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Afghanistan-Einsatz: "Da wird beschwichtigt und beschönigt"

Angst vor Debatte, dazu Schönfärberei: Weil Berlin bei der öffentlichen Darstellung des Afghanistan-Einsatzes versagt, sind die meisten Deutschen dagegen - sagt Kommunikations-Experte Martin Löffelholz. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE nennt er die gröbsten PR-Schnitzer.

SPIEGEL ONLINE: Abgeordnete der Regierungsfraktionen kritisieren die deutsche Kommunikationsstrategie bezüglich des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Sie sei zu schüchtern, sie sei gescheitert. Sehen Sie das ähnlich?

Löffelholz: Schüchternheit trifft nicht den Kern. Vielmehr folgt die Bundesregierung, speziell das Verteidigungsministerium, einem veralteten, tendenziell laienhaften und überhaupt nicht strategisch ausgerichteten Kommunikationskonzept: Beim gefährlichen Afghanistan-Einsatz wird beschwichtigt und beschönigt. Damit werden sie aber bei Bevölkerung und Bündnispartnern langfristig keine Unterstützung erhalten und aufbauen können.

Medienexperte Löffelholz: "Berlin hat einfach keine Strategie."

Medienexperte Löffelholz: "Berlin hat einfach keine Strategie."

SPIEGEL ONLINE: Welche konkreten Fehler erkennen Sie?

Löffelholz: Die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung orientiert sich weder an spezifischen politischen Zielen und verfügbaren Ressourcen noch geht es ihr um einen längeren Zeithorizont. Ein Beispiel: Es war falsch, die Journalisten-Mitflüge zu den Truppen nach Afghanistan zu streichen. Denn damit wird nun die Berichterstattung über die gefährlichen Lebensverhältnisse der afghanischen Bevölkerung erschwert.

SPIEGE ONLINE: Und somit kann in der deutschen Bevölkerung nur schwerlich das Verständnis für den Bundeswehr-Einsatz wachsen?

Löffelholz: Ja, genau. Wenn die Bundesregierung die Afghanen beim Aufbau demokratischer Strukturen und eines sicheren Alltagslebens unterstützen will, dann braucht sie nicht weniger, sondern im Gegenteil weit mehr Hintergrundberichterstattung aus und über Afghanistan. Berlin hat einfach keine Strategie - oder es fehlt der politische Wille. Eine strategisch ausgerichtete Öffentlichkeitsarbeit muss das Thema näher an den deutschen Alltag holen.

SPIEGEL ONLINE: So wie es der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) versuchte, als er davon sprach, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werde?

Löffelholz: Das reicht noch lange nicht. Ein einzelner Slogan wie der von Herrn Struck trifft die realen Verhältnisse doch gar nicht. Es muss klar werden, wie eng scheinbar ferne Ereignisse in Afghanistan, im Kosovo, vor der Küste Libanons oder anderswo mit unserem Leben in Deutschland verwoben sind, was sie konkret für die Menschen hier bei uns bedeuten. Ich gestehe allerdings zu, dass sich die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr seit der Teilnahme an der UN-Mission in Somalia 1993 durchaus verbessert hat.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Löffelholz: Als die deutschen Truppen Mitte Mai 1993 in Somalia eintrafen, war der damalige Kommandeur Generalmajor Georg Bernhardt noch überrascht, dass ihn auf dem Flugplatz von Belet Huen bereits ein gutes Dutzend deutsche Journalisten erwarteten. Seither hat die Bundeswehr ihre PR partiell verbessert, steckt auf jeden Fall mehr Ressourcen in die Kommunikationsarbeit. Und es gibt nun immerhin ein gewisses Bewusstsein für die Bedeutung von Medien und Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Kann die detailgetreue Information der Bevölkerung über Kriegseinsätze einer Regierung nicht auch Nachteile bringen?

Löffelholz: Kurzfristig kann das Verschweigen von Sachverhalten erfolgreich sein - in dem Sinne, dass politische Entscheidungen in der Bevölkerung dann ja nicht thematisiert oder gar kritisiert werden können. Langfristig allerdings ist eine allzu verkürzte Kommunikation der falsche Weg. Denn Menschen interessieren sich meist sowieso nur für das, was sie unmittelbar berührt. Gerade Außen- und Sicherheitspolitik rücken deshalb oft nur dann ins Rampenlicht einer größeren Öffentlichkeit, wenn's mal wieder irgendwo brennt. Dann ist es für glaubwürdige Überzeugungsarbeit aber schon zu spät, Sie können die Menschen nicht mehr mitnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Deutschlands Bündnispartner sprechen meist vom "Kriegseinsatz", in Berlin dagegen ist von "Einsätzen" die Rede. Ist diese Zurückhaltung in der Sprache sinnvoll?

Löffelholz: Nein, Beschönigungen helfen nicht. In weiten Teilen Afghanistans herrscht Krieg, an dem sich die Bundeswehr aufgrund ihres Mandats beteiligt. Das muss man auch so kommunizieren. Allerdings ist es gleichzeitig richtig, dass die Bundeswehr mit ihrem Einsatz - und hier ist der Begriff sehr treffend - wichtige Aufbauarbeit leistet oder diese ermöglicht. Ohne ein sicheres Umfeld, das die Bundeswehr zusammen mit den Bündnispartnern gewährleisten soll, können afghanische Kinder nicht zur Schule gehen, können keine Krankenhäuser betrieben werden, kann sich kein normales Alltagsleben entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Die Kanzlerin überlässt die Afghanistan-Mission kommunikativ primär den Fachministern. Müsste sich Angela Merkel nicht deutlicher äußern und stärker für den Einsatz werben?

Löffelholz: Damit lassen sich in Deutschland keine Wahlen gewinnen. Deshalb sollte die sicherheitspolitische Community weniger auf ein gewichtiges Wort der Kanzlerin warten, als sich eher um eine intensivere politische und öffentliche Debatte über die Auslandseinsätze der Bundeswehr und die gewandelte sicherheitspolitische Rolle Deutschlands bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Militäreinsatz können Sie eine prägnant misslungene Öffentlichkeitsarbeit feststellen?

Löffelholz: Sicherlich ganz vorn ist da die partiell auf Lügen aufgebaute Kommunikationsstrategie der Regierung Bush zur Rechtfertigung des Angriffs auf den Irak 2003. Die überzeugte zwar kurzfristig eine Mehrheit der US-Bürger von der Kriegsnotwendigkeit - und war insofern aus Sicht der Strategen des Pentagon ein Erfolg. Aber mittel- und langfristig hat diese auf Desinformation basierende Strategie nicht getragen. Zudem sehen die einen etwas als Erfolg an, was andere möglicherweise als Misserfolg betrachten. In Deutschland zum Beispiel verfing die Kommunikationsstrategie der US-Regierung von Anfang an überhaupt nicht, sondern erhöhte noch die Distanz zum geplanten Angriff auf den Irak.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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