Röslers Vietnam-Reise Enkel des Krieges

Schwieriger Termin für Philipp Rösler auf seiner Vietnam-Reise: Der FDP-Politiker besuchte ein Heim für behinderte Jugendliche, Spätopfer des von Amerikanern im Krieg eingesetzen Entlaubungsmittels Agent Orange. Und plötzlich wird der Minister persönlich.

dapd

Aus Hanoi berichtet


Hanoi - Der Ventilator klingt altersschwach. Philipp Rösler steht in einem Flur des Kinderheims im "Dorf der Freundschaft". In der Nähe wippt der 14-jährige Loa auf einer Bank vor und zurück. Immer wieder vor und zurück, starrt vor sich hin. Daneben sitzen zwei sechsjährige Jungen. Huong und Mang heißen sie. Die Jungen sind taubstumm. Am Rande der Gruppe steht Giap Huyen Linh. Sie ist 13 Jahre alt. Einer ihrer Füße ist kürzer als der andere. Sie lächelt die Deutschen schüchtern an, den Bundeswirtschaftsminister, die Bundestagsabgeordneten und die Journalisten. Alle sind genau so befangen wie das Mädchen.

Giap Huyen Linh und die drei Jungen teilen ein Schicksal: Sie sind die späten Opfer des Vietnam-Krieges, sie leiden an den Folgen von Agent Orange, dem massenhaft von den USA eingesetzten Entlaubungsmittel. Rösler hat darauf gedrängt, bei seinem ersten offiziellen Besuch in seinem Geburtsland das "Dorf der Freundschaft" in Van Canh zu besuchen.

Es liegt am Rande von Hanoi, wo die Stadt noch nicht Land ist. Hier, in der Ansammlung gelb gestrichener Häuser, leben 120 Kinder und 40 Veteranen des Krieges. Die Kinder bleiben meist zwei bis vier Jahre, die Kriegsveteranen in der Regel einen Monat, um Physiotherapie zu bekommen.

Agent Orange sollte der vietnamesischen Guerilla den Schutz des Dschungels nehmen. US-Flugzeuge versprühten das Gift erstmals 1965. Hunderttausende Zivilisten und Soldaten erkrankten daran, auch Zehntausende US-Soldaten wurden zu Opfern, weil sie in den verseuchten Gebieten abgesetzt wurden, um die kommunistischen Vietcong zu jagen und zu töten. Viele, die damals mit Agent Orange in Berührung kamen oder es über das Wasser und Nahrungsmittel aufnahmen, kämpfen bis heute mit gesundheitlichen Schäden.

Die andere Seite Vietnams

Noch immer kommen in Vietnam Kinder in Folge des Agent-Orange-Einsatzes mit zu kurzen Gliedern, entstellten Gesichtern oder geistigen Beeinträchtigungen zur Welt. Sie sind lebende Zeugnisse, was Menschen anderen Menschen antun können.

Huong und Mang, die beiden sechsjährigen Jungen, sind Agent-Orange-Opfer der dritten Generation, erzählt der Direktor des Dorfes dem Bundeswirtschaftsminister. Ihre Großeltern kamen mit dem Entlaubungsmittel in Berührung. Die Jungen sind nicht nur taubstumm, sondern auch geistig eingeschränkt. Rösler, der bei der Bundeswehr Medizin studierte, stellt einige sachliche Fragen, die Beklemmung ist ihm und allen anderen anzumerken. Dann besichtigt er die Toiletten, sieht die karge Ausstattung, geht zurück in das Kinderzimmer, in dem Huong und Mang und Loa schlafen. Drei Betten stehen da, darauf Reismatten. Von einer Fensterbank in der Ecke aus blickt ein zerrupftes bläuliches Plüschtier in den Raum. In einer anderen Ecke stehen Plastikbecher mit armseligen Zahnbürsten. Die beiden Jungen haben sich auf ein Bett geworfen, dann springen sie herab, wälzen sich auf dem Boden, geben spitze Laute von sich. Rösler steht im Raum und sagt zu den Jungen: "Wir sagen Tschüss."

Der Minister verlässt den Raum, draußen geht das Gespräch weiter, Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, regt an, den Kindern Plüschtiere und vietnamesische Märchenbücher zu schenken. Sie fragt das Mädchen, was sie am liebsten täte. "Auf eine normale Schule gehen", übersetzt der Dolmetscher. Aus dem Etat des Auswärtigen Amtes werden den Verantwortlichen des Dorfes 5000 Euro versprochen - neben den Geschenken, um die sich die deutsche Botschafterin kümmern will. Der Besuch zeigt Rösler die andere Seite Vietnams, fernab des Wirtschaftsbooms, den das Land trotz zuletzt gesunkener Wachstumsrate noch immer vorzuweisen hat.

Im "Dorf der Freundschaft" werden die Kinder auch ausgebildet, lernen Schneidern, Lesen und Schreiben an Computern oder das Sticken von Bildern. Zwei Kinder hätten es sogar bis auf die Hochschule geschafft, andere würden außerhalb der Einrichtung zu Friseuren und Mechanikern ausgebildet, erzählt eine frühere Mitarbeiterin, die nun bei der deutschen Botschaft arbeitet.

Rösler von der "Schlichtheit der Einrichtung" überrascht

Rösler geht durch die Anlage, im medizinischen Trakt werden Kinder an Medizinbällen therapiert. Das Heim zeigt sich an diesem Tag von seiner besten Seite, doch alle Bemühungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an Geld mangelt. Er sei von der "Schlichtheit der Einrichtung schon überrascht", kommentiert Rösler seine Eindrücke.

Eine 24-jährige verkrüppelte Frau namens Binh überreicht Rösler am Ende des Besuchs ein selbstgesticktes Bild. Sie ist schon zwölf Jahre in diesem Dorf und gehört damit zu denen, die am längsten hier leben. Danach trägt sich Rösler in das Gästebuch ein. "Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie allen kleinen und großen Patienten wünschen wir allzeit Glück, Gesundheit und Gottes Segen. Wir danken für die großartige Leistung für die Menschen, für den Frieden und die Freundschaft", schreibt er.

Draußen, vor der Tür, fragt ein Fernsehreporter Rösler nach seinen Gefühlen. Der Minister hat bis jetzt auf seiner Reise weitgehend vermieden, darüber zu reden - auch am Vorabend, bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in der Wirtschaftsuniversität in Hanoi, wo er von den jungen Studenten umlagert wurde. Seine Eltern in Deutschland hätten den Vietnam-Krieg damals am Fernseher miterlebt und sich zur Adoption entschieden. Der Besuch im "Dorf der Freundschaft" hat ihn berührt. "Man stellt sich", sagt er und spricht plötzlich über seine Adoptiveltern, "dann schon die Frage: Was, wenn sie sich nicht entschieden hätten?"



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
melilla 18.09.2012
1. Kann mir jemand erklaeren
ob es einem Staatsminister wirklich schaden wuerde - speziell mit dieser Herkunft - wenn er (wenn er sie denn dann hat/haette) mehr Emotionen und Betroffenheit zeigen wuerde?
philipkd 18.09.2012
2. Zu gut
Der Herr Rösler ist einfach zu gut für die Politik. Irgendwann muss er es doch auch mal merken und wieder in seinen Beruf zurück kehren. Mich freut, wenn Politiker noch "menscheln" und nicht die aalglatten Profis ohne Profil darstellen. Für den Erfolg in der Politik ist dies aber heutzutage eher hinderlich (gelinde auagedrückt)
deus-Lo-vult 18.09.2012
3. ...
Zitat von sysopdapdSchwieriger Termin für Philipp Rösler auf seiner Vietnamreise: Der FDP-Politiker besuchte ein Heim für behinderte Jugendliche, Spätopfer des von Amerikanern im Krieg eingesetzen Giftgases Agent Orange. Und plötzlich wird der Minister persönlich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856483,00.html
Also echt SPON, habt Ihr denn niemanden mehr, der ordentlich recherchieren kann? Agent Orange ist kein Giftgas, sondern ein Entlaubungsmittel. Zudem wurde es in flüssiger Form ausgebracht.
mr_uk 18.09.2012
4. Beruehrung
... in einem anderen Ihrer Artikel ist beschrieben, dass Herr Roessler sich beruehrt fuehlte, als er eine Mail zugeleitet bekam mit einem Foto einer der Nonnen, die sich um das kleine Baby Roessler einst kuemmerten. Warum besucht er sie dann nicht? - Die ersten Lebenswochen und -monate sind die wichtigsten im Leben, heisst es. Auch wenn der mittelalte Herr Roessler sich nicht mehr erinnern kann, es duerften dies wohl die wichtigsten Wochen und Monate in seinem Leben gewesen sein. .... Ich finde es daher etwas bloede und verlogen, was der mittelalte Herr Roessler so erzaehlt und was er so tut. Auf Parteitagen 'freut' er sich, dass seine Verwandschaft gekommen ist. Selber kuemmert er sich ueberhaupt nicht drum.
haoabitz 18.09.2012
5. Man kann durch Politik mehr erreichen
Unser Verein Chao-Vietnam e.V. versucht seit Jahren, Hilfe alle Arten, um Agent Orange Problematik sowie Opfer bekannter zu machen. So selten bekommen wir Interesse der Presse. Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen durch diese Pressemeldung im Zusammenhang des Besuchs von Herrn Rössler in Vietnam unserem Verein aktiv helfen werden. Wir habe eigene Seite im Internet. Helfen Sie uns, mehr Menschlichkeit zu bekommen.
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