Alternativen für Nichtwähler Die Schill-Killer

Dank Polit-Theater, Korruption und Enttäuschung werden viele Bürger den großen Parteien bei der Bundestagswahl im September ihre Stimme vorenthalten. Etliche Gruppierungen bewerben sich als Alternative - zum Beispiel E-Demokraten, Nachtschwärmer, Monarchisten oder frustrierte Künstler.

Von Kristina Debelius


Wahlplakat der S.C.H.R.I.L.L.-Partei

Wahlplakat der S.C.H.R.I.L.L.-Partei

Schrill statt Schill - so das Motto der S.C.H.R.I.L.L.-Partei, die eine Kreuzchen-Alternative für künstlerisch bewegte Nichtwähler bieten soll. Eines ihrer Ziele: Cash für Künstler, genauer gesagt: auch ein Kuchenstück der Wahlkampfhilfe, denn jede Wählerstimme ist schließlich bares Geld wert.

Eine staatliche Kunstförderung über Umwege also, mit der die Medienkünstler aus Hamburg und Berlin einen Kurzfilm drehen wollen, in dem - so viel sei verraten - Osama Bin Laden und George W. Bush sich umarmen, Kaschmir unabhängig wird und Ärzte für das gleiche Gehalt arbeiten wie Straßenfeger. Wenn das keine Visionen sind, liebe Nichtwähler! Ein besonderes Bonbon für Stimmen-Sponsoren: Jeder, der die S.C.H.R.I.L.L.-Partei unterstützt, kann ein "Projekt 1,8%"-T-Shirt gewinnen und darf bei dem Wahlwerbespot "Der singende Kanzlerkandidat" mitwirken.

Wahlplakat der SPASSPARTEI für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt

Wahlplakat der SPASSPARTEI für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt

Singen darf man auch anderswo: "Ein bisschen Spaß muss sein", trällern die Mitglieder der SPASSPARTEI. Die sieht sich selbst als politische Vertretung der Spaßgesellschaft - und meint das ausnahmsweise ernst. Ihr Ziel: einen Witz loszulassen, "über den sich die uns umgebende verbissene Gesellschaft von weißwurstmampfenden Lederhosenträgern noch totlachen wird".

Klingt bedrohlich, ist aber längst noch nicht alles: Neben dem Witz des Tages, der feierlich während der Abendnachrichten verlesen werden soll, fordern sie beispielsweise mehr Spaß im Bett, daher auch kostenlose Verhütungsmittel oder Bordelle für Frauen. "Das kommt bei den Jungwählern meistens ziemlich gut an. Drei Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben uns bei den Wahlen in Sachen-Anhalt gewählt," erzählt André Marx, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPASSPARTEI.

"Wir sind optimistisch. Einer hat uns mal als Schill-Killer bezeichnet, weil wir der Schill-Partei mit unserem Programm Stimmen abziehen." Schließlich haben die jungen Spaß-Parteisoldaten auch ganz ernsthafte Ziele: Beispielsweise die Preise zurück auf den Stand vom 31. Dezember 2001 zu schrauben, dem Volk mehr Macht bei politischen Entscheidungen zu verleihen, Diäten für übergewichtige Abgeordnete zu verordnen, weiche Drogen zu legalisieren und die Ökosteuer abzuschaffen - schließlich ist Autofahren laut SPASSPARTEI eine Grundfreiheit und soll - natürlich - Spaß machen...

"Partei ohne Programm"

Spasspartei-Wahlplakat für die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

Spasspartei-Wahlplakat für die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

Wer sich jetzt verschreckt vom Terror der Spaßgesellschaft lieber wieder in den anonymen Kreuzchen-Verweigerer-Sessel zurückziehen will, sollte vorher noch einen Blick in die virtuelle Welt werfen. Denn hier findet man endlich mal eine ehrliche Partei: "Wir sind eine Partei ohne Programm", wirbt Zoltán Kovács, Bundespressesprecher der Virtuellen VolksVertreter Deutschlands (VVVD). Und: Auch das ist ernst gemeint. Das Programm wird nämlich vom Volk gemacht: "Die Bürger selbst können Vorschläge zu neuen Gesetzen im Internet einbringen, darüber wird dann online diskutiert und abgestimmt", sagt Kovács.

Das Web wird also zur Wahlstube, der Bürger zum "Partei-User". Was virtuell klingt, hat aber direkt-demokratische Konsequenzen. Die VVVD-Abgeordneten vertreten die Stimme des Volkes im Parlament. "Wenn zum Beispiel 70 Prozent in der Online-Abstimmung für ein Gesetz sind und 30 Prozent dagegen, und wir haben zum Beispiel zehn VVVD-Abgeordnete im Parlament, dann stimmen sieben dafür und drei dagegen."

Ein Plan, der gerade jüngeren Menschen scheinbar aus der Seele spricht: "Die Zahl der Mitglieder hat sich seit unserer Gründung im September 2001 verdreifacht, viele Leute haben uns wirklich blind unterstützt, überwiegend sind das die 18- bis 35-Jährigen," sagt Kovács. Antreten wollen die VirtuellenVolksvertreter aber erst zu den Landtagswahlen 2003.

Friedrich der Große, alias der alte Fritz, ein Vorbild für die "Monarchiefreunde"
DER SPIEGEL

Friedrich der Große, alias der alte Fritz, ein Vorbild für die "Monarchiefreunde"

Wem das zu virtuell oder immer noch nicht genug ist: Die Liste der Partei-Orchideen ist längst noch nicht zu Ende: Die "Monarchiefreunde" etwa sind für die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums und halten lieber dem alten Fritz die Treue als dem schnittigen Gerhard oder dem kantigem Edmund ihr Vertrauen zu schenken. Die "Violetten" dagegen wollen, dass Politik spiritueller wird, während die "Party-Partei" beispielsweise die Aufhebung der Sperrstunde fordert und junge Clubgänger und Wähler auf HipHop-Konzerten anwirbt.

Wenn das alles immer noch nicht überzeugt: Für Hardcore-Wahlverweigerer gibt es noch eine letzte Alternative: die "Nichtwähler". Sie wollen die Stimmen all derer sammeln, die die Wahl ganz bewusst boykottieren. "Wir wollen nicht in einen Topf geworfen werden mit denen, die aus Desinteresse oder Faulheit nicht zur Wahl gehen", sagt "Nichtwähler"-Vorsitzender Wilfried Meyer. Ihr Ziel: Leere Sitze im Parlament als Provokation und ständige Mahnung zu mehr Bürgernähe. "Längerfristig beabsichtigen wir damit, uns selbst überflüssig zu machen", sagt Meyer.

Aber das geht manchmal schneller, als man will. Die "Nichtwähler" treten zumindest bei den Bundestagswahlen im September schon gar nicht mehr an…



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