Afghanistan Dokumentarfilmer berichtet von Massakern auf US-Befehl

Im Afghanistan-Krieg soll es Ende letzten Jahres auf Geheiß amerikanischer Militärs zu völkerrechtswidrigen Hinrichtungen und Folterungen gekommen sein. Dies versucht ein britischer Filmemacher zu belegen, der einen Ausschnitt seiner Arbeit am Mittwoch im Bundestag vorstellte - auf Einladung der PDS.

Von Holger Kulick


Was geschah mit gefangenen Taliban-Kämpfern aus der Gegend von Masar-i-Scharif?
REUTERS

Was geschah mit gefangenen Taliban-Kämpfern aus der Gegend von Masar-i-Scharif?

Berlin - Zu diesem Anlass hatten die Reformsozialisten am Mittwochmorgen ausgewählte Journalisten zu einer "exklusiven Premieren-Pressekonferenz" in ihren Fraktionsraum eingeladen. Dort stellten Fraktionschef Roland Claus und der PDS-Europaparlamentarier André Brie den britischen Dok-Filmer Jamie Doran vor. "Wir wollen einen authentischen Bericht aus Afghanistan", begründete Brie sein Engagement.

Der Filmemacher verfolgt im ehemaligen Kriegsgebiet Spuren, die darauf hindeuten, dass es in der Region von Masar-i-Scharif zum Massenmord an bis zu 3000 vermeintlichen al-Qaida-Kämpfern kam. Dies sollen amerikanische Befehlshaber vor Ort bewusst geduldet oder sogar angewiesen haben, behauptet Doran. Fünf afghanische Zeugen mit entsprechenden Aussagen konnte er vor laufender Kamera befragen. Sie waren als Fahrer, Soldaten und in einem Fall als Kommandeur unter dem berüchtigten Usbekengeneral Abdul Raschid Dostam aktiv. Geld für ihre Aussagen habe er nicht gezahlt, versichert Doran.

"Sie machten, was sie wollten"

Einer der Soldaten berichtete, dass er selbst beobachtet habe, wie ein amerikanischer Soldat Gefangenen des Genick gebrochen habe und eine säureähnliche Flüssigkeit über den Kopf goss. "Sie machten, was sie wollten, wir konnten sie nicht davon abhalten", berichtete der Zeuge, dessen Name im Film nicht genannt wird. Außerdem hätten sie Gefangenen nicht nur Haare und Bärte abgeschnitten, sondern auch Finger und Zunge.

Viele Inhaftierte seien von US-Soldaten grundlos zusammengeschlagen worden und mitunter spurlos verschwunden. Ein angeblich zuständiger Kommandeur für Transporte zwischen dem Gefängnis von Schiberghan und der Festung Kalai Dschangi berichtete, er habe insgesamt 8000 Gefangene gezählt, wisse aber nur von 3015, die überlebt hätten. Den Tod der anderen schließe er nicht aus.

Zahlreiche usbekische Gefangene seien nach Verhandlungen mit lokalen Warlords aber auch an Usbekistan oder andere Heimatländer übergeben worden, räumte Filmemacher Doran auf Nachfrage ein. Für realistisch halte er nach seinen Forschungen aber die Zahl von zwei- bis dreitausend gezielt hingerichteten Personen.

Hinrichtung im Container?

So seien jeweils bis zu 200 Gefangene in luftdichte Container gepfercht worden und drohten darin in der Hitze zu ersticken. Daraufhin hätten Soldaten Löcher in die Container geschossen ohne Rücksicht darauf, dass dabei auch Personen im Innern getroffen wurden. Mehrere hundert vermeintliche Taliban-Kämpfer seien auch zu einem entlegenen Ort in die Wüste gefahren worden, wo sie "im Beisein von 30 bis 40 amerikanischen Soldaten" erschossen worden seien.

Von einem angeblichen Massengrab zeigt der Film aber nur Aufnahmen des Erdbodens mit einigen Kleidungsstücken und Knochen, ohne den Ort präziser zu beschreiben. Diese Szene habe auch nur ein Mitarbeiter von ihm heimlich gefilmt, die Stelle sei aber schwerlich zu beseitigen, sagte Doran. Alle von ihm interviewten Zeugen kommen nur ohne Namensnennung zu Wort, ihre Personalien seien aber bekannt, betonte der Dokumentarfilmer. Außerdem seien alle "jederzeit bereit, vor einer Untersuchungskommission oder vor Gericht auszusagen".

Doran und die anwesenden PDS-Politiker forderten als Konsequenz eine "unabhängige internationalen Untersuchung der Vorgänge, insbesondere durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz."

"Krieg ist Verrohung und bringt nur Terrorismus hervor", resümierte der ehemalige PDS-Chefdenker André Brie nach der Vorführung und warf den USA "schwerste Menschenrechtsverletzungen" vor. Dies belege aus seiner Sicht das Material. Ihm gehe es "nicht um Antiamerikanismus, sondern um die Durchsetzung einheitlicher menschenrechtlicher Maßstäbe", die in jedem Konflikt eingehalten und bei Verletzung geahndet werden müssten. Dazu bedürfe es um so mehr einer von Amerika "emanzipierten europäischen Außen- und Sicherheitspolitik".

Ursprünglich habe er als Parlamentarier selbst mit zu den Dreharbeiten nach Afghanistan reisen wollen, sagte Brie, habe aber mangels Zustimmung seiner Fraktion das Projekt nur "finanziell unterstützt".



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