Agenten schunkeln gegen Umzug: "Kölle, wir bleiben dir treu, Berlin kann waaaar-ten"

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Humor und Verfassungsschutz schließen sich aus: Mit einem äußerst bizarren Hilferuf protestieren Geheimdienstler gegen den geplanten Teilumzug von Köln nach Berlin - per Internetvideo erklären sie ihre Liebe zum rheinländischen Karneval. Ein klassisches Eigentor.

Hamburg - Als Verfassungsschutz-Chef Heinz Fromm vor rund vier Wochen bei der Verabschiedungsfeier eines Mitarbeiters in der Kölner Zentrale das Wort ergriff, rechneten die versammelten Kollegen noch nicht mit dem Ernst der Lage. Aber Fromm sprach nicht nur freundlich über den ausscheidenden Leiter der Abteilung 6 (Islamismus, islamistischer Terrorismus), sondern platzierte auch eine Mitteilung, die in dem Amt bis heute für Unverständnis und Protest sorgt: Bis spätestens 2009 soll die Abteilung 6 von Köln-Chorweiler nach Berlin umziehen. Zuvor waren entsprechende Pläne stets dementiert worden.

Verfassungsschützer-Protest gegen Umzug nach Berlin: "Chorweiler, wir bleiben dir treu"

Verfassungsschützer-Protest gegen Umzug nach Berlin: "Chorweiler, wir bleiben dir treu"

Nach dem Willen von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sollen die rund 250 Mitarbeiter der Abteilung dem Terrorabwehrzentrum angegliedert werden, das Anfang des Jahres in Berlin eingerichtet wurde. Einen Umzug in die Hauptstadt können sich aber viele Verfassungsschützer nicht im Geringsten vorstellen, die Botschaft Fromms soll in der Behörde zu tumultartigen Szenen geführt haben. "Das ganze Haus ist in Aufruhr", sagt Rainer Schwierczinski, Präsident des Verbands der Beschäftigten der obersten und oberen Bundesbehörden (VBOB) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Heftige Kritik übt der VBOB-Präsident an der Vermittlung der Umzugspläne und zielt damit direkt auf Schäuble: Auch die "berechtigten Interessen der Beschäftigten" müssten berücksichtigt werden, sagt Schwierczinski: "Es gibt erhebliche Defizite bei der Kommunikation."

In der Kölner Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) fürchten nach den Worten Schwierczinskis bereits etliche der 2500 Mitarbeiter, dass die geplante Verlagerung der Abteilung 6 nur der Auftakt für einen vollständigen Umzug sein könnte. Zwar will sich Schwierczinski nicht gegen politische Entscheidungen stellen, sein Verband kündigte aber an, im Rahmen seiner Möglichkeiten "Widerstand gegen diese geplanten Maßnahmen zu leisten".

Möglicherweise wollen einige umzugsunwillige Verfassungsschützer nicht allein auf die Unterstützung des Verbandes vertrauen, jedenfalls wurde vor wenigen Tagen eine Protestbotschaft der besonderen Art ins Internet gestellt. Bei "YouTube" findet sich ein knapp dreiminütiges Video, in dem Front gegen die Verlagerung in die Hauptstadt gemacht wird. "Freunde, die Regierung will uns zwingen, Arbeit in der Hauptstadt zu erbringen", heißt es da zur Melodie des Uralt-Schlagersongs "Ein Lied zieht hinaus in die Welt" von Jürgen Marcus. Nur hinaus in die Welt wollen die Macher des Videos nicht, sie geben sich bodenständig und heimatverbunden: "Chooooor-wei-ler, wir bleiben dir treu, Berlin kann waaaar-ten, wir wollen niemals dorthin", heißt es in dem Video, in dem Innenminister Schäuble regelmäßig im Bild zu sehen ist.

Die Macher haben zudem ihre zentrale Losung mehrfach ins Bild gerückt: "BfV bleibt in Köln" ist mal auf einem Fußballertrikot, mal auf einer Männerunterhose und dem Reichstag zu lesen, wo die Protestler kurzerhand die Inschrift "Dem Deutschen Volke" überzeichnet haben.

Zum "Mittelpunkt des Lebens" wird das Rheinland in dem Video erklärt - und auch mit einer zumindest für Anti-Terror-Ermittlungsarbeiten eher fachfremden Begründung wird nicht gespart: "Wir haben noch immer Freude und Spaß am Karneval" - passend dazu gibt es Bilder vom Funkemariechen und Narren mit roten Nasen.

Das Interesse an dem Film ist groß: Inzwischen wurde er mehr als 3000 Mal angeklickt. In der Kölner Behörde heißt es, man wisse nicht, "welche Kollegen das Video ins Netz gestellt haben", es handele sich um einen Protest "auf kölsche Art".

Mehr als fraglich ist allerdings, ob die Filmemacher mit dem Video das Innenministerium umstimmen können: Es sei schön, dass die Mitarbeiter beim Verfassungsschutz "mit dem Karnevalsvideo zu ihrem rheinischen Frohsinn zurückgefunden haben", erklärte Johann Hahlen, Staatssekretär im Innenministerium, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Trotz der "rheinischen fünften Jahreszeit" stehe aber fest, dass die "terroristische Bedrohungslage" eine Zusammenführung der Abteilung 6 in Berlin erforderlich mache. Man wolle "gemeinsam soziale Härten im Einzelfall vermeiden".

Allein sachliche Argumente gegen die Umzugspläne seien hilfreich, sagte Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzender der Unionsbundestagsfraktion, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bosbach hat mit seinem Parteifreund Schäuble in der Vergangenheit über entsprechende Bedenken gesprochen: So sei der Islamismus vor allem ein Problem in Westdeutschland, Köln somit ein geeigneter Standort, sagte Bosbach. Zudem befürchtet der CDU-Politiker, dass durch einen Umzug "viel Sachkompetenz auf der Strecke bleiben wird", weil einige Mitarbeiter nicht nach Berlin wechseln würden.

Das "YouTube"-Video hält Bosbach dagegen für "kontraproduktiv": "Mit der Liebe zum Kölner Karneval" lasse sich Schäuble nicht umstimmen. Das seien keine Argumente. Es ist ein Urteil eines unverdächtigen Experten: Bosbach ist Präsident des Karnevalsvereins "Große Gladbacher von 1927".

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