CSU-Mann Dobrindt Nicht zu fassen

Alle paar Jahre erfindet sich Alexander Dobrindt neu: Als CSU-Generalsekretär war er der politische Haudrauf der Republik, dann ein stiller Verkehrsminister - nun dreht er als Landesgruppenchef wieder auf. Warum eigentlich?

CLEMENS BILAN/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von


Die Büste von Franz Josef Strauß - intern FJS - genannt - ist an ihrem Platz geblieben im Raum "Oberbayern" der bayerischen Landesvertretung in Berlin.

Vieles hat Alexander Dobrindt in seiner politischen Karriere umgeworfen, anders gemacht, in Frage gestellt. Er war mal dick, wurde dünn, der laute Generalsekretärs-Dobrindt drehte den Regler als Verkehrsminister auf leise, aus seiner gestrigen CSU machte er eine moderne Hochglanzpartei, brachte sie früh auf Twitter und Facebook. Und bei seinem ersten Auftritt als neuer Landesgruppen-Chef begrüßte Dobrindt die Hauptstadtjournalisten wie immer in der Landesvertretung - aber in neuer Sitzordnung.

Nur Strauß ließ er stehen.

An FJS würde sich selbst Dobrindt nicht vergreifen. Die Geschichte, wie der frischgebackene Ministerpräsident Günther Beckstein 2008 die Strauß-Büste aus seinem Arbeitszimmer in der Staatskanzlei entfernen ließ, kennt jeder in der CSU: Beckstein blieb dann nicht lange im Amt. FJS, so skandalumwittert er auch gewesen ist, bleibt der Parteiheilige. Erst recht für einen wie Dobrindt, der seit 2002 den früheren Strauß-Wahlkreis nördlich der Zugspitze im Bundestag vertritt.

Aber was ist ihm sonst heilig? Das fragen sich selbst Parteifreunde, die den Mann aus dem oberbayerischen Peißenberg länger kennen.

Dobrindt, 47, hat in den vergangenen Jahren so viele Haken geschlagen, dass man leicht die Orientierung verlieren kann. Er hat so viele Gesichter gezeigt, seitdem ihn CSU-Chef Horst Seehofer im Februar 2009 überraschend zum Generalsekretär ernannte, dass mancher ihn kaum wiedererkennt. So wie der fränkische Kabarettist Frank-Markus Barwasser, der als TV-Figur Erwin Pelzig seinem Gast Dobrindt im Sommer 2011 konsterniert entgegenhielt: "Sie sind so erschreckend friedlich heute."

Da hatte der Diplomsoziologe Dobrindt bereits einen Ruf als härtester politischer Haudrauf der Republik. Eine Auswahl seiner Sprüche:

  • Den Koalitionspartner FDP nannte er im Juni 2010 eine "Gurkentruppe", wenige Monate zuvor hatte Dobrindt über den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki gesagt, diesem sei wohl die "Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen".
  • Hannelore Kraft, die damalige Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, bezeichnete er im Sommer 2010 als "das faulste Ei in der deutschen Politik".
  • Die Grünen nannte Dobrindt im Dezember 2010 eine "Protestsekte".
  • Sigmar Gabriel, seinerzeit SPD-Chef, titulierte er im Februar 2010 als "übergewichtig und unterbegabt".

Man sollte sich nicht täuschen lassen. Hinter platten Sprüchen verbirgt sich bei Dobrindt oft klarsichtige Analyse, etwa zum Zustand der eigenen Partei. Deshalb sah der neue Generalsekretär seine Aufgabe darin, die CSU zu entschlacken - und sich selbst gleich mit. 20 Kilo runter in acht Monaten, seitdem trägt Dobrindt schmal geschnittene Anzüge und eine schwarze Nerd-Brille, die CSU musste plötzlich Lounge-Partys feiern. In der Parteizentrale gibt es nun einen "War Room", in dem die Aktivitäten der politischen Konkurrenz beobachtet und ausgewertet werden. Weil die CSU bei den Landtags- und Bundestagswahlen 2013 so gut abschnitt, galt der damalige Generalsekretär fortan als begnadeter Stratege.

Wenn man Dobrindt heute gegenübersitzt, trinkt er auch mal wieder normale Cola. Aber wie es seine Partei schaffen kann, durchzudringen, das treibt ihn weiter um. Im Zeitalter von Social Media ist es bloß schwieriger geworden.

Sein Motto: je lauter, desto besser

Der Landesgruppenchef Dobrindt knüpft dabei - nachdem er vier Jahre lang im Verkehrsministerium verschwunden war, um vor allem das Seehofer-Wahlversprechen einer Pkw-Maut umzusetzen und es sich in der Dieselaffäre nicht mit den Autokonzernen zu verscherzen - an seine Generalsekretärs-Zeit an. Je lauter, desto besser. Zu Beginn des Jahres schrieb er in der "Welt" ein Plädoyer für eine bürgerlich konservative Revolution. Die empörten Reaktionen, teilweise auch aus der Schwesterpartei CDU, bedeuteten für ihn: mission accomplished. Was das nicht bedeutet: dass Dobrindt selbst ein echter Konservativer ist.

Landesgruppenchef - wie einst Strauß - war immer Dobrindts Traumjob. Keine Kabinettsdisziplin, keine thematischen Grenzen, keine Rücksicht auf niemanden.

Wenn er in den Plenarwochen des Bundestags zum weiß-blauen Stammtisch in der Landesvertretung lädt, hat Dobrindt immer zugespitzte Botschaften vorbereitet. Andere gelingen ihm spontan.

Dobrindt auf Wahlkreistour an der Zugspitze im Juli 2012
DPA

Dobrindt auf Wahlkreistour an der Zugspitze im Juli 2012

Er distanzierte sich von Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel, als sie den zwischenzeitigen Ausschluss von Ausländern bei der Essener Tafel kritisierte genau wie in der Islam-Debatte. Sein christdemokratischer Kumpel Jens Spahn wiederum kann sich auf seine Unterstützung verlassen, wenn Spahn als Gesundheitsminister mal wieder mit Provokationen aneckt. Gegen die Grünen giftet Dobrindt traditionell und tat dies auch während der Jamaika-Sondierungen, weil er die Partei als bürgerliche Konkurrenz für die CSU ausgemacht hat.

Dobrindt spricht oft langsam, geradezu bedächtig. So legt er sich mit seiner tiefen Stimme den einen oder anderen Satz zurecht, der später die Nachrichten dominiert. Die "Welt" schrieb einmal, der CSU-Politiker habe sich "zum Bösewicht erzogen". Dass Dobrindt vor Kameras die Arme wie einen Schutzpanzer verschränkt, verstärkt den Eindruck, als spiele jemand nur eine Rolle.

Der wahre Dobrindt ist gut versteckt

Der echte Alexander Dobrindt? Ist verheiratet und hat einen sechsjährigen Sohn. War dreimal Schützenkönig in Peißenberg und hat vor seinem Einzug in den Bundestag als Geschäftsführer eines mittelständischen Druckbehälter-Herstellers gearbeitet. Der Rest ist gut versteckt.

Erkennbar dagegen ist, für einen Spitzenmann der CSU wenig überraschend, der absolute Wille zur Macht. Dobrindt kann sich auf den sogenannten Zugspitzkreis stützen, den er im Januar 2007 mit einer Solidaritätsaktion jüngerer CSU-Bundestagsabgeordneter für den damals taumelnden Parteichef und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber gründete. Wer seinerzeit auf Deutschlands höchstem Gipfel dabei war, trifft sich in unregelmäßigen Abständen. Man hilft sich, man kandidiert nicht gegeneinander. Zu dem Kreis gehören auch Verkehrsminister Andreas Scheuer, Digital-Staatsministerin Dorothée Bär, Innen-Staatssekretär Stephan Mayer und Landesgruppenmanager Stefan Müller.

Dobrindt mit seiner damaligen Vize-Generalsekretärin Bär beim fränkischen Fasching 2012
REUTERS

Dobrindt mit seiner damaligen Vize-Generalsekretärin Bär beim fränkischen Fasching 2012

Allesamt haben sie in Berlin Karriere gemacht. Die Frage ist nur, inwieweit sie für Dobrindts weiteren Aufstieg hilfreich sein können.

Dass er seinem Förderer Seehofer irgendwann als CSU-Chef nachfolgen will, ist kein Geheimnis. Dafür allerdings braucht man Mehrheiten in der Partei. Und für die ist die Bundespolitik weit weg. Dazu kommt: Sollte Söder die CSU zu einem guten Ergebnis bei der Landtagswahl im Herbst führen und vielleicht sogar die absolute Mehrheit verteidigen, wird der Ministerpräsident auch das Zugriffsrecht auf den Parteivorsitz haben. Momentan spricht also vieles für Söder und einiges gegen Dobrindt.

Aber wer weiß. Beim Antritt Dobrindts 2013 als Verkehrsminister sagte der Noch-Parteichef: "Ein Alexander Dobrindt scheitert nicht".

Wie immer bei Seehofer war das nur halb-ironisch gemeint.

insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
specialsymbol 05.05.2018
1. Warum? Weil er nichts kann
Dobrindt muß sich ständig "neu" erfinden weil er von seinem ständigen Versagen getrieben ist. Das ist die einfache Antwort. Als Verkehrsminister war er komplett unfähig, deswegen hat er die Füße still gehalten. Jetzt als Landesgruppenchef ist wieder seine einzige Chance auf den Putz zu hauen, entsprechend dreht er auf - den Job kann man schließlich nicht vergeigen. Egal was er macht, es hat keine Auswirkung (außer dass er Gefallen erweist bzw. Gefälligkeiten einsammelt). Also wird wieder randaliert.
Gerdd 05.05.2018
2. Wie seinerzeit bei Pofalla:
Wenn Dobrindt alleine im Wald steht und niemand ist in Hörweite, ist das, was er redet, dann immer noch Unsinn? Ich kann es nicht beweisen, aber das wäre ganz sicher das, worauf man wetten sollte.
Klaugschieter 05.05.2018
3. Weil er die Medien braucht
SPON: >> nun dreht er als Landesgruppenchef wieder auf. Warum eigentlich?
BlogBlab 05.05.2018
4. Schriller Verkehrsminister
Ich würde Dobrindt nicht als "stillen" Verkehrsminister bezeichnen sondern als "schrillen". Er tönte jahrelang sehr schrill mit seiner "Ausländermaut" auf deutschen Autobahnen, als dann aber die EU von Diskriminierung sprach, erklärte Dobrindt plötzlich, sie sei ja gar nicht gegen Ausländer gerichtet.
dirk.resuehr 05.05.2018
5. Der CSU-Stammtisch
als Person mag er ja sein. Die Intelligenz reicht zu erkennen, wie man Meinungen und Stimmungen manipuliert. Einen wahrhaft gebildeten und intelligenten Menschen würde grad das abschrecken. Die genannten Karrieristen gehören nicht gerade zur Creme der deutschen Politik, sie geben in der Realität eher einen lächerlichen, kenntnis- und moralfreien Haufen ab. Man kann den Eindruck gewinnen, daß Bayern nie über den Prinzregenten und Ludwig Thoma hinausgekommen ist. Wobei letzterer noch einen klarsichtigen Humor bewies und die seltsamen Winkel bayerische Seele ausleuchtete.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.