Afghanistan-Einsatz Zahl deutscher Soldaten mit Trauma steigt dramatisch

Seelische Verwundungen deutscher Soldaten im Ausland nehmen rasant zu: Die Zahl der Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert von einem Auslandseinsatz zurückkommen, hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht. Am häufigsten erkranken Heimkehrer aus Afghanistan.


Berlin - Sie kehren nach Deutschland heim, doch die Bilder des Krieges, der Gefechte und Selbstmordanschläge lassen sie nicht los: deutsche Soldaten mit Kriegstraumatisierung. Ihre Zahl wächst rasant. Während im Jahr 2007 149 deutsche Soldaten aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in den Krankenhäusern der Bundeswehr behandelt wurden, stieg die Zahl der Fälle im vergangen Jahr auf 245 - eine sprunghafte Zunahme von rund 61 Prozent.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Zahl der Traumatisierten steigt rasant
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Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Zahl der Traumatisierten steigt rasant

2006 registrierte die Bundeswehr sogar lediglich 83 Erkrankte. Dies geht aus einer Auskunft des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Elke Hoff (FDP) hervor. Wegen der verschärften Sicherheitslage in Afghanistan werde die Zahl der traumatisierten Soldaten bei der Bundeswehr weiter steigen, warnte Hoff.

Traumatisierungen können durch Kriegserlebnisse und Gewalterfahrungen ausgelöst werden. Zu den typischen Symptomen gehören wiederkehrende Erinnerungen an das belastende Erlebnis, Depressionen, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angstzustände, Suchtprobleme und ein Rückzug von der Umgebung.

Am häufigsten erkranken Soldaten in Afghanistan. Unter ihnen stieg die Zahl der registrierten Traumapatienten von 55 im Jahr 2006 auf 226 in 2008. Insgesamt registrierte die Bundeswehr in den vergangenen drei Jahren 477 Soldaten, die an PTBS litten.

Dies entspricht nach Angaben des Verteidigungsministeriums 0,77 Prozent der insgesamt eingesetzten 62.000 Soldaten. Bei den Streitkräften der USA oder skandinavischer Länder beträgt dieser Wert vier bis fünf Prozent. Derzeit sind rund 7000 deutsche Soldaten im Ausland stationiert, davon 3500 in Afghanistan.

Soldaten wollen nicht als "Weichei" gelten

Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Betroffene versuchen, allein mit ihren Problemen fertigzuwerden. Ein Vertreter des Bundeswehrverbandes äußerte in der "Süddeutschen Zeitung" die Vermutung, dass die tatsächliche Zahl der Traumakranken noch höher liegen könnte. Statt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, versuchten viele Soldaten, allein mit ihrem Trauma zurecht zu kommen. Sie wollten vor den Kameraden nicht als "Weichei" gelten, sagte der Verbandsvorsitzende, Oberstleutnant Ulrich Kirsch.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE mahnte die Abgeordnete Elke Hoff vor diesem Hintergrund einen Ausbau der Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten für Bundeswehrsoldaten an: "Besonders wichtig erscheint mir die Einrichtung von anonymen Beratungsstellen."

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) beobachtet die wachsende Zahl schwer traumatisierter Afghanistan- Heimkehrer mit Sorge. "Ich nehme die Entwicklung sehr ernst", sagte er am Dienstag bei einem Besuch der in Leipzig. Jung appellierte an die betroffenen Soldaten, möglichst schnell einen Arzt aufzusuchen. Wichtig sei es, so früh wie möglich die Symptome zu erkennen. Dazu solle auch ein Kompetenz- und Forschungszentrum aufgebaut werden. Einzelheiten dazu gab Jung nicht bekannt; die Diskussion dazu laufe.

beb/ap/ddp/dpa/rtr



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