Von Björn Hengst, Göttingen
Reihe 13, rechter Rand, dort sitzt an diesem Montag im Hörsaal 011 der Universität Göttingen der prominenteste Zuhörer von Gerhard Schröder. Zu weit weg, als dass der Altkanzler ihn beim flüchtigen Blick durch die Reihen mit insgesamt 889 Plätzen sehen könnte. Ganz anders etwa als bei Bert Rürup und Hans-Werner Sinn, die auf reservierten Sitzen in den vorderen Reihen Platz genommen haben. Schröder schüttelt den Ökonomen die Hände oder grüßt aus der Distanz, bevor er ans Pult geht.
"10 Jahre Agenda 2010", darüber soll Schröder bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik sprechen. "Da haben Sie mir ein schönes Thema aufgegeben", sagt der sonnengebräunte Altkanzler. Seine Haare schimmern ein bisschen grauer als noch vor Jahren, die Augenbrauen sind ein wenig buschiger geworden, aber erholt sieht er aus.
Schönes Thema, so würde der Mann in Reihe 13 das wohl nicht sagen. Denn für Oskar Lafontaine waren diese Reformgesetze der rot-grünen Regierung der Grund dafür, dass er 2005 den endgültigen Bruch mit der SPD besiegelte und nach fast 40 Jahren sein Parteibuch zurückgab. 1999 war er bereits überraschend von seinen Ämtern als Finanzminister und SPD-Chef zurückgetreten und hatte die Schröder-Regierung in eine tiefe Krise gestürzt. Lafontaine wurde zum größten Kritiker eben jenes Mannes, der jetzt hier im Hörsaal erklärt, warum er eine "im Wesentlichen positive Bilanz" der Agenda-Politik ziehen möchte.
In gehöriger Distanz zum einstigen Weggefährten
Es hat sich in Göttingen also eine eigenartige Situation ergeben. Seit Jahren gehen sich Schröder und Lafontaine konsequent aus dem Weg und vermeiden jeglichen Kontakt, aber hier treffen sie aufeinander, wenn auch indirekt: Lafontaine wurde vom Arbeitskreis Real World Economics gebeten, auf einer Parallelveranstaltung auf dem Göttinger Campus einen "Kontrapunkt" zu Schröder zu setzen und eine "kritische Bestandsaufnahme" der Agenda-Politik vorzunehmen.
Dass Lafontaine sich die Rede Schröders anhören würde, war zuvor im Umfeld des Chefs der saarländischen Linksfraktion als "eher unwahrscheinlich" bezeichnet worden. Übersetzt bedeutete das eigentlich: ganz sicher nicht.
Und trotzdem sitzt Lafontaine dann da, in ausreichender Distanz zu seinem einstigen Weggefährten, und hört, wie Schröder die umstrittenen Reformen der Agenda 2010 verteidigt. Deutschland sei inzwischen nicht mehr der "kranke Mann Europas", sondern "so etwas wie die gesunde Frau". Die wirtschaftliche Stärke des Landes habe auch mit den von ihm initiierten Arbeitsmarktreformen zu tun, so Schröder. Deutschland habe sich in den vergangenen zehn Jahren stärker modernisiert als jedes andere europäische Land.
Schröders Bilanz: Die Agenda 2010 könnte ein Vorbild für andere europäische Staaten sein, "auch dafür, dass sich Reformen lohnen können".
Lafontaine? Steht nicht auf Schröders Terminplan
Der Applaus im gut besuchten Hörsaal ist groß für Schröder. Überraschend ist das nicht: Die meisten Wirtschaftsverbände und führende Ökonomen haben die Agenda-Politik stets überwiegend positiv bewertet. Kritik kam dagegen vor allem von Sozial- und Wohlfahrtsverbänden und der Linken, an deren Spitze Lafontaine von 2007 bis 2010 stand.
Und natürlich hat Lafontaine auch in Göttingen keine schmeichelnden Worte für die Agenda. Die soziale Ungleichheit habe in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt der Linken-Politiker während seines Auftritts im Anschluss an die Schröder-Rede. Die Agenda sei für unzumutbare Leiharbeit sowie gesunkene Löhne und Renten verantwortlich. Die rot-grüne Reformpolitik sei vor allem von den Unternehmerverbänden entwickelt worden und habe "die sozialen Sicherungssysteme demoliert". "Der neoliberale Zeitgeist hat den Menschen ausgeblendet", sagte Lafontaine.
Schröder hört diese Worte Lafontaines nicht, er begegnet ihm auch nicht. Ein Besuch der Rede des Saarländers steht nicht auf seinem Terminkalender. Nach seinem Auftritt wird er von Sicherheitspersonal zu einem schwarzen Mercedes begleitet, der vor dem Hörsaalgebäude wartet. Carsten van Ryssen, Außenreporter der ZDF-Comedysendung "heute-show", versucht Schröder noch ein Statement zu Lafontaine abzutrotzen. Lafontaine? Strenger Blick des SPD-Politikers, dazu eine ablehnende Handbewegung, die Autotür schlägt zu. Abfahrt Schröder.
Er habe Schröders Ausführungen gelauscht, um zu sehen, ob dieser ein "neues Argument" für seine damalige Politik vortrage. "Aber da war nichts", sagt Lafontaine, die Rede sei so wohl schon "mehrfach gehalten worden". Typisches Lafontaine-Sticheln. Aber sein Besuch passt vielleicht auch ein wenig zu seinem jüngsten Vorstoß über eine mögliche Zusammenarbeit von SPD und der Linken. Zwar habe er "einige Befindlichkeiten gegenüber sozialdemokratischen Führungspersonen", Politik sei aber "kein Kindergarten". Wenn er mit der SPD etwa den Mindestlohn durchsetzen könnte, würde er solche Befindlichkeiten zurückstellen. Das galt sicher nicht Schröder, das wird allein daran deutlich, wie schwer sich Lafontaine damit tut, dessen Namen auszusprechen. Lieber sagt er: "Mein Vorredner", "der Kanzler, der nach Kohl kam" oder "der Mann, der die Agenda 2010 nicht erfand, sondern sich einflüstern ließ". Aber sein Besuch war vielleicht auch ein Signal an die SPD, nach dem Motto "Ich höre euch wenigstens zu." Auch einen Besuch Schröders bei seiner Rede hätte er interessant gefunden, sagt Lafontaine später. "Er hätte damit auch Humor bewiesen."
Gemeinsame Witze der beiden Männer sind nicht mehr zu erwarten.
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