Aigner-Interview zu Geodaten-Diensten "Google kann sich keinen Fehler mehr erlauben"

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2. Teil: Aigner über Googles Informationsdefizite und ihr Image als Internetschreck


SPIEGEL ONLINE: Als Google in der vergangenen Woche sein Street-View-Projekt öffentlich an den Start schob, schien die Politik allerdings überrascht - Sie auch. Haben Sie den Moment verschlafen?

Aigner: Google hat die Bürger in den Sommerferien überrumpelt und sich damit keinen Gefallen getan. Was mich betrifft: Ich bin seit Monaten auf diesem Themenfeld aktiv, habe mich mehrfach mit den Managern von Google zu Spitzengesprächen getroffen. Das Unternehmen hat allerdings die Bundesregierung in der vergangenen Woche recht kurzfristig informiert. Und den Bürgern in den 20 Städten, für die Street View noch 2010 gestartet werden soll, lediglich eine Vorab-Widerspruchsfrist von vier Wochen eingeräumt. Ich meine, die muss jetzt verlängert werden, denn viele Bürgerinnen und Bürger sind noch im Sommerurlaub.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Vertrauen in Google?

Aigner: Ehrlich gesagt: Dass mein Ministerium erst durch beharrliches, mehrwöchiges Nachfragen bei Google das illegale Abfangen privater W-Lan-Daten ans Licht gebracht hat, war keine vertrauensbildende Maßnahme. Ich hatte seither mehrere Treffen mit Google und bin überzeugt: Dort wird man jetzt größten Wert darauf legen, sämtliche Zusagen zum Widerspruchsverfahren auch einzuhalten. Der Imageschaden für die Marke ist bereits enorm. Google kann sich keinen Fehler mehr erlauben. Zumal Deutschland nach den USA einer der wichtigsten Märkte für den Konzern ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Parteifreund, der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer, sowie eine FDP-Kollegin fordern, dass Google von manchen Bevölkerungsgruppen - etwa Rentnern - eine Einwilligungserklärung vor dem Fotografieren der Häuser einholen muss. Was halten Sie davon?

Aigner: Die Forderung ist verständlich, aber der Schuss kann nach hinten losgehen: Sollen wir Netzfirmen ernsthaft Adressdaten der Einwohnermeldeämter, sortiert nach Altersgruppen, auf dem silbernen Tablett servieren? Hier ist Google selbst in der Pflicht. Was ich erwarte, ist eine breite Information der Öffentlichkeit - sowohl über die bestehende Widerspruchslösung als auch über künftige Kamerafahrten. Weil Google das leider nicht ausreichend macht, übernehme ich das eben.

SPIEGEL ONLINE: Ärgert es Sie, dass Sie in den Weiten des WWW manchem als Internetschreck gelten?

Aigner: Ich darf daran erinnern, dass das eine Wortschöpfung von SPIEGEL ONLINE ist. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als technikfeindlich bin. Da kann ich nur milde lächeln ...

SPIEGEL ONLINE: ... weil Sie früher in der Hubschrauberentwicklung gearbeitet haben?

Aigner: Auch deshalb. Ich interessiere mich persönlich für das Internet und neue Technologien. Ich gestehe: Das Thema macht mir richtig Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Facebook offenbar nicht. Da sind Sie ausgetreten, die Internetcommunity lästerte über diesen "hilflosen Schritt".

Aigner: Einspruch! Ich habe eine breite Debatte angestoßen über Verantwortung und Spielregeln sozialer Netzwerke. Durch die internationale Diskussion war Facebook zumindest gezwungen, die Sicherheitseinstellungen zu verbessern - auch wenn das nur ein erster Schritt sein kann. Außerdem: Wenn ich als Verbraucherministerin weiterhin bei Facebook wäre, dann dokumentierte ich damit öffentlich dessen Unbedenklichkeit. Deshalb musste ich da raus. Andere soziale Netzwerke haben eine bessere Sicherheitsphilosophie und höhere Schutzstandards für ihre Mitglieder.

SPIEGEL ONLINE: Die Debatte um Google und Co. wird immer hysterischer? Ist das auch Ihr Eindruck?

Aigner: Dass Datenschutz in Deutschland vielleicht manchmal gründlicher und auch emotionaler diskutiert wird, hat sicher auch mit unserer Geschichte zu tun, mit der leidvollen Erfahrung aus zwei totalitären Regimen. Viele Menschen wollen nicht auf dem digitalen Präsentierteller landen - deren Bedenken müssen wir respektieren.

SPIEGEL ONLINE: Hat denn mit Ihrem Widerspruch alles geklappt?

Aigner: Ich habe für meine Privatwohnung schon vor Monaten schriftlich Einspruch eingelegt und werde natürlich nachschauen, ob er auch umgesetzt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal was gekauft im Internet?

Aigner: Klar! Aber auch dabei bin ich sehr sparsam mit meinen Daten. Wenn möglich, kaufe ich auf Rechnung und nicht per Kreditkarte. Aber natürlich nutze ich das Online-Banking.

SPIEGEL ONLINE: Ab sofort bietet eine Handelskette für knapp 300 Euro eine per Smartphone ferngesteuerte Flugdrohne an. Schon gekauft?

Aigner: (lacht) Nein, was soll ich denn damit? Das ist für mich nichts Neues, das konnte man im Fachhandel auch vorher schon bekommen. Das sind sogenannte Quadrocopter, die haben vier Rotoren.

Das Interview führten Sebastian Fischer, Florian Gathmann und Roland Nelles

insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
Kabe 19.08.2010
1. Frau Aigner kann sich keinen Fehler mehr erlauben...
Seit 3 Jahren fährt Google mit den Autos rum und telefoniert, seit Jahren kann man die Ergebnisses dieser Arbeit im Netz sehen, und die beschränkte Frau Minister kommt ganz am Ende der Aktion mit dem großen Sommerloch-Wirbel. Ihre großen Worte kaschieren nur die absolute Unfähigkeit, hier im Vorfeld, informiert und angemessen zu reagieren, mal ganz abgesehen davon, dass ich mich durch Vorratsdatenerfassung, SWIFT und neuem Personalausweis wesentlich stärker überwacht fühle als von der Ansicht meiner Hausfassade, die eh jeder sieht, der vorbeiläuft. Gehen Sie in Urlaub, Frau Minister. Am besten bleiben Sie gleich weg. Ich kann ihre Visage nicht mehr sehen, und ihr Gelaber nicht mehr hören.
mneisen 19.08.2010
2. Aktion Automatische Überschrift
Zitat von sysopSie googelt - natürlich. Auch Verbraucherschutzministerin Aigner nutzt Dienste des Internetgiganten. Durch die Ankündigung von Google, jetzt Street View einzuführen, fühlt sie sich und die Bürger überrumpelt.*Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kündigt die CSU-Frau neue Gesetze an und warnt vor weitreichender Vernetzung von Daten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,712514,00.html
Verstehe ich das richtig: Ausgerechnet die Politiker, die unsere privaten und öffentlich nicht einsehbaren Kontendaten per SWIFT-Abkommen in die USA transferieren, wo über deren Verwendung und jahrelange Speicherung keine Kontrolle ausgeübt werden kann, haben nun ein Problem damit, dass Google Fotos ins Web stellt, die Ansichten zeigen, die von öffentlichem Grund und Boden ohnehin für Jedermann zugänglich sind? Wie schräg muss man denn da denken, wenn einem das logisch erscheinen mag?
Floak 19.08.2010
3. ...
Schade an dem Interview ist nur, dass es die ganzen kritischen Fragen einfach auslässt. Z.B. "Warum denken Sie, Frau Aigner, dass eine Hausfassade oder ein Blick in den Garten stärker die Privatsphäre verletzt als ein Satellitenfoto mit dem Geschäftsleute ihre Zielgruppen identifizieren (Stichwort Poolreiniger) und Verbrecher ihre Zugangswege ausarbeiten können?" So muss ich das Interview leider als Blabla ohne Wirkung abtun, mit dem der Spiegel der in gewaltigstem Maße profilierungs- und rampenlichtsüchtigen Frau Aigner nur eine günstige Plattform zur Selbstdarstellung gegeben hat.
.link 19.08.2010
4. Warum...
...beschäftigt sich Frau Aigner nicht mal mit der staatlichen Daten-Sammelwut? Damit hätte sie doch genug zu tun. Irgendwie ist diese ganze Diskussion doch pure Scheinheiligkeit von Seiten der Politik. Wenn man sich überlegt, dass z.B. Ämter ihre Daten an Unternehmen verkaufen, dann ist diese ganze gespielte Aufregung nur noch lächerlich.
jthediver 19.08.2010
5. Jahrelang gepennt!
Zitat von KabeSeit 3 Jahren fährt Google mit den Autos rum und telefoniert, seit Jahren kann man die Ergebnisses dieser Arbeit im Netz sehen, und die beschränkte Frau Minister kommt ganz am Ende der Aktion mit dem großen Sommerloch-Wirbel. Ihre großen Worte kaschieren nur die absolute Unfähigkeit, hier im Vorfeld, informiert und angemessen zu reagieren, mal ganz abgesehen davon, dass ich mich durch Vorratsdatenerfassung, SWIFT und neuem Personalausweis wesentlich stärker überwacht fühle als von der Ansicht meiner Hausfassade, die eh jeder sieht, der vorbeiläuft. Gehen Sie in Urlaub, Frau Minister. Am besten bleiben Sie gleich weg. Ich kann ihre Visage nicht mehr sehen, und ihr Gelaber nicht mehr hören.
Spricht mir aus dem Herzen. Was soll dieser Salmon? Profilierungszwang? Jeder der seine sieben Zwetschgen beisammen hat weiss darüber bescheid das Google schon jahrelang rumfährt und/oder hat die Autos schon gesehen (so auch ich). Jetzt wo das ganze ins Netz gehen soll noch Geschrei machen? Bisschen sehr albern. Nochmal: Jahrelang gepennt!
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