Afghanistan Bundeswehr knausert sich durch den Krieg

Ein Soldat verliert in den Bergen Afghanistans einen Handschuh - und soll der Bundeswehr den Gegenwert von 7,17 Euro ersetzen. Immer wieder kämpfen deutsche Truppen nicht nur gegen Taliban, sondern auch mit der Bürokratie an der Heimatfront. Selbst nötigste Ausrüstung fehlt.

dapd

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Seit zehn Jahren kämpft der Westen in Afghanistan. Der Erfolg ist bislang mäßig, die Kosten sind hoch: Der Einsatz der Bundeswehr schlägt mit Milliarden zu Buche. Allein in diesem Jahr sind für die Mission eine Milliarde Euro veranschlagt, Forscher errechneten nun sogar eine deutlich höhere Summe.

Für Personal, Infrastruktur und Material gibt der Staat also sehr viel Geld aus - den Soldaten, die im Auftrag des Staats ihr Leben riskieren, soll es an nichts mangeln. Sollte man meinen.

Doch die Bundeswehr kann sich auch knauserig zeigen. Wie die "Bild"-Zeitung berichtete, hat die Bundeswehr nun einem Unteroffizier eine Rechnung über 7,17 Euro ausgestellt. Der Mann hatte vor einem Jahr seinen Kampfhandschuh auf Patrouille in einer Bergregion im Norden Afghanistans verloren. Wenig später schrieb ihm das Bundesamt für Wehrverwaltung: "Während Ihres Auslandseinsatzes in Feyzabad/Afghanistan bemerkten Sie das Fehlen eines Kampfhandschuhs." Weiter heißt es: "Durch Ihr Verhalten ist dem Bund ein Schaden in Höhe von 7,17 Euro entstanden." Der Soldat wird aufgefordert, das Geld zu überweisen.

Er legte Widerspruch ein und wandte sich an den Wehrbeauftragten. Letztlich erkannte das Amt an, dass der Handschuh "in unsicherer Umgebung" verlorenging und "eine Nachsuche zu gefährlich und mithin unzumutbar" gewesen wäre. Immerhin. Beim Bundesverteidigungsministerium wollte man zu der 7,17-Euro-Forderung nichts sagen. Man müsse den Fall erst prüfen.

Ein absurder Bürokratenstreich? Vielleicht. Ein Einzelfall? Wohl kaum. Denn immer wieder kämpfen die Soldaten am Hindukusch nicht nur gegen die Taliban, sondern auch mit Hindernissen aus den eigenen Reihen, mit der Bürokratie der Bundeswehrverwaltung und Mängeln an nötigster Ausrüstung.

Deutschlands Armee hat sich rasant gewandelt, die Wehrpflicht ist abgeschafft, längere Auslandseinsätze bestimmen den Alltag. Doch in den Amtsstuben der Verwaltung werden die Soldaten offenbar so behandelt, als ob sie auf einem Truppenübungsplatz in Deutschland eingesetzt sind und nicht in einem Kriegsgebiet.

Ein Oberstleutnant aus dem Rheinland schilderte SPIEGEL ONLINE nun eine ähnliche Geschichte, bei der die Bundeswehr arg bürokratisch agierte. Der Soldat war von April bis August 2010 in Masar-i-Scharif eingesetzt. Vermutlich bei einem seiner gefährlichen Einsätze außerhalb des Lagers hatte er einen Teil der schusssicheren Weste verloren, die den Halsbereich vor Geschossen abschirmen soll.

Als er Afghanistan verließ, bestätigte ihm einer seiner Vorgesetzten, dass der Verlust kein Problem sei - schließlich sei man ja im Kampfeinsatz. Die Bundeswehrverwaltung daheim in Deutschland sah den Fall hingegen völlig anders. Zwei Monate nach der Heimkehr schrieb sie dem Soldaten, er habe für den Teil der lebensrettenden Weste 160 Euro zurückzuzahlen.

Monatelang stritt sich der Soldat mit den Bürokraten - im Verlauf der Auseinandersetzung musste er sich gar anhören, er habe der Bundesrepublik Deutschland geschadet. Am Ende gab die Wehrverwaltung nach, doch bei dem Soldaten, der insgesamt schon dreimal in Afghanistan war, bleib nichts anderes als Frust. "Für den Einsatz für mein Land musste ich mir am Ende auch noch Beschimpfungen anhören", sagt er, "das kann wohl nicht Sinn der Sache sein."

Für die Soldaten in Afghanistan gab es zuletzt ähnlichen Ärger bei vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie Wollmützen, Essenspaketen oder Telefongesprächen in die Heimat.

  • Schon lange klagen Soldaten über die Strickmützen, die zur Uniform gehören. Das Problem: Es gibt sie nur in einer Größe, die vielen schlichtweg nicht passt. Und sie sähen doof aus, heißt es in der Truppe. Nach Jahren der Klage lenkte die Wehrverwaltung im September ein: Neue Mützen wurden geordert, die "Einführung unterschiedlicher Größen" sowie die Eigenschaft "unter dem Gefechtshelm tragbar" wurden als Neuerungen gefeiert. Nur: In diesem Winter kommen sie wohl noch nicht zum Einsatz. Die alten müssen erst aufgebraucht werden. Viele Soldaten haben sich ohnehin längst privat Mützen aus Deutschland mitgebracht.
  • Auch bei der Verpflegung dauerte es Jahre, bis die Armeeführung reagierte. Essenspakete gab es jahrelang in nur drei Geschmacksrichtungen: Gulasch mit Kartoffeln, Ravioli mit Champignons, Fleisch mit Tomatensoße. Ein Relikt aus Friedenszeiten, wo man sich nur für drei Tage im Feld ausrüstete. Doch heute sind Bundeswehrsoldaten bis zu zwei Wochen am Stück im Feld, wo es kulinarisch schnell eintönig wird. Nun hat das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung 16 neue, sogenannte Einmannpackungen entworfen: Es gibt Paella, griechische Bifteki-Teller, Currywurst. Doch mit der Auswahl steigen die Kosten: Vier Millionen statt 2,7 Millionen Euro kostet das neue Menü pro Jahr, ob das kulinarische Experiment fortgeführt wird, will die Bundeswehr noch entscheiden.
  • Das vielleicht größte Ärgernis sind Probleme bei den Telefongesprächen vom Hindukusch in die Heimat. Zu teuer und miserable Gesprächsqualität, lautet der Tenor aus der Truppe. Manche wittern gar Abzocke, da ein privates Unternehmen den Dienst bereitstellt. Die Bundeswehr schrieb den Auftrag 2009 erneut aus, doch keine Firma wollte den aktuellen Anbieter ersetzen. Die Bundeswehr verweist auf den Auslandszuschlag, wovon auch Kosten der privaten Kommunikation getragen werden. Doch es geht nicht nur ums Geld: Internetrechner fehlen, im Feldlager Kunduz ist der Mangel schon berüchtigt. Laut letztem Wehrbericht stehen "nur drei feste Telefone und sechs feste Rechner" für rund tausend Soldaten zur Verfügung. Besonders frustrierend sei der Vergleich mit den Bündnispartnern, "die in aller Regel bessere und billigere Verbindungen" bereitstellten, "und dies oftmals in demselben Feldlager".

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), listet jedes Jahr weitere Mängel auf: Im letzten Bericht gab es Klagen über die Wasserversorgung im Lager in Masar-i-Scharif, ("dringend ein neuer Brunnen nötig") sowie Kühlungsprobleme beim Schützenpanzer "Marder" ("Innentemperatur regelmäßig bei mehr als 60 Grad").

Auch die Wollmützen erscheinen hier nicht als Einzelfall: Viele Soldaten kauften sich "ihre Ausrüstungsgegenstände selbst, weil der Dienstherr auch nach Jahren der Einsatzerfahrung offenbar nicht in der Lage ist, die am besten geeignete Ausrüstung in ausreichender Stückzahl zur Verfügung zu stellen", schreibt Königshaus. Es sei üblich, sich "Einsatzbekleidung und -ausrüstung in einer Größenordnung von 1000 Euro und mehr privat zu beschaffen".

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Stancer81 05.10.2011
1. ...
Zitat von sysopEin Soldat verliert in den Bergen Afghanistans einen Handschuh - und soll*der Bundeswehr den Gegenwert von 7,17 Euro ersetzen. Immer wieder kämpfen deutsche*Truppen nicht nur gegen Taliban, sondern auch mit der Bürokratie an der Heimatfront.*Selbst*nötigste Ausrüstung fehlt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,789842,00.html
Brav aus der Bild abgeschrieben.... Hier wird mal wieder versucht einen Skandal aufzubauen... Es handelt sich um einen Bürokratiefehler. Es ist wohl logisch, das der Soldat nicht aus dem Lager spazieren kann um seinen Handschuh zu suchen. Wäre das im Lager passiert, sähe die Sache aber wieder anders aus. Jeder Wehrpflichtige weiss, das der Soldat selbst für seine Ausrüstung verantwortlich ist. Wenn er sie verliert, verkauft oder mutwillig zerstört muss er dafür haften. Und mit der Verpflegung ist jawohl ein Witz, was sie da schreiben. Jeder Soldat im Krieg würde sich sogar über nur eine Geschmacksrichtung freuen, hauptsache er hat was zu beissen. Mehr Geschmacksrichtungen sind nichts weiter als Luxus. Ebenso das mit den Mützen. "die säen doof aus!".... Bitte was ? Was erwarten die Leute ? Designer Mützen von Gucci ? Scheinbar ist die Wohlstandsgesellschaft nun auch bei der Bundeswehr angekommen !
adazaurak 05.10.2011
2. soso
bundesdeutsche Bürokratie oder soll man sagen, Schreibtischtäter?
mattorres 05.10.2011
3. Ich kenne die Lösung.
Sie lautet: sofortiges Ende des Einsatzes, ab nach Hause.
billsux, 05.10.2011
4. So ist es
Zitat von Stancer81Brav aus der Bild abgeschrieben.... Hier wird mal wieder versucht einen Skandal aufzubauen... Es handelt sich um einen Bürokratiefehler. Es ist wohl logisch, das der Soldat nicht aus dem Lager spazieren kann um seinen Handschuh zu suchen. Wäre das im Lager passiert, sähe die Sache aber wieder anders aus. Jeder Wehrpflichtige weiss, das der Soldat selbst für seine Ausrüstung verantwortlich ist. Wenn er sie verliert, verkauft oder mutwillig zerstört muss er dafür haften. Und mit der Verpflegung ist jawohl ein Witz, was sie da schreiben. Jeder Soldat im Krieg würde sich sogar über nur eine Geschmacksrichtung freuen, hauptsache er hat was zu beissen. Mehr Geschmacksrichtungen sind nichts weiter als Luxus. Ebenso das mit den Mützen. "die säen doof aus!".... Bitte was ? Was erwarten die Leute ? Designer Mützen von Gucci ? Scheinbar ist die Wohlstandsgesellschaft nun auch bei der Bundeswehr angekommen !
Richtig! Die sollen doch gefälligst froh sein, dass sie ihrem Heimatland unter Einsatz ihres Lebens dienen dürfen und die Klappe halten! Wer Ironie findet, darf sie behalten ...
winnie1970 05.10.2011
5. Ignoranz hoch zehn
Zitat von Stancer81Brav aus der Bild abgeschrieben.... Hier wird mal wieder versucht einen Skandal aufzubauen... Es handelt sich um einen Bürokratiefehler. Es ist wohl logisch, das der Soldat nicht aus dem Lager spazieren kann um seinen Handschuh zu suchen. Wäre das im Lager passiert, sähe die Sache aber wieder anders aus. Jeder Wehrpflichtige weiss, das der Soldat selbst für seine Ausrüstung verantwortlich ist. Wenn er sie verliert, verkauft oder mutwillig zerstört muss er dafür haften. Und mit der Verpflegung ist jawohl ein Witz, was sie da schreiben. Jeder Soldat im Krieg würde sich sogar über nur eine Geschmacksrichtung freuen, hauptsache er hat was zu beissen. Mehr Geschmacksrichtungen sind nichts weiter als Luxus. Ebenso das mit den Mützen. "die säen doof aus!".... Bitte was ? Was erwarten die Leute ? Designer Mützen von Gucci ? Scheinbar ist die Wohlstandsgesellschaft nun auch bei der Bundeswehr angekommen !
Dies kann eigentlich nur jemand sagen, der offensichtlich noch nicht das "Vergnügen" hatte, in Afghanistan im Einsatz gewesen zu sein. Die Ignoranz gegenüber den Soldaten, die dort unten -teilweise in einfachsten Verhältnissen- fern der Heimat und der Familie Monate verbringen müssen ist kaum zu überbieten. Ich empfehle Ihnen dringend, die nächsten 4 Wochen mal jeden Tag das Gleiche zu essen, im Zelt zu schlafen, durch Gebiete zu wandern, wo sie beschossen werden und dabei natürlich stets drauf zu achten, dass Sie Ihre Handschuhe nicht verlieren. Danach sprechen wir uns wieder.
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