S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Miss-Wahlen für Hässliche

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Wir haben Gesetze gegen die Diskriminierung wegen Alter, Geschlecht oder Religion. Aber wer schützt uns vor der Abwertung von Menschen aufgrund ihres Aussehens? Eine Bewegung aus den USA nimmt sich endlich der Unattraktiven an.

Wissen Sie, was "Lookism" ist? Ich bislang auch nicht, aber ich habe das nachgeholt. Man sollte als Journalist, was die moderne Theoriebildung angeht, nie den Anschluss verlieren. Das gilt erst recht bei einem so wichtigen Thema wie dem Kampf gegen den alltäglichen Sexismus und Rassismus.

"Lookism" kommt aus den USA und bedeutet so viel wie die Bewertung von Menschen aufgrund ihres Aussehens. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es darum, dass wir nicht länger zwischen schön und hässlich unterscheiden. Weil jedes Urteil über das Erscheinungsbild anderer eine Hierarchisierung bedeutet, folgt aus dem kritischen Blick zwangsläufig eine Abwertung und damit Diskriminierung. Diskriminierung ist aber genau das, was wir heutzutage vermeiden wollen.

Mir hat das sofort eingeleuchtet. Wer kennt das nicht: Man steht auf einer Party und unterhält sich angeregt, bis plötzlich eine schöne Frau den Raum betritt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht? Blöde Situation.

Gutaussehende Leute haben auch andere Vorteile. Man weiß aus amerikanischen Studien, dass sie schneller Karriere machen und mehr Geld verdienen. Angeblich summiert sich der Mehrverdienst bei attraktiven Menschen gegenüber ihren weniger attraktiven Kollegen im Laufe des Berufslebens im Schnitt auf 230.000 Dollar. Sogar bei Straftätern zahlt sich Schönheit aus: Hübschere Menschen bekommen höhere Strafnachlässe.

Die Frage ist, was man gegen diese Ungleichbehandlung tun kann. Am einfachsten wäre, es gäbe keine Schönheitsnormen mehr. Egal, ob dick oder dünn, groß oder klein: Alles würden wir als gleichermaßen attraktiv respektive unattraktiv empfinden. Aber so funktioniert die Welt nicht, jedenfalls nicht von alleine. Weil wir überall mit Bildern konfrontiert sind, die den gesellschaftlich akzeptierten Schönheitsidealen entsprechen, ist es schwer, sich von Vorurteilen zu befreien.

Nagellack und Rock für Männer

Die familienpolitische Sprecherin der Grünen in Berlin hat jetzt vorgeschlagen, bei Schönheitswettbewerben auch weniger schönen Menschen die Teilnahme zu ermöglichen. "Bei Miss-Wahlen werden grundsätzlich Menschen unserer Gesellschaft ausgeschlossen", erläuterte Marianne Burkert-Eulitz gegenüber dem Volksblatt "B.Z." ihre Idee: "Jugendliche, die nicht groß und schlank sind, werden ausgegrenzt." Das sei aber nicht mehr zeitgemäß. "Wir leben in einer vielfältigen und heterogenen Gesellschaft, die ein anderes Menschenbild lebt."

Mir scheint das Konzept noch nicht wirklich durchdacht. Diskriminierung hört ja noch nicht dadurch auf, dass man neben leicht bekleidete Frauen mit Idealfigur ein paar Kandidaten stellt, die nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen entsprechen. Umgekehrt macht es allerdings auch wenig Sinn, Schönheitswettbewerbe ausschließlich für Hässliche anzubieten. Dann bekämen zwar endlich auch Leute mit schlechter Haut oder Gewichtsproblemen einen Preis, aber wenn man nicht aufpasst, heißt es noch, man wolle aus dem Leid der armen Menschen Profit schlagen. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist eine Quote für Hässliche. Oder ein generelles Verbot solcher Veranstaltungen.

Weil man mit der Promotion von Hässlichkeit als Leitbild bislang nicht weiterkommt, konzentriert sich die "Lookism"-Bewegung im Augenblick darauf, überall dort zu demonstrieren, wo Schönheitsideale propagiert und damit zementiert werden. Letzten Monat standen die Demonstranten vor dem Barbie-Haus in Berlin, vergangene Woche war Heidi Klum mit "Germany's next Topmodel" dran.

So sehr ich mit dem Anliegen der Protestler sympathisiere: Man kann nur hoffen, dass Heidi Klum jetzt nicht ihrerseits wegen Diskriminierung klagt. Sie ist gerade 40 geworden. Auch wenn sie das weglächelt, wissen wir, dass dies in der Unterhaltungsindustrie ein kritisches Alter ist. "Ageism" heißt die Bewegung, die sich gegen die Abwertung aufgrund des Alters wendet. Wenn man ihre Moderationskünste bedenkt, kommt bei Heidi Klum eventuell auch "Ableism" in Frage, also die Beurteilung von Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten.

Man muss bei sich selber anfangen, so viel habe ich inzwischen gelernt. "Radicalize yourself", heißt es auf der Website der deutschen Sektion der Anti-"Lookism"-Bewegung, bei der ich Rat gesucht habe. Es beginnt bei der Kleidung. In der Suche nach dem "richtigen Stil" manifestieren sich bereits die perfiden Schönheitsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft. Andererseits können durch Kleidung "auch bewusst politische Aussagen transportiert werden", wie ich gelernt habe. Die Aktivisten empfehlen Männern zum Beispiel mehr Nagellack und Rock: "Durch solche Normbrüche kann nicht nur die geschlechtliche Ordnung aufgebrochen werden, sondern mensch kann auch dem gesellschaftlichen Konsens von 'schön' und 'hässlich' etwas entgegensetzen."

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich für einen Rock schon weit genug bin. Aber ich könnte ja mal mit einem Strumpfband beginnen.

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insgesamt 151 Beiträge
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1. Fragen über Fragen
GGArtikel5 06.06.2013
War das nicht eher eine Kolume für die "Brigitte", oder wollte Herr Fleischhauer sich dem neuen Wischi-Waschi-Bildchen-Layout des SPON anpassen?
2.
mm71 06.06.2013
Zitat von sysopWir haben Gesetze gegen die Diskriminierung wegen Alter, Geschlecht oder Religion. Aber wer schützt uns vor der Abwertung von Menschen aufgrund ihres Aussehens? Eine Bewegung aus den USA nimmt sich endlich der Unattraktiven an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/alltagsdiskriminierung-miss-wahlen-fuer-haessliche-a-904095.html
Interessanter Ansatz, hoffentlich kommt bei den Untersuchungen nicht raus, dass in Regierung, Vorständen und Aufischtsräten eher nicht so attraktive Menschen sitzen - dann würde der Schuss ziemlich nach hinten losgehen...
3. Herrlich gut gelacht hab ich
thomas.b 06.06.2013
"Bei Miss-Wahlen werden grundsätzlich Menschen unserer Gesellschaft ausgeschlossen" Ja, wundersamerweise werden auch bei Leichtathletikmeisterschaften Menschen ausgeschlossen. Oder bei Mathematik-Olympiaden. Astronaut darf auch nicht jeder werden.
4. Au weija
GevatterGans 06.06.2013
Vielen Dank für diesen humoristischen Einblick in die Verrückheiten der Überflussgesellschaft. Vielleicht hat Rainald Grebe doch recht wenn er singt: "...Ich bekomme das Gefühl 60 Jahre Frienden sind zu viel..." Die nichtexistenz von echten Problemen führt zur Erfindung von Nichtproblemen. Hervorragend
5. Hihi
LorenzSTR 06.06.2013
Soll das jetzt also irgendwie ironisch verstanden werden, da Herr Fleischhauer natürlich nichts von Antidiskriminierungsmaßnahmen hält und sich die 50er zurückwünscht? Irgendwie misslungen, ich stehe der Bewegung, von der jeder einigermaßen interessierte Zeitgenosse auch ohne gut bezahlten Job beim Spiegel schon gehört haben dürfte, sehr positiv gegenüber - und werde mich durch diesen Denkanstoß erst recht damit auseinandersetzen. Man nennt das Fortschritt.
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