Entführung in Afghanistan Deutsche Entwicklungshelferin kommt frei

Aufatmen in Kabul: Nach zwei Monaten Geiselhaft ist die deutsche Entwicklungshelferin Käthe B. freigekommen. Die Bundesregierung will nun nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ihr ziviles Engagement in Afghanistan überdenken.

Aus Teheran berichtet


Eine deutsche Entwicklungshelferin, die Mitte August in der afghanischen Hauptstadt Kabul entführt worden war, ist am Samstagnachmittag freigekommen. Käthe B., eine langjährige Mitarbeiterin der deutschen Entwicklungshilfeagentur GIZ, war am 17. August vor dem Büro der GIZ mitten in der Innenstadt von Kabul entführt worden. Seitdem hat das Auswärtige Amt monatelang über Mittelsmänner mit den Entführern verhandelt und konnte schließlich die Freilassung der 55-Jährigen erreichen.

Über die Umstände sagte das Ministerium von Frank-Walter Steinmeier (SPD) zunächst nichts. Der Minister, derzeit bei seinem ersten Besuch in der iranischen Hauptstadt Teheran, dankte der afghanischen Regierung, den lokalen Sicherheitskräften und der Militärmission "Resolute Support" (RSM) für die Unterstützung bei dem Geiseldrama. Steinmeier sagte, er sei erleichtert. Der GIZ-Mitarbeiterin gehe es "den Umständen entsprechend gut", sie ist nun in der Botschaft in Kabul.

Hinter der Entführung steckten nach Information von SPIEGEL ONLINE Kriminelle, die auf ein hohes Lösegeld für die deutsche Geisel abzielten. Grundsätzlich äußert sich das Auswärtige Amt nicht zu möglichen Zahlungen an Geiselnehmer. Obwohl solche in der Vergangenheit immer wieder gezahlt worden waren, gilt die Standardformel, die Bundesregierung sei nicht erpressbar. Schon kurz nach der Geiselnahme war ein Verhandlungsteam des Bundeskriminalamts (BKA) nach Afghanistan gereist, um die schwierigen Gespräche mit den Geiselnehmern zu führen.

Ablauf der Entführung deutet auf Insiderkenntnisse hin

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE waren deutsche Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) an der Freilassung beteiligt, die Soldaten wendeten jedoch keine Gewalt an, sondern holten die Geisel lediglich an einem vorher vereinbarten Treffpunkt in der afghanischen Hauptstadt ab und fuhren sie zur Deutschen Botschaft. In Sicherheitskreisen wurde ausdrücklich betont, dass es sich nicht um eine militärische Befreiung gehandelt habe. "Die KSK hat nur logistisch unterstützt", hieß es.

Nach der Entführung vor dem Büro der GIZ hatte die Agentur zunächst fast alle deutschen Mitarbeiter aus Afghanistan abgezogen. Vor der Geiselnahme hatte es sehr konkrete Warnungen gegeben, die sowohl vor Verschleppungen von GIZ-Mitarbeitern als auch vor Anschlägen auf die Zentrale der Agentur gewarnt hatten. Der Fall stellt die Bundesregierung trotz der Freilassung vor die heikle Frage, ob man die Entwicklungsarbeit mit deutschen Mitarbeitern in der fragilen Lage in Afghanistan fortführen kann.

Allein der Ablauf der Entführung legte den Verdacht nah, dass die Täter über Insiderkenntnisse aus GIZ-Kreisen verfügten. Direkt vor dem Büro der GIZ stoppten zwei Bewaffnete das Auto der Deutschen, zogen sie aus ihrem braunen Geländewagen und brausten davon. Vor der Verschleppung von Käthe B. war im nordafghanischen Kunduz bereits ein GIZ-Mitarbeiter entführt worden, er konnte sich allerdings mit viel Glück aus der Haft der Kidnapper befreien und zu einem Polizeiposten retten.

Spätestens nach diesem Fall war klar, dass deutsche Entwicklungshelfer im Visier von kriminellen Geiselnehmern sind. In den Jahren zuvor galt trotz der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan die Faustregel, dass Entwicklungshelfer meist von Geiselnahmen verschont wurden. Die Zeit ist nun vorbei: Ebenfalls in Kabul hatten Bewaffnete einige Wochen vor der Geiselnahme der Deutschen eine andere Entwicklungshelferin aus Holland entführt. Sie kam nach wochenlangen Verhandlungen schließlich frei.

Nach dem Aufatmen kommt auf die Sicherheitsbehörden nun eine schwierige Abwägung zu. Die Bundesregierung will nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sorgfältig prüfen, wie man die zivilen deutschen Mitarbeiter in Afghanistan besser absichern kann. Demnach will man in den nächsten Wochen genau abklären, welche Lehren man aus dem Fall für die Absicherung der deutschen Präsenz, insbesondere der Entwicklungshelfer, ziehen muss, so hochrangige Diplomaten.

insgesamt 13 Beiträge
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stefan.mahrdt 17.10.2015
1. Deutsche in Afghanistan - warum?
Was ist unser Ziel in Afghanistan? Wie lautet unsere Antwort auf die Frage, ob unser Engagement in Afghanistan in den letzten zehn Jahren einen zumindest messbaren Beitrag zur Zielerreichung beigetragen hat? Was sind die politischen Grundvoraussetzung in einem Entwicklungsland, die als Basis für sinnvolle Entwicklungshilfe dienen können? Wir brauchen eine politische Führung, die Antworten gibt.
Atheist_Crusader 17.10.2015
2.
Zitat von stefan.mahrdtWas ist unser Ziel in Afghanistan? Wie lautet unsere Antwort auf die Frage, ob unser Engagement in Afghanistan in den letzten zehn Jahren einen zumindest messbaren Beitrag zur Zielerreichung beigetragen hat? Was sind die politischen Grundvoraussetzung in einem Entwicklungsland, die als Basis für sinnvolle Entwicklungshilfe dienen können? Wir brauchen eine politische Führung, die Antworten gibt.
Wenn ein Land wirklich Entwicklungshilfe braucht (brauchen ist ungleich bekommen), dann ist es schon per Definition in einem miesen Zustand. Entsprechend leichtsinnig ist die Idee, sich dorthin zu wagen. Natürlich, es gibt wenig Alternativen. Wenn man gar nichts tut, dann wird die Bevölkerung sich irgendwann so lange vermehren, bis ihre Lebensführung sie nicht mehr ernähren kann. Und dann werden die Nachbarstaaten mit hungrigen Menschen überschwemmt, für die es mangels Bildung kaum wirtschaftliche Verwendung geht. Es braucht also irgendwo einen Kompromiss. "Einfach Geld überweisen" klappt nachweislich nicht. Das füllt nur die Taschen derer, die eh schon genug haben.
movfaltin 17.10.2015
3.
Zitat von Atheist_CrusaderWenn ein Land wirklich Entwicklungshilfe braucht (brauchen ist ungleich bekommen), dann ist es schon per Definition in einem miesen Zustand. Entsprechend leichtsinnig ist die Idee, sich dorthin zu wagen. Natürlich, es gibt wenig Alternativen. Wenn man gar nichts tut, dann wird die Bevölkerung sich irgendwann so lange vermehren, bis ihre Lebensführung sie nicht mehr ernähren kann. Und dann werden die Nachbarstaaten mit hungrigen Menschen überschwemmt, für die es mangels Bildung kaum wirtschaftliche Verwendung geht. Es braucht also irgendwo einen Kompromiss. "Einfach Geld überweisen" klappt nachweislich nicht. Das füllt nur die Taschen derer, die eh schon genug haben.
Wagen wir mal einen Blick zurück, vor den "War on Terror" und die ganzen westlichen und östlichen Interventionen. Blicken wir mal über den Tellerrand, vor den "War on Terror", vor die US-Mudschaheddin, vor den sowjetischen Einmarsch Ende der Siebziger. Schauen wir also auf die Phase vor der Aprilrevolution und nach 1919. Und? Schon lange her, oder? Aber so richtig entwicklungshilfebedürftig wie heute, mit unserer und anderer Parteien militärischer Einmischung, war Afghanistan damals zu keiner Zeit. Somit geht es nicht um Entwicklungshilfe. Es geht um Investments mit entsprechendem ROI. Es geht darum, Menschenleben in Kauf zu nehmen, um geostrategische Interessen durchzusetzen. Spätestens seit dem Ende der Kolonialzeit. "Entwicklungshilfe" - oder im Bundeswehrjargon "Brunnenbohren und Tanklasterabknallen" - ist keine. Und eine solche Entwicklungshilfe braucht kein Land der Welt. Genaugenommen nicht einmal die Hegemonialmächte; da ist das mehr ein Spiel. Und letztlich ist diese verlogene Konstellation, die geopolitische Agenda dahinter, der Grund, warum im Einzelnen wohlmeinende und beseelte und tatsächlich hilfreiche Entwicklungshelfer, die im Kleinen wirklich helfen, angefeindet werden, entführt und erschossen. Entsprängen die Interessen nicht einer so ambivalenten Gemengelage, wären die westlichen Helfer überall wohlgelitten.
merkatorprojektion 17.10.2015
4. Bundeswehr bleibt, GIZ zieht ab?!
Also hier versteh ich die Welt nicht mehr! Die Bundeswehr bleibt in Afghanistan, weil die notwendige Sicherheit von den Afghanen NOCH nicht selbstständig gewährleistet werden kann und wir deswegen noch mindestens ein Jahr dranhängen sollen, unsere Bundesregierung aber sehr offensiv behauptet, man befinde sich auf einem guten Weg und es sei nur noch eine Frage der Zeit bis wir das Land verlassen könnten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit aufgrund einer katastrophalen Sicherheitslage (zwei Deutsche innerhalb eines Jahres entführt!) aus Afghanistan abgezogen! Die Bundeswehr sichert indirekt die Arbeit dieser Organisation ab. Ohne GIZ können alle anderen auch gehen! Hier passt so Einiges nicht zusammen!! Entweder Truppenaufstockung oder Sofortabzug der gesamten Bundeswehr aus Afghanistan, sofort! Alles andere ist Augenwischerei und betrifft UNS unmittelbar in Deutschland (s. Flüchtlingskrise).
Kater1510 17.10.2015
5. Es wurde kein Insiderwissen benötigt
Wie im Artikel beschrieben wurde die Entwicklungshelferin VOR ihrem Büro abgefangen. Dafür muss man lediglich vor diesem Gebäude warten. Das kann jeder. Im Artikel wird behauptet, dafür sei Insiderwissen benötigt worden - dies ist eine haltlose Unterstellung den GIZ-Mitarbeitern gegenüber. Bitte um Änderung.
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