Triebwerksprobleme beim A400M Bundeswehr plant für den Ernstfall

Die Zweifel am Pannenflieger A400M wachsen: Das Verteidigungsministerium räumte erstmals ein, dass man wegen neuer Mängel bereits nach alternativen Fliegern Ausschau hält.

Airbus A400M
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Das Verteidigungsministerium hat nach Informationen von SPIEGEL ONLINE erstmals bestätigt, dass man bereits nach Alternativen zum pannengeplagten Großflugzeug A400M für die Bundeswehr sucht.

Im vertraulich tagenden Verteidigungsausschuss berichtete Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder am Mittwoch, dass ihre Fachleute wegen der neuen Probleme an den Triebwerken des A400M das Szenario durchspielten, dass die Bundeswehr in den nächsten Jahren nicht genügend der Airbus-Flieger für die Modernisierung der Luftwaffe erhält.

Zwar sei ein Ausstieg aus dem A400M-Programm weder geplant noch im deutschen Alleingang möglich, so Suder nach Angaben von Teilnehmern. Gleichwohl müsse man über Alternativen für die Truppe nachdenken.

Mit dem ernüchternden Vortrag bestätigte die frühere McKinsey-Beraterin einen SPIEGEL-ONLINE-Bericht vom Montag, der bei Airbus und vielen Abgeordneten für Aufregung gesorgt hatte. Airbus sah sich sogar zu Dementis von Details genötigt, die gar nicht in dem Bericht genannt wurden.

Die Triebwerke des A400M bereiten den Airbus-Technikern derzeit Kopfzerbrechen. In den Motoren von bereits ausgelieferten Flugzeugen hatten sich kürzlich wegen der hohen Beanspruchung Späne aus Zahnrädern gelöst, ein Triebwerk fiel sogar aus.

Alle 20 Flugstunden müssen die Aggregate, hergestellt von einer italienischen Firma, deshalb aufwendig untersucht werden. Ein normaler Flugbetrieb ist damit schwierig.

Die Aussagen Suders illustrieren, unter welchem Druck die Bundeswehr wegen des Chaos beim A400M-Projekt mittlerweile steht. Der Riesenflieger sollte bis 2020 die mehr als altersschwachen Transall-Flieger der Bundeswehr ablösen.

Airbus verspricht zwar, die neuen Mängel an den Triebwerken seien "insgesamt lösbar". Da jedoch immer neue Probleme entdeckt werden und die Auslieferung schon heute um Jahre verzögert ist, zweifeln viele in der Bundeswehr-Führung an dieser Aussage.

"Ich lasse im Haus alle denkbaren Szenarien durchspielen"

Vielmehr fürchtet man in der militärischen Führung, dass die Bundeswehr nicht mehr einsatzbereit wäre, wenn die Transall-Flieger ausgemustert werden müssen. Die Truppe stünde dann ohne ein Transportflugzeug da.

Staatssekretärin Suder formulierte die Sorgen nüchtern - aber deutlich. "Ich lasse im Haus alle denkbaren Szenarien durchspielen", sagte sie nach Angaben von Teilnehmern. Natürlich müsse man sich auf eine Fähigkeitslücke vorbereiten, falls Airbus die Probleme nicht zeitnah lösen kann.

Ein solches Szenario B könnte sein, dass die Bundeswehr bei weiteren A400M-Lieferverzögerungen amerikanische Boeing-Transportflieger vom Typ C-17 einkauft. Solche Flieger bieten die USA gerade mehreren osteuropäischen Ländern an. Das Modell jedenfalls wurde nach Angaben von Teilnehmern im Ausschuss erwähnt.

Daneben prüften Suders Fachleute europäische Kooperationen und mögliche Unterstützungen durch Frankreich und Großbritannien.

Suder betonte zwar immer wieder, es handele sich nur um Planungen für einen Ernstfall. Trotzdem schwante den meisten Abgeordneten nach der Sitzung, dass auch im Ministerium nicht mehr viele an den A400M und die Versprechungen von Airbus glauben.

Bei Airbus, plane man eine "Anpassentwicklung des Getriebes"

Für den Juni nun hat der Ausschuss einen umfangreichen Bericht über die neuen Probleme angefordert. Aus der SPD mehren sich die Stimmen, schon bald über eine Alternative zu entscheiden, da der Truppe die Zeit ausgehe.

Airbus hingegen hat einen ambitionierten Krisenplan vorgelegt. Unter Abgeordneten streute der Rüstungsriese Anfang der Woche ein zweiseitiges Papier. Es ist eine Art Zeitplan, wie und wann man die Triebwerksprobleme lösen will.

Zunächst sei ein Austausch von einzelnen Komponenten geplant, danach müssten die Aggregate nicht mehr so oft gewartet werden. Langfristig, so Airbus, plane man eine "Anpassentwicklung des Getriebes", die das Problem komplett lösen soll. Selbst die Übergangslösung, also der Austausch von Einzelteilen, soll aber erst Ende 2016 vorliegen, so die Bundeswehr.

Das Papier sorgte am Mittwoch für noch mehr Chaos. War in der Originalversion noch von Planungen für ein langwieriges "Re-Design des Getriebes" die Rede, korrigierte Airbus sich hastig während der laufenden Sitzung, angeblich habe es einen Übersetzungsfehler gegeben.


Zusammengefasst: Die Problem rund um den Airbus A400M sorgen in der Bundeswehr für immer mehr Unruhe. Man fürchtet, die Truppe könne schon bald ganz ohne Transportflieger auskommen müssen. Damit das nicht eintritt, schaut sich die Bundeswehr nach Alternativen um. Airbus legte zwar einen ambitionierten Plan zur Verbesserung vor. Möglich wäre aber auch, dass sich die Deutschen bald beim Konkurrenten Boeing umschauen.

insgesamt 91 Beiträge
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Semmelbroesel 12.05.2016
1. Wer...
...trägt die Verantwortung für diesen Schlamassel? Das Beschaffungsamt der Bundeswehr? Was hier an Steuergeldern verbrannt wird, geht auf keine Kuhhaut.
mirdochwurscht 12.05.2016
2. Schande
Eine Frechheit wie hier mit Steuergeldern umgegangen wird. Und eine Schande für die europäische Flugzeugindustrie .
wind_stopper 12.05.2016
3. AirBerlin
Habe erst gestern noch gelesen, dass AirBerlin tief in der Klemme steckt. Die koennen ja dann ihre Flieger einfach Olivgruen anpinseln und an die BW vermieten - Zwei Fliegen mit einer Klappe. Mal ganz ehrlich - das ist einfach nur noch erschreckend, wie hier mir Steuergeldern rungeworfen wird, keiner die Verantwortung uebernimmt und sich das Dilemma ueber Jahre hinweg zieht.
auweia 12.05.2016
4. Interessant
ich halte die C-17 für ein sehr gutes Flugzeug. Nur: Die Produktionslinie wurde von Boeing inzwischen geschlossen. Da stellt sich die Frage was für Exemplare den osteuropäischen NATO-Staaten angeboten wurden und ob D möglicherweise Gebrauchtflugzeuge übernehmen sollte (wenn die überhaupt auf dem Markt sind). Vielleicht hilft ja gutes Zureden bei Boeing, die Produktion wieder aufzunehmen. Könnte aber teuer werden - die Zuliefere haben auch die ihre Fertigung gestoppt. Die Alternative: Zweistufiges Vorgehen. Zunächst Ersatz für die C-160 Transall. Da ist aus meiner Sicht die C-27 von Alenia das geeignete Modell. Eine Nummer kleiner als C-17 oder A400 M aber immer noch neuer und leistungsfähiger als die Trall, bewährt und aus Europa. Damit hätte man zumindest etwas für den Kurzstrecken-Lufttransport. Dann, für die Langstrecke entweder ein gesundgebeteter A400 M oder, wenn der nicht zur Verfügung steht, die Ukrainische AN-70. Der Nachteil: Zwei verschiedene Flugzeuge machen die Logistik aufwendiger. Der Vorteil von zwei verschiedenen Modellen: Flexibilität. Man muß nicht immer gleich den Actros-LKW rausholen, wenn's ein Sprinter-Lieferwagen auch tut.
aschu0959 12.05.2016
5. Ich lach mich wech
"Das Verteidigungsministerium räumte erstmals ein, dass man wegen neuer Mängel bereits nach alternativen Fliegern Ausschau hält." Von wegen "bereits" ! Wie viel Geld ist da "bereits" verbrannt worden?
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