Hamburg - Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erlebte "Carlos - der Schakal" seine Weltpremiere: Das Leben des Ilich Ramírez Sánchez ist auf Kinoleinwand verewigt. Es ist ein Denkmal für einen der meistgesuchten Terroristen der siebziger und achtziger Jahre, der zu lebenslanger Haft verurteilt in Frankreich im Gefängnis sitzt, damit prahlt für den Tod von 1500 Menschen verantwortlich zu sein - und von der DDR protegiert worden sein soll.
Das Magazin "Focus" hat Tausende Stasi-Unterlagen ausgewertet, die belegen sollen, dass "Carlos" mindestens 80 Menschen auf dem Gewissen hat. Er hatte demnach Ende der siebziger Jahre in Ost-Berlin sein Hauptquartier eingerichtet. Von dort aus soll er auch Terroranschläge geplant und umfangreiche Waffengeschäfte abgewickelt haben.
Zu den heimlichen DDR-Helfern gehörten den Dokumenten zufolge beispielsweise Hochschuldozenten, Krankenschwestern, Schauspieler, Gewerkschaftsfunktionäre, Lehrlinge und ein Arzt. Die Ostdeutschen beschafften laut "Focus" konspirative Wohnungen, sichere Telefonanschlüsse und erledigten viele Aufgaben wie Autoreparaturen. Sie sorgten demnach auch dafür, wenn Sánchez, dessen Lebensgefährtin Magdalena Kopp oder der westdeutsche Terrorist Johannes Weinrich mal zum Arzt mussten.
Der KGB profitierte von Sánchez' Aufenthalt in der DDR
Nach Stasi-Erkenntnissen gehörten mindestens zehn Ostdeutsche zum inneren Kern der "Carlos-Gruppe", wie der "Focus" berichtet. Zum Teil hätten sie als Mitwisser Kenntnis von den Plänen und Absichten der Terrorbande gehabt.
Die westlichen Sicherheitsbehörden waren damals auf der Jagd nach dem Top-Terroristen, der sich in der Hauptstadt der DDR sicher fühlte. Tagsüber spazierte dieser laut Focus mit einer Pistole an der Hüfte über den Alexanderplatz.
Der sowjetische Geheimdienst KGB soll von "Carlos'" Aufenthaltsort profitiert haben: Wenige Tage vor dem geplanten Bonn-Besuch von Moskaus Partei- und Staatschef Leonid Breschnew Ende November 1981 verlangten die Sowjets den Unterlagen zufolge vom MfS Amtshilfe: Die Stasi solle auf Sánchez "zwecks Verhinderung irgendwelcher Aktionen seinerseits während des Besuches von L. I. Breschnew in der BRD" einwirken. Obwohl nach Erkenntnissen selbst westlicher Geheimdienste ein Anschlag in der Bundesrepublik geplant war, verlief der Staatsbesuch ohne besondere Vorkommnisse.
Der SPIEGEL hatte bereits im Januar 1994 darüber berichtet, wie Helmut Voigt, früher Stasi-Oberstleutnant, vor Gericht stand. Voigt war seit 1980 in der MfS-Hauptabteilung XXII für die Beobachtung von "Linksterrorismus und internationalem Terrorismus" zuständig. Er soll in diesem Zusammenhang auch Mitglieder der Organisation Internationaler Revolutionäre um den gebürtigen Venezolaner "Carlos" unterstützt haben.
Die Gruppe um "Carlos" genoss in der DDR großzügiges Gastrecht
Die Stasi war laut SPIEGEL grundsätzlich über Terrorakte in Berlin gut informiert. So haben etwa Inoffizielle Mitarbeiter bei dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" im April 1986 (drei Tote, mehr als 200 Verletzte) das MfS über die Vorbereitungen auf dem Laufenden gehalten.
Wie Voigt in diese Terrorszene verstrickt war, zeigten geheime Papiere aus den Stasi-Kellern, berichtete der SPIEGEL damals. Die Gruppe um "Carlos" genoss demnach, ebenso wie andere arabische Bombenwerfer, in der DDR großzügiges Gastrecht. Andererseits wurden sie mit allen geheimdienstlichen Mitteln ausgespäht.
Mit dieser Doppelstrategie, so das Kalkül der SED-Regierung damals, sollte der verhasste Westen destabilisiert und die DDR von internationalen Terroranschlägen freigehalten werden.
Bis 1980 konnten der häufige DDR-Gast "Carlos" und dessen rechte Hand, Johannes Weinrich (Deckname: "Heinrich Schneider"), ungestraft ganze Waffenarsenale in die DDR einschmuggeln.
Auch im Mai 1982 kam Weinrich, eingereist mit syrischem Diplomatenpass auf den Namen Joseph Leon, mit großem Gepäck: 24,38 Kilogramm Plastiksprengstoff Nitropenta, der "im Wesentlichen für militärische Zwecke als Sabotagesprengstoff" (Stasi-Vermerk) taugte.
Nach Anschlägen registrierte die Stasi akribisch den Vorgang
Nach den Ermittlungen ließ Voigt den Sprengstoff zwar beschlagnahmen, gab ihn aber nach Drängen Weinrichs am 16. August des Folgejahres an die "Carlos"-Truppe zurück.
Laut Stasi-Akten deponierte Weinrich das explosive Zeug dann bei Chritah, damals III. Sekretär der syrischen Botschaft in Ost-Berlin. Ihn hatte das MfS bereits 1980 als Geheimdienst- und Kontaktmann zur "Carlos"-Bande erkannt. Chritah soll auch den späteren Bombenleger, den Libanesen Mustafa Ahmed al-Sibai, am Tatmorgen mit seinem Daimler zum Tatort gefahren haben. Das bestritt Chritah zwar. In anderen Punkten aber packte er aus.
So seien die syrischen Botschafter in Ost-Berlin seit Anfang der achtziger Jahre über Waffendepots von "Carlos" stets mitinformiert gewesen. Das Außenministerium in Damaskus habe angeordnet, dem Terroristen aus Venezuela "jede mögliche Hilfe" zu gewähren. Über die Lagerung der 24 Kilo Sprengstoff für den Anschlag auf das Maison de France soll der damalige syrische Botschafter Feisal Sammak laut Chritah genau im Bilde gewesen sein.
Nach der Explosion registrierte die Stasi akribisch, dass die Rückkehr der Täter 23 Minuten dauerte. Dann ließen die Terrorhelfer im MfS alle Beteiligten außer Landes fliegen. Noch vom Fluchtort Belgrad aus erstattete Weinrich Rapport an "Carlos": Die "Operation Berlin" habe "eine größere Wirkung" gehabt "als von mir erwartet".
Fast vier Monate vor der Tat hatte Voigt in Berlin Weinrichs Hotelzimmer filzen lassen. Die Ergebnisse belegten, dass zwei Wochen lang das Maison de France als "Zielobjekt für einen terroristischen Anschlag" ausgewählt worden war. Selbst der "Personenverkehr" zur geplanten Tatzeit war, "einschließlich Putzfrauen", in den Stasi-Akten genau festgehalten.
Die Stasi hinderte die "Carlos"-Truppe dennoch nicht, ihrem blutigen Handwerk nachzugehen. Und Weinrich hatte sich zusätzlich offenbar sogar auf Auftragstaten der DDR eingestellt. "Wo bleiben die Aktionen, die ihr vorhabt, uns vorzuschlagen", notierte er sich für ein Treffen mit der Stasi, "oder seid ihr biblisch geworden?"
jjc
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