Afghanistan-Mission Washington staunt über Köhlers Rücktrittsgründe

Seine Afghanistan-Äußerungen wurden Horst Köhler zum Verhängnis. Doch in den USA stößt der Rücktritt auf Unverständnis. Denn was der Bundespräsident gesagt habe, sei in den Staaten nicht umstritten, wundern sich Deutschland-Experten in Washington.

Von , Washington


Washington staunt über die Gründe für Horst Köhlers Rückzug als Bundespräsident. "Für uns ist es verblüffend, einen Präsidenten wegen so einer Äußerung zurücktreten zu sehen", sagt SPIEGEL ONLINE Charles Kupchan, Professor an der Georgetown University und unter Präsident Bill Clinton im Nationalen Sicherheitsrat für Europa zuständig. "Dass militärische Einsätze auch strategischen Wirtschaftsinteressen dienen können, ist in den USA kaum umstritten."

Ähnlich sieht es William Drozdiak, Präsident des American Council on Germany in New York. "Eine solche Debatte ist vielleicht nur in Deutschland möglich, wo 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Sensibilität gegenüber militärischen Auslandseinsätzen weiter hoch ist. In den USA wäre jeder Präsident, der sich wie Köhler geäußert hätte, als ein vernünftiger Realpolitiker eingestuft worden, der Amerikas wirtschaftliche Sicherheitsinteressen verteidigen möchte."

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Horst Köhler: Einsamer Bürgerkönig
Jackson Janes, der Direktor des American Institute for Contemporary German Studies in Washington, äußert sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ähnlich: "In den USA werden strategische Interessen durchaus als Argument für militärische Aktionen vorgebracht - in Deutschland wird diese Verbindung noch als Tabu angesehen. Uns ist es im Gegensatz zu den Deutschen nicht peinlich, über Interessen zu reden." In diese Richtung zielt auch ein Artikel der "New York Times", die demonstrativ den britischen Labour-Abgeordneten Denis MacShane zitiert. "Köhlers Bemerkungen sind von der deutschen Presse in grotesker Weise und zynisch falsch gedeutet worden", sagt MacShane. Köhler habe nur ausgesprochen, dass militärisches Engagement der Deutschen auch Ausdruck nationaler Interessen sei. Das sei offensichtlich wahr.

Einig sind sich die Deutschland-Experten in Washington darüber, dass die Kontroverse für Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem schlechten Zeitpunkt kommt. "Der Rücktritt folgt auf den vielkritisierten Start der zweiten Merkel-Regierung, eine peinlichen Regionalwahlpleite im Mai, die Euro-Krise und den Abgang des prominenten konservativen Ministerpräsidenten Roland Koch", schreibt das US-Internetportal Huffington Post. "Präsident Köhler schockiert Deutschland", kommentiert das Nachrichtenmagazin "Time".

Charles Kupchan glaubt, dass die Verbindung mit dem Afghanistan-Einsatz Köhlers Äußerungen besonders verheerend werden ließ. "Der Einsatz am Hindukusch ist so unpopulär und jede Debatte darüber in Deutschland deshalb extrem schwierig." Außerdem sei schwer nachvollziehbar, dass ausgerechnet die Mission dort Deutschlands wirtschaftlichen Interessen diene, daher wirkten Köhlers Worte so deplatziert.

Der Amerikaner sieht aber größere Probleme für die deutsche Regierung. "Gerade in einer Zeit, in der die politische Führungskraft Deutschlands ohnehin angezweifelt wird, kommt es zu einer neuen Führungsdiskussion", sagt Kupchan. "Das wird in Washington aufmerksam registriert werden." Auch William Drozdiak hat Bedenken: "Aus meiner Sicht hat Köhler überreagiert. So wird es für seine Nachfolger schwerer, Deutschland zu einer normalen und pragmatischen Beziehung mit dem Rest der Welt zu führen."

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Seite 1
frubi 01.06.2010
1. .
Zitat von sysopSeine Afghanistan-Äußerungen wurden Horst Köhler zum Verhängnis. Doch in den USA stößt der Rücktritt auf Unverständnis. Denn was der Bundespräsident gesagt habe, sei in den Staaten nicht umstritten, wundern sich Deutschland-Experten in Washington. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,697987,00.html
In Amerika ist bei den Politikern keineswegs umstritten, dass eine Regierung für wirtschaftliche Interessen auch mal eine Millionen Iraki`s tötet. Who cares? Hauptsache das Öl sprudelt und das Geld lacht. Ist auch echt hinderlich, dass so viele Deutsche darauf keine Lust haben.
Mulharste, 01.06.2010
2. -
Zitat von sysopSeine Afghanistan-Äußerungen wurden Horst Köhler zum Verhängnis. Doch in den USA stößt der Rücktritt auf Unverständnis. Denn was der Bundespräsident gesagt habe, sei in den Staaten nicht umstritten, wundern sich Deutschland-Experten in Washington. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,697987,00.html
Da kann man mal sehen, wie die Amis über den Rest der Welt denken. Liebe Amerikaner, wir dürfen lt. unserer Verfassung keine Wirtschaftskriege führen. Das mag für euch unverstädlich sein, für uns ist es selbstverständlich.
Meckermann 01.06.2010
3. Wirtschaftskriege
Das ist eben der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika und da brauchen wir uns nicht für schämen. Im Gegenteil.
Pancho Villa, 01.06.2010
4. Falsch
Zitat von sysopSeine Afghanistan-Äußerungen wurden Horst Köhler zum Verhängnis. Doch in den USA stößt der Rücktritt auf Unverständnis. Denn was der Bundespräsident gesagt habe, sei in den Staaten nicht umstritten, wundern sich Deutschland-Experten in Washington. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,697987,00.html
Horst Köhler wurden keineswegs seine "Afghanistan-Äußerungen zum Verhängnis". Seine Aussagen waren schonmal gar nicht exklusiv auf Afghanistan bezogen. Und rücktrittswürdig in dem behaupteten Sinne ("verfassungswidrige Wirtschaftskriege") waren sie schon gleich nicht. Richtig ist, daß seine Aussagen nicht nur in den USA, sondern in den weitaus meisten Ländern als schlichte Selbstverständlichkeiten gelten würden. Richtig ist ferner, daß interessierte Polit- und Medienkartelle offensichtlich nur darauf gewartet haben, seine Äußerungen gezielt mißzuverstehen, d.h. bewußt fehlzuinterpretieren und auf dieser Grundlage eine obszöne Hexenjagd zu inszenieren. In Deutschland anno 2010 ist nicht von Belang, was einer sagt oder tut, sondern wie sich eine Moralwächter-Clique bar jeder Legitimation dabei fühlt. Wir haben es mit einer informellen (aber gut vernetzten) Inquisition zu tun, die zur Wahrung ihrer Besitzstände und Postitionen nach Belieben öffentliche Hinrichtungen "mißliebiger Personen" auf unterstem Niveau zelebriert.
GeorgAlexander 01.06.2010
5. Alle Vorurteile mal wieder rechts überholt:
"In den USA werden strategische Interessen durchaus als Argument für militärische Aktionen vorgebracht - in Deutschland wird diese Verbindung noch als Tabu angesehen. Uns ist es im Gegensatz zu den Deutschen nicht peinlich, über Interessen zu reden." Genau so ist es da drüben! Und was mir mehr Sorgen macht, ist das "noch" in dieser Äußerung. Wenn die Regeln des globalen Marktes nicht mehr für 'uns' arbeiten, dann... ja dann muss wohl einmarschiert werden. (China ist allerdings ein ganz schön großer Happen.)
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