrechte in Kabul - so skizziert Hava ihr Leben in Kabul. Entscheidend für all das, was sie tun konnte, seien ihre Eltern gewesen. "Sie sind ungebildet", sagt Hava, "aber sie haben für meine Schwestern und mich gekämpft. Ich glaube, es liegt auch daran, dass sie vier Töchter und keinen Sohn haben. Das gilt in Afghanistan als großer Makel. Sie wollten allen zeigen, dass wir vier es besser machen können als die Söhne der anderen", erzählt Hava. "Sie haben mir erlaubt, nachts auf Hochzeiten zu fotografieren, und mein Vater hat mich abgeholt, wenn ich am späten Abend Kurse an der Uni hatte. Er hat in der Kälte auf mich gewartet, damit ich lernen kann."

"Wir wissen, dass du es bist"

Anfeindungen habe es die ganze Zeit gegeben. "Dann habe ich mit einer Freundin ein Fotoprojekt gemacht, eine Serie zum Thema Scham bei afghanischen Frauen." Hava ließ sich selbst fotografieren, eingehüllt in ein Tuch, außer den Beinen und Armen war alles bedeckt. Das Gesicht nicht zu erkennen. "Die Bilder wurden bekannt, und jemand hat mich verraten", sagt Hava. Sie habe eine Nachricht auf ihr Handy bekommen: "Wir wissen, dass du es bist." "Irgendwann dachte ich, es könnte sein, dass ich die nächste Farhunda würde."

Farhunda, eine junge Afghanin, wurde im März 2015 auf offener Straße in Kabul von einem Männermob ermordet. "Am meisten Angst hatte ich um meine Eltern, wie es ihnen gehen würde." Eine Woche habe ihre Familie nachgedacht, dann seien sie gen Europa aufgebrochen. "Meine Eltern haben gesagt: 'Selbst wenn die Flucht gefährlich ist, lieber sterben wir einmal, als gefühlt jeden Tag wie in Afghanistan.'"

Afghanin Mariam
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Mariam war seit ihrer Jugend Leistungssportlerin: 400-Meter-Läuferin. Sie arbeitete beim nationalen olympischen Komitee Afghanistans in Kabul, eine für afghanische Verhältnisse blendend bezahlte Stelle. Schon immer sei der Sport schwierig gewesen. "Ich musste aufpassen, dass gerade keine Männer im Stadion waren, musste verhüllt laufen." Als Trainerin habe sie dann große Probleme bekommen, sie würde junge Mädchen schlecht beeinflussen, hieß es. 2013 wurde Mariams Vater ermordet. Die Familie machte sich auf die Flucht. Mehrere Jahre lebte Mariam in der Türkei. Dann kam sie über Bulgarien nach Deutschland.

Die Lebenswege von Hava und Mariam zeigen, in welch engem Rahmen es in Afghanistan häufig nur möglich ist, als Frau in der Öffentlichkeit Freiheiten zu leben - und dass es diese kleinen Errungenschaften oft nur gibt, wenn sie gefördert und geschützt werden. Von Eltern etwa, denen dadurch selbst Gefahr oder Isolation droht.

Wie geht es den beiden Frauen in Deutschland?

Die beiden Afghaninnen sind in Deutschland selbst zu Helferinnen geworden - nur durch Glück haben sie von dieser Möglichkeit erfahren. Sie wurden psychologisch geschult und beraten nun andere Flüchtlinge in Erfurt. "Diese Arbeit hat mich gerettet", sagt Hava. "Ich war ohne eine Aufgabe verloren, dünnhäutig, unglücklich, nicht ich selbst."

Auch wenn sie sich oft nach ihren Freunden in Kabul sehne - "hier in Deutschland bin ich wenigstens ein Mensch", sagt Hava. "In Afghanistan ist die Rolle der Frau, dass sie sich schämen muss, eben eine Frau zu sein." Vieles von diesem Geist verfolge sie noch in Deutschland. "Dieses ständige Beurteilen des anderen, das Verunglimpfen, dem anderen sagen, er sei nicht gläubig, das erlebe ich auch im Flüchtlingsheim."

Mariam läuft nun für den Leichathletikverein der thüringischen Stadt Apolda. "Ich verstehe hier zum ersten Mal, wie das Leben eigentlich sein soll, wie man sich beim Sport eigentlich fühlen kann, nämlich wirklich frei und lebendig. Man schafft es, dabei seine Sorgen zu vergessen." Aber natürlich ist nicht alles einfach: Sie, die in Rekordzeit studiert habe in Afghanistan, sei in Deutschland erst mal wieder wie ein Kind gewesen. "Ich hatte keine Arbeit, mir wurde gesagt, ich solle hier meinen Hauptschulabschluss machen."

Beide, Hava und Mariam, sind gläubige Musliminnen. Beide haben in Deutschland das Kopftuch abgelegt. Mariam trägt es nur zum Beten. "Als ein anderer Flüchtling das gesehen hat, hat er mir vorgeworfen, ich sei verlogen, sei keine echte Muslima. 'Ich bin für Gott gläubig, nicht für dich', habe ich ihm erklärt." Hava sagt: "Meine Religion ist in meinem Herzen, nicht auf meinem Kopf."

Die jungen Frauen blicken mit Hoffnung und Angst auf den Tag, an dem die Behörden darüber entscheiden, ob sie in Deutschland bleiben können. Weniger als 50 Prozent der afghanischen Asylbewerber werden anerkannt. Mariam sagt: "Wenn ich zurück muss, würde ich vielleicht am Leben bleiben. Aber nur, wenn ich mich in einer dunklen Ecke in der Wohnung verkrieche."

Hava sagt, seit sie ihr Land, ihre Stadt, ihre Freunde verlassen habe, fühle sie Schuld. Schuld, dass Freunde starben und nicht sie. Dass sie nicht helfen kann, ihr Land, das sie trotz allem so liebe, aufzubauen. Sie werde diese Schuld nicht los.

"Ich zähle die Tage, die Stunden, bis ich wieder in mein Land kann. Aber ich kann erst zurück, wenn es dort anders ist."

Videoreihe über Flüchtlinge

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