Afghanistan-Mission Merkel verleiht erste Tapferkeitsorden an Soldaten

Sie versuchten in Afghanistan, verwundeten Kameraden zu helfen: Vier Bundeswehr-Soldaten sind für ihren Mut ausgezeichnet worden, eine Premiere in der Geschichte der Bundesrepublik. Kanzlerin Merkel fordert mehr Anerkennung für die Arbeit der Truppe - doch die Orden sind umstritten.

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Berlin - Franz-Josef Jung sparte nicht mit großen Worten. Abweichend vom Redemanuskript sprach der Verteidigungsminister am Montagmittag im Berliner Kanzleramt von einem "historischen Tag" für die Bundeswehr und für Deutschland. Hinter ihm strahlte in Weiß der Bundesadler, vor ihm hatten die Kanzlerin Angela Merkel und eine Reihe von hochrangigen Militärs Platz genommen. Es war eine offizielle Feierstunde, inklusive Musikeinlage und staatstragender Worte.

Merkel bei der Ordensverleihung an Hauptfeldwebel Alexander Dietzen: "Deutschland stellt sich den größer gewordenen Anforderungen"
AP

Merkel bei der Ordensverleihung an Hauptfeldwebel Alexander Dietzen: "Deutschland stellt sich den größer gewordenen Anforderungen"

Anlass war eine Premiere: Erstmals zeichnete die Bundesrepublik vier Soldaten für ihren Mut bei einem Auslandseinsatz aus. Die vier Hauptfeldwebel hatten bei der Bergung von Kameraden in Afghanistan unter Lebensgefahr agiert und erhielten dafür das erst im November 2008 geschaffene Ehrenkreuz für Tapferkeit. Die Kanzlerin verlegte die Verleihung extra in ihren Amtssitz und überreichte die Orden gemeinsam mit Jung.

Die vier Soldaten waren am Mittag des 20. Oktober 2008 die ersten Deutschen, die nach einem Selbstmordanschlag auf einen leicht gepanzerten Laster vom Typ "Mungo" bei Kunduz ankamen, nachdem sich ein Selbstmordattentäter auf einem Fahrrad neben der Beifahrertür in die Luft gesprengt hatte. Während auf der Ladefläche zuvor gefundene Munition explodierte, versuchten sie, die Insassen des Fahrzeugs zu bergen und mehreren verletzten afghanischen Kindern zu helfen.

Für zwei Soldaten kam die Hilfe zu spät

Was die vier Soldaten gesehen haben, werden sie nie vergessen. "Das Auto stand lichterloh in Flammen, in der Luft lag der Geruch von verbranntem Fleisch", sagte der 28-jährige Henry Lukacz, "auf der Straße lagen tote Kinder". Obwohl die vier ihr Leben riskierten, konnten sie ihren Kameraden Patrick Behlke und Roman Schmid jedoch nicht mehr helfen. Die beiden jungen Soldaten waren schon durch die heftige Explosion im Fahrerhaus des "Mungos" getötet worden.

Gleichwohl nahmen Lucacz und die drei anderen Soldaten die Auszeichnung mit Stolz entgegen. Denn einen ihrer Kameraden konnten sie am 20. Oktober schwer verletzt aus der Gefahrenzone bringen, ebenso retteten sie durch ihr schnelles Handeln einem schwer verletzten afghanischen Kind das Leben. Lukacz sprach von einem "wichtigen Signal" für die Soldaten, die in Afghanistan stationiert sind. Er selber werde umgehend wieder an den Hindukusch gehen, wenn es ihm befohlen werde.

Die Soldaten hätten bei ihrem Einsatz in akuter Lebensgefahr alles getan, um ihren Kameraden und mehreren einheimischen Kindern zu helfen, sagte Angela Merkel bei der Feierstunde. Zugleich nutzte die Kanzlerin die Gelegenheit für einen Appell: Die Leistungen und Belastungen der Bundeswehr müssten in der Bevölkerung stärker gewürdigt werden. "Wir reden darüber in Deutschland immer noch zu wenig", betonte die Kanzlerin. Das Land müsse stolz sein auf die Leistung der Bundeswehr.

Um die Verleihung der Orden hatte es eine lange Diskussion über Sinn oder Unsinn solcher Medaillen gegeben: Kritiker fühlten sich allein durch die Anmutung des Ordens, die zumindest an das Eiserne Kreuz erinnert, abgestoßen. Verteidigungsminister Jung hingegen setzte sich unermüdlich für eine gesonderte Auszeichnung ein. Auch ranghohe Generäle der Bundeswehr unterstützten sein Ansinnen, um den Einsatz von Soldaten unter Lebensgefahr besser zu würdigen.

Sanfte Klassik statt Militärmarsch

Bislang gab es zwar Ehrenmedaillen und -kreuze, die in der Regel nach einer bestimmten Dienstzeit verliehen wurden. Mit der neuen Auszeichnung aber soll auch der Tatsache Rechnung getragen werden, dass immer mehr deutsche Soldaten in Kampfsituationen geraten und sich in diesen besonders tapfer schlagen. Schon jetzt prüft die Bundeswehr, ob mehrere Soldaten, die in den vergangenen Monaten in teils lange Feuergefechte verwickelt waren, ebenfalls geehrt werden sollen.

Bewusst hatte die Bundesregierung auch wegen der Diskussion auf großen militärischen Pomp verzichtet. Statt auf dem Hof des Verteidigungsministeriums traf man sich im kleinen Rahmen im Bundeskanzleramt vor der blauen Stellwand, die sonst als Kulisse für Pressekonferenzen mit ausländischen Gästen dient. Statt Militärmärschen erklang sanfte Klassik, es gab kein Ehrenspalier, und neben den Ordensträgern saßen deren Ehefrauen in bunten Sommerkleidern.

Die Verleihung erfolgte in einer Zeit, in der der Einsatz der Bundeswehr gerade in Afghanistan mehr als umstritten ist. Fast zwei Drittel der Bundesbürger befürwortet mittlerweile einen schnellen Abzug der Deutschen vom Hindukusch, und auch in der Politik gibt es immer mehr Stimmen, die das deutsche Engagement kritisch betrachten. Dass die Lage gerade rund um Kunduz immer gefährlicher wird, bewies sich noch wenige Stunden vor der Feier, als vier US-Soldaten durch eine Bombe ums Leben kamen.

Merkel dämpft Hoffnung auf schnellen Abzug

Die Kanzlerin ging auf die Diskussion um den Einsatz nicht direkt ein. Allerdings sagte sie, dass Deutschland seinen Verpflichtungen im Rahmen der Nato noch "viele Jahre" nachkommen werde. "Deutschland stellt sich den größer gewordenen Anforderungen", betonte Merkel. Damit gab sie all denjenigen - auch aus den eigenen Reihen - einen Dämpfer, die in den vergangenen Tagen zumindest einen ungefähren Zeitrahmen für einen Abzug gefordert hatten.

Die Ordensverleihung wird von Beobachtern als weiterer Schritt hin zu einem normalen Umgang mit den bewaffneten Missionen der Bundeswehr vor allem in Afghanistan gesehen. Mittlerweile spricht die Regierung offensiv von "gefallenen" Soldaten, Kampfeinsätze werden recht genau geschildert, und auch die Tatsache, dass bei Feuergefechten Gegner durch die Bundeswehr getötet werden, wird nicht wie zuvor sorgsam kaschiert.

Auch wenn Minister Jung den Begriff "Krieg" noch immer nicht in den Mund nehmen will, hat sich die offizielle Sicht auf die Afghanistan-Mission deutlich der Realität angenähert - endlich. Dass dies nötig war, wissen alle Beteiligten. Denn noch oft in diesem Jahr, und vermutlich verstärkt vor der Bundestagswahl, wird es vermutlich tragische Nachrichten über die Bundeswehr aus Afghanistan geben.

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